Ärzte Zeitung online, 08.11.2018

Die Alternative zur KI

Software stellt Ärzten Wissen mundgerecht bereit

Kein Arzt kann alles wissen, jede Studie über ein Thema gelesen haben – Kollege Computer dagegen schon: Ein noch junges Unternehmen aus Heidelberg will Ärzten die richtigen Informationen zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stellen.

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Screenshot: So sieht ie App Mediteo aus.

© Denys Prykhodov / Fotolia

HEIDELBERG. Macht Künstliche Intelligenz (KI) Ärzte dümmer? Weil die Mediziner nicht mehr selbst ein EKG interpretieren oder nach Spuren von Metastasen in Röntgenbildern suchen müssen, wenn das Kollege Algorithmus übernimmt: Können sie es dann irgendwann nicht mehr? Genau dieser Effekt der KI wird derzeit unter Ärzten, Informatikern und Medizinethikern kontrovers diskutiert.

Fakt ist: Ein Arzt kann nicht alle relevanten Studien und Leitlinien für alle Erkrankungen in allen Details im Kopf haben, dazu entwickelt sich die Forschung viel zu schnell. Wenn man es aber erreichen könnte, dass die gerade im Patientengespräch erforderliche Information über ein Detail der relevanten Leitlinie im Netz oder im Computer nur einen Mausklick entfernt ist, dann wäre im Praxis- und Klinikalltag viel gewonnen.

Unternehmen 2015 gegründet

Genau das ist das Ziel der 2015 gegründeten Gotthardt Health Group (GHG): „Medical Evidence to Action“ lautet das Motto der Gruppe, die von dem Gastroenterologen und Software-Spezialisten Professor Daniel Gotthardt geführt wird. Die Dienstleitungen des Unternehmens, so heißt es auf der GHG-Website des Unternehmens, unterstützen „alle Teilnehmer im Gesundheitsmarkt positiv und nachhaltig bei Arbeitsabläufen, Prozessen und Verhaltensweisen und bieten zudem aussagekräftige Erkenntnisse über heutige Behandlungswege“. Diese Unterstützung bietet die Gruppe zum einen über den GHG Praxisdienst, zum anderen über die App Mediteo für Patienten.

Dabei baut Gotthard aber auf die in diesen Systemen – etwa zu Dokumentationszwecken, zur Abrechnung oder für das Arzt-Patientengespräch – gespeicherten medizinischen Informationen auf. Zum Beispiel Befunde, verschlüsselte Diagnosen, gespeicherte Medikamente und Laborwerte, die er sich über Schnittstellen in seine Software holt. GHG sei dabei „offen für alle Anbieter“, betont Daniel Gotthardt.

Passende Patienten aufgespürt

Software stellt Ärzten Wissen mundgerecht bereit

GHG-Chef Daniel Gotthardt

© Gotthardt Health Group

Auch das erste Standbein, der GHG Praxisdienst, arbeitet auf Basis dieser Informationen aus der Praxis-EDV. Der Praxisdienst spürt Patienten in der elektronischen Kartei des Arztes für den StudienFinder auf, die für aktuell laufende Studien passen könnten. „Auch für austherapierte Patienten können wir so manchmal neue Wege aufzeigen“, sagt Gotthardt.

Weil er so gleichzeitig für Studien dringend benötigte Patienten vermittelt, finanziert sich das Unternehmen unter anderem über diese Einnahmen – auch die Ärzte werden natürlich für die Beteiligung an den Studien honoriert. GHG verfüge über Kontakte zu mehr als 20 Universitätskliniken und arbeite mit mehr als 500 Forschungspartnern aus fast allen Facharztgruppen, über ganz Deutschland verteilt, zusammen, beschreibt Gotthardt im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ sein Netzwerk.

Weitere Services, die über den kostenlosen Praxisdienst verfügbar sind:

  • der Ausdruck von Patienteninformationen in mehreren Sprachen, die aktuelle Leitlinien in verständlicher Sprache zum Patienten bringen,
  • die Chance mit Hilfe der Software Muster zu erkennen, die auf seltene Erkrankungen hindeuten,
  • die Arbeit mit Scores aus vielen Gebieten, von der Dermatologie, über die Neurologie bis hin zu kardiovaskulären Scores. Damit lassen sich Patienten Risiken deutlich machen, die sie mit ihrem Lebensstil eingehen. So kann mit PROCAM-Daten Patienten vor Augen geführt werden, was es bringt, mit Rauchen aufzuhören – und was eine Gewichtsabnahme um 10 kg für Auswirkungen auf Risiken hätte.
  • Noch in der Entwicklung ist der Bereich, Ärzte automatisch auf Leitlinienänderungen oder Therapieempfehlungen hinzuweisen, wenn es vom Behandlungsablauf oder den Befunden her gerade angezeigt ist.

Medikationsplan per Smartphone

Die App Mediteo, das zweite Standbein der Holding, richtet sich mit ihrem Ansatz zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit eher in Richtung Patienten.

Die App erlaubt es, den Medikationsplan per Smartphone via Barcode einzuscannen, sie hilft, die Medikamenteneinnahme zu tracken, sie erinnert den Patienten selbsttätig, seine Medikamente einzunehmen, und weist rechtzeitig darauf hin, dass die alte Packung bald leer sein wird.

Der Interaktions-Check läuft zudem über alle Medikamente: die vom Arzt rezeptierten und die in der Apotheke als OTC gekauften – vorausgesetzt, der Patient scannt die Packung ein oder notiert das ;otteö in der App. Nach eigenen Angaben wird Mediteo, das auch an die Gesundheitsakte der CompuGroup Medical, CGM Life, angeschlossen ist, derzeit von über 25.000 Patienten regelmäßig genutzt – unter anderem über das Projekt Arzneikonto NRW.

Dem allerersten Start-up-Alter ist GHG mittlerweile entwachsen, in den kommenden zwei Jahren soll der Break even erreicht sein. Rund 30 Angestellte arbeiten an den Projekten am Standort in Heidelberg. Immer wieder sucht Gotthardt Ärzte, die „ihre Fähigkeiten in Richtung Patienten multiplizieren wollen“, so der Unternehmensleiter.

Nur wenige Ärzte könnten in diesem Feld viel erreichen, um die richtigen Informationen im richtigen Moment zum Arzt zu bringen. „Precision Software“, glaubt der Gastroenterologe, sollte von Ärzten gemacht sein, denn nur die haben das richtige Know-how dafür. (ger)

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