Ärzte Zeitung, 06.05.2016

Innovationsfonds als Geldquelle

Der schwierige Spagat der Arztnetze

Praxisnetze sehen sich als Motoren innovativer Versorgungsformen. Die Verteilung der Mittel aus dem Innovationsfonds verlangt Netzärzten aber einen Spagat ab - zwischen lokalen Versorgungsmodellen und einer bundesweiten Übertragbarkeit.

Ein Leitartikel von Hauke Gerlof

Der schwierige Spagat der Arztnetze

Ohne strukturiertes Management kommen Ärztenetze nicht weit.

© Stefan Rajewski / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Die Arztnetze in Deutschland schaffen es immer wieder, Zeichen zu setzen. Zeichen dafür, dass eine lokal oder regional von Ärzten organisierte Versorgung besser funktionieren kann als die Regelversorgung.

Erst kürzlich hat es das Netz "Gesundes Kinzigtal" geschafft, einen unbefristeten IV-Vertrag mit der AOK abzuschließen. Die Netzärzte können jetzt sogar eine eigene Gebührenordnung für Leistungen, die in der IV erbracht werden, aufsetzen.

Das Netz QuE in Nürnberg wiederum hat in einer großen Umfrage unter Patienten gezeigt, dass auch die Patienten die medizinische Versorgung in Arztnetzen schätzen: Die Patienten im Netz sind zufriedener als in der Regelversorgung.

Auch die Träger des Preises der Gesundheitsnetzwerker, der beim Gesundheitsnetzwerkerkongress in Berlin vergeben worden ist, zeigen, wie innovativ Arztnetze lokale Versorgungsprobleme immer wieder angehen, etwa mit der rollenden Arztpraxis im Herzogtum Lauenburg für die Versorgung von Flüchtlingen auf dem Land.

Leuchtturmprojekte

"Gesundes Kinzigtal" und "QuE" als Beispiele herausragender Netzarbeit zeigen, was erreichbar ist, wenn Ärzte in einer Region gut strukturiert zusammenarbeiten: Die Kosten der Versorgung für die Kassen lassen sich unter die Zuweisungen des Gesundheitsfonds drücken, während gleichzeitig die Qualität für die Patienten - kürzere Wartezeiten, bessere Terminkoordination - steigt.

Die Ärzte werden an den Gewinnen der Kassen beteiligt, so haben am Ende alle etwas davon. Doch haben eine solche Win-Win-Win-Situation nur wenige Netze erreicht, vor allem weil die Kassen aus Angst vor höheren Zusatzbeiträgen sehr zögerlich investieren und daher als langfristige Partner häufig nicht verlässlich sind.

Erträge aus vernetzter Versorgung lassen sich aber nur langfristig erzielen, auch das zeigen Projekte wie im Kinzigtal und bei QuE in Nürnberg.

Es ist daher durchaus nachvollziehbar, dass die Netze, nachdem der Boom der IV-Verträge nach Ende der Anschubfinanzierung ausgelaufen war, immer wieder nach der Hilfe des Gesetzgebers gerufen haben - letztlich ging es um eine Zwischenfinanzierung, um die Qualität der Versorgungsmodelle langfristig belegen zu können.

Denn es sind nicht nur einige Leuchtturmprojekte, die von sich reden machen. Immerhin 41 von den KVen anerkannte Netze gibt es mittlerweile, berichtete Dr. Bernhard Gibis, Leiter des Dezernats Verträge und Versorgungsmanagement der KBV, kürzlich bei der Netzkonferenz.

Es könnten in absehbarer Zeit 50 weitere Netze hinzukommen, die den Förderkriterien genügen, lokal, interdisziplinär und populationsbezogen die ambulante Versorgung zu organisieren, so Gibis‘ Einschätzung.

Unterstützung vom Gesetzgeber

Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz und dem Versorgungsstrukturgesetz hat der Gesetzgeber dann dafür gesorgt, dass auch von den KVen Geld fließen kann.

Erst im April meldete die KBV, dass die Vorgaben zur Honorarverteilung gesonderte Vergütungsregeln für Praxisnetze enthalten.

Demnach "müssen", wie es heißt, die KVen solche Vergütungsregeln vorsehen, sie sind aber in der Ausgestaltung dieser Regeln relativ frei: Netze können zum Beispiel über Einmalzahlungen, durch Unterstützung der Qualitätszirkelarbeit, über Aufhebung der Mengenbegrenzung und über Punktwertzuschläge für Leistungen von Netzärzten gefördert werden.

Sie machen auch sehr unterschiedlich von den Fördermöglichkeiten Gebrauch.

Doch kann es eine langfristig tragfähige Lösung sein, wenn die neuen Versorgungsstrukturen, die von Arztnetzen aufgebaut werden, finanziell wieder am Tropf des Kollektivvertrags hängen?

Besser für den Wettbewerb um die beste Versorgung wäre es, wenn Netze unabhängig von den KVen nachweisen könnten, dass sie besser sind als die Regelversorgung.

300 Millionen Euro im Jahr - auch für Arztnetze?

Die Hoffnungen auf zusätzliche Mittel für innovative Versorgungsprojekte richten sich daher nun auf den Innovationsfonds, der in den nächsten vier Jahren jeweils 225 Millionen Euro für innovative Versorgungsformen und 75 Millionen Euro für Versorgungsforschung bereitstellen wird, um neue Ansätze für die medizinische Versorgung zu evaluieren und dann in die Regelversorgung zu überführen.

Für Arztnetze ist das eine große Chance, es stellen sich aber gleich mehrere Probleme.

Zum einen muss, wer eine Chance auf Förderung haben will, auch für Projekte im Innovationsfonds Kassen als Partner zu gewinnen, was, wie die Integrierte Versorgung gezeigt hat, nicht so einfach ist. Das hat GBA-Chef Hecken im Vorfeld der ersten Förderwelle deutlich gemacht.

Zum zweiten sind die formalen Anforderungen an die Projektkonsortien nicht trivial - eine hohe Hürde für Netze, die viel Projektmanagement-Know-how erfordert.

Nicht zuletzt ist die Stärke der Netze gerade, Antworten auf lokale Besonderheiten der Versorgung zu finden. Im Innovationsfonds wird aber nach Modellen gesucht, die übertragbar sind auf die Regelversorgung.

Für die Ärztenetze ist das ein schwieriger Spagat, der aber im Verbund durchaus lösbar ist. Die Projekte, die bei der Netzkonferenz mit Blick auf eine Förderung durch den Innovationsfonds vorgestellt worden sind, geben die Richtung vor.

Die Initiatoren der elektronischen Arztvisite (elVi), des Projekts zur Abwendung der Antibiotika-Resistenz (ARENA) und die Open-Notes-Initiative (Zugang von Patienten zur Patientenakte des Arztes) sind netzübergreifend angelegt und erheben den Anspruch, auf die Regelversorgung übertragbar zu sein.

Wenn es gelingt, die Umsetzbarkeit von regionalen Modellen in der breiten Versorgungswirklichkeit zu zeigen, dann spätestens sollten gut organisierte Praxisnetze auch außerhalb der KVen Quellen für die Finanzierung ihrer Arbeit zu finden.

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