Ärzte Zeitung, 28.04.2015

Diagnostika-Branche

Neun Forderungen für ein besseres Gesundheitswesen

Die Diagnostika-Hersteller haben neun Stellschrauben identifiziert, mittels derer sich das deutsche Gesundheitswesen optimieren ließe. Sie stärken dabei explizit den behandelnden Ärzten den Rücken und greifen das Thema Vergütung auf.

Von Matthias Wallenfels

Neun Forderungen für ein besseres Gesundheitswesen

Im Labor klären sich mehr als zwei Drittel der Diagnosen.

© angellodeco / fotolia.com

BERLIN. Mit einem Neun-Punkte-Papier will der Verband der Diagnostica-Industrie (VDGH) einen nachhaltigen Diskussionsbeitrag für die zukunftssichere Ausgestaltung des deutschen Gesundheitssystems leisten und den Stellenwert der In-vitro-Diagnostik veranschaulichen. Dazu hat der VDGH seine Positionen zur Weiterentwicklung des Gesundheitswesens veröffentlicht.

Labordiagnostik sei die Grundlage für mehr als zwei Drittel aller ärztlichen Diagnosen und weiteren Therapieentscheidungen. "Gerade dort, wo es vom medizinisch offenkundigen zum abklärungsbedürftigen Fall geht, liefert die Labordiagnostik die Schlüsselinformationen", so Dr. Martin Walger, Geschäftsführer des VDGH. Die Forderungen des VDGH im Einzelnen:

Innovationen

Der Zugang von Laborinnovationen in die Regelversorgung der GKV brauche klar geregelte Zuständigkeiten und Verfahrensregeln, Transparenz über den Beratungsprozess sowie definierte Zeitspannen zur Entscheidungsfindung. Die Mitwirkungsmöglichkeiten für die Industrie, aber auch für Patientenvertreter und wissenschaftliche Experten seien optimierungswürdig.

Vergütung

Diagnostik und Therapie sind, so der VDGH, gleichwertige Eckpfeiler der Medizin. Eine angemessene Vergütung gewährleiste die sichere und präzise Diagnostik zum Nutzen der Patienten. Sie müsse so gestaltet sein, dass Labordiagnostik als ärztliche Leistung flächendeckend erhalten bleibe. Für die Diagnostika-Hersteller setze eine angemessene Vergütung geeignete Anreize, neue Tests zu erforschen und zu entwickeln.

Prävention

Die Früherkennungsprogramme der GKV könnten hinsichtlich des Bekanntheitsgrades und der Inanspruchnahme verbessert werden. Der Gesetzgeber verfolge dieses Ziel derzeit mit dem Ansatz organisierter Einladungsverfahren für einige Früherkennungsmaßnahmen. Organisierte Einladungsverfahren sollten sich aber auf alle Früherkennungsuntersuchungen erstrecken. Der GKV-Katalog der Früherkennungsuntersuchungen sollte zudem ständig an den Stand der Forschung angepasst werden.

Infektionsschutz

Das Infektionsschutzgesetz als Rahmen zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten sollte regelmäßig überprüft werden. Die Selbstverwaltung sollte verpflichtet werden, Vergütungspositionen für das Screening gefährlicher Erreger im Krankenhaus und für die Diagnostik im vertragsärztlichen Bereich zu vereinbaren. Hygiene- und Infektionsschutzmaßnahmen der Einrichtungen müssten über die Qualitätssicherung nach dem SGB V besser abgebildet werden.

Personalisierte Medizin

In der personalisierten Medizin haben (gen)diagnostische Tests bekanntlich eine Schlüsselfunktion. Sie bestimmten Patientenmerkmale, die für die individuelle Wirksamkeit einer Arznei entscheidend sind. Oft sei die labordiagnostische Klärung vor dem Beginn einer Arzneitherapie zwingend. Im SGB V sollte ein "Prinzip kommunizierender Röhren" dahingehend geschaffen werden, dass der für eine Therapie erforderliche Labortest unverzüglich in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen wird und ärztlich abrechenbar ist.

Diabetes-Selbstmanagement

Die Prävention und Früherkennung von Diabetes sowie die Befähigung der Diabetespatienten zu selbstbestimmtem Handeln sollten im Fokus einer nationalen Diabetes-Strategie stehen. Die Blutzuckerselbstmessung sei dabei zentraler Bestandteil einer wirksamen Therapie. Der einseitige Fokus der Kostenträger auf den Preis eines Teststreifens sei der Dimension der Krankheit nicht angemessen. Das SGB V verpflichte auch nur zur Berücksichtigung von Qualität.

In-vitro-Diagnostika

Der VDGH tritt für eine Weiterentwicklung des europaweiten Systems für das Inverkehrbringen von In-vitro-Diagnostika ein. Ein Umschwenken auf ein staatliches Zulassungsregime bringe keine Vorteile. Sinnvoller sei es, die Anforderungen an die staatlich benannten Prüforganisationen zu harmonisieren, um überall das gleiche Maß an Patientensicherheit zu gewährleisten. Ein nach dem Risikopotenzial der Produkte differenzierter Rechtsrahmen sei unverzichtbar. Zusätzliche Bürokratie, die nicht zu mehr Patientensicherheit führe, sei aufgrund der Kostenbelastungen zu vermeiden.

Forschungsförderung

Um Wachstum am Standort Deutschland zu stimulieren und die Innovationskraft der Unternehmen zu erhalten, sollte eine steuerliche F&E-Förderung zusätzlich zur bestehenden Projektförderung eingeführt werden.

IGeL

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) würden häufig als medizinisch überflüssig stigmatisiert. Dies gehe an der Versorgungsrealität vorbei. Alle politisch Verantwortlichen und die GKV seien aufgerufen, sich einem konstruktiven Dialog zu öffnen. Mündige Bürger seien auch als Kassenpatienten in der Lage, eigenverantwortlich zu handeln. Eine wichtige Voraussetzung hierfür sei die ausführliche sachliche Information über die Leistungsinhalte durch den behandelnden Arzt, so der VDGH.

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