Ärzte Zeitung online, 04.12.2017
 

Existenzgründung

Niederlassung mit 57? Das kann gehen

57 Jahre alt, Oberärztin – und dann doch noch der Sprung ins kalte Wasser? Intensivmedizinerin und Neurologin Angelika Weiß-Köhler aus Bayreuth wagte den Schritt in die Existenzgründung und ist jetzt ihre eigene Chefin.

Von Jürgen Stoschek

Niederlassung mit 57? Das kann gehen

Neurologin Angelika Weiß-Köhler und Finanzexperte Jürgen Eichner in den neuen Praxisräumen.

© sto

BAYREUTH. Für eine Niederlassung ist es nie zu spät. Nach mehr als 25 Jahren in der Klinik hat die Neurologin Angelika Weiß-Köhler mit 57 Jahren den Sprung gewagt und vor Kurzem in der Innenstadt von Bayreuth ihre eigene Facharztpraxis eröffnet. "Ich will endlich mein eigener Chef sein, mehr Zeit für die Familie haben und Patienten auch über eine längere Zeit begleiten", begründet Weiß-Köhler ihre Entscheidung.

Begonnen hat Weiß-Köhler ihre berufliche Tätigkeit 1990 in Bayreuth in der Anästhesie. Nach der Facharztprüfung zur Intensivmedizin wechselte sie 1998 in die Klinik Hohe Warte, heute zugehörig zur Klinikum Bayreuth GmbH. Das Krankenhaus deckt eine große Bandbreite neurologischer und benachbarter Fachbereiche ab – mit großer neurologischer Abteilung mit interdisziplinärer Intensivstation, Stroke Unit, Intermediate Care, Früh-Rehastation für Schädel-Hirn-Verletzte inklusive Weaning-Station, neurologischer Abteilung und Akutklinik für die Versorgung von Querschnittspatienten.

In diesem Haus hat Weiß-Köhler in allen neurologischen und querschnittspezifischen Bereichen gearbeitet. Als erstes war sie auf einer Intermediate Care Station tätig. 2006 folgte der Facharzt für Neurologie.

Telemedizin mit aufgebaut

Auch in der Klinik änderte sich im Lauf der Jahre einiges. 2004 kam es zur Fusion mit dem Klinikum Bayreuth. Es gab Umstrukturierungen und personelle Veränderungen. Das telemedizinische Netzwerk zur Versorgung von Schlaganfallpatienten in Nordbayern (STENO) entstand in dieser Zeit.

"Das alles war mehr als ein Fulltime-Job", erinnert sich Weiß-Köhler, die seit 2008 auf der interdisziplinären Intensivstation mit 16 Beatmungsbetten als Oberärztin Verantwortung trug. "Irgendwann wurde mir klar, dass ich das in dieser Form nicht bis zum Ruhestand machen wollte. Ich wollte selber über meine Freizeit bestimmen können und nicht immer nur von Dienstplänen abhängig sein." Der Gedanke, sich niederzulassen, nahm immer mehr Gestalt an.

Ruhestandspläne vor Niederlassung

Vor knapp drei Jahren kreuzten sich die Wege der Neurologin Weiß-Köhler und des Finanzexperten Jürgen Eichner. Der Bankfachwirt aus Bayreuth ist Fachberater für Heilberufe beim Finanzdienstleister MLP und Spezialist für Ruhestandsplanung.

"Das Thema Ruhestandsplanung sollte man nicht erst mit 64,9 Jahren anpacken", erklärt Eichner. Deshalb hatte er Weiß-Köhler, die er aus der Klinik schon länger kannte, frühzeitig angesprochen. "Aber Frau Weiß-Köhler hatte alles andere als den Ruhestand im Kopf", erinnert sich Eichner. Sie wollte noch einmal durchstarten und hatte auch schon eine Praxis im Auge, die ein Nervenarzt aus Altersgründen verkaufen wollte.

"Anfangs konnte ich mir das konkret nicht so richtig vorstellen. Klar war nur, dass meine Familie finanziell nicht belastet werden darf", erinnert sich Weiß-Köhler. Zusammen mit Eichner erfolgte eine systematische Abwägung des Für und Wider. Wichtig war insbesondere die Frage "Trägt sich die Praxis, und kann ich die finanziellen Verpflichtungen in den kommenden zehn bis zwölf Jahren stemmen?", so Weiß-Köhler. Detaillierte Standort- und Wirtschaftlichkeitsanalysen sowie eine WorstCase-Betrachtung ergaben nach Eichners Angaben, dass sich die Pläne umsetzen lassen. "Bei einer Praxisübernahme wie in diesem Fall haben wir den Vorteil, dass wir mit vergleichsweise festen Zahlen des Vorgängers rechnen können", erläutert Eichner.

Die Finanzierung über die Bank und die diversen vertraglichen Vereinbarungen gingen ohne Probleme über die Bühne. "Die ganze Niederlassungsphase in nur 13 Monaten mit allen Fristen zu bewältigen, das war schon sehr sportlich", meint Eichner.

Ein ganzes Team an Experten kümmert sich um alle wichtigen Finanzfragen, so dass sich der Arzt oder die Ärztin ganz auf die Arbeit konzentrieren kann, betont der MLP Berater. "Wir schauen, wie die Praxis im Vergleich zu anderen Praxen dasteht, wie sich die Personalkosten entwickeln und ob die KV-Abrechnung passt."

MFA mussten geschult werden

Eigentlich hätte sie die Praxis ihres Vorgängers, so wie sie war, übernehmen können, erklärt Weiß-Köhler. "Das war alles in Ordnung, aber analog." Von der Klinik war sie anderes gewohnt. Die Umrüstung auf den aktuellen Stand der digitalen Technik war daher eine zusätzlich Herausforderung. Zumal die Zeit inzwischen knapp wurde.

Der Auflösungsvertrag mit der Klinik zum 30. September war unterschrieben, in der Praxis musste aber noch einiges umgebaut und installiert werden. "Am 23. Oktober saßen die ersten Patienten im Wartezimmer", berichtet Weiß-Köhler. Während der Umbauphase wurden die Medizinischen Fachangestellten, die sie übernommen hatte, an den neuen Geräten geschult.

Statt eines PC nun sieben Computer

"Jetzt ist alles digitalisiert, wir haben kaum noch Papier", beschreibt Weiß-Köhler die neue Situation. "Statt eines PC mit einem winzigen Bildschirm haben wir jetzt sieben Computer." In den Behandlungsräumen stehen die neuesten Geräte für EEG und elektrophysiologische Untersuchungen. Der Blechschrank mit den alten Patientenakten steht in einem Nebenraum. Wenn Patienten ihres Vorgängers zur Behandlung kommen, werden die Unterlagen mit einem Hochleistungsscanner eingelesen.

Zur Frage, ob sich mit der Niederlassung ihre persönliche Situation wie gewünscht verbessert hat, räumt Weiß-Köhler ein, dass sich das nach so kurzer Zeit noch nicht beantworten lässt.

Was sich jedoch verändert hat, sind die Patienten. "Im Vergleich zur Intensivstation findet viel mehr direkter Austausch mit den Patienten statt. Ich fühle mich sehr wohl, wenn ich am Ende des Tages die Praxis abschließe", sagt Weiß-Köhler.

"Ich fühle mich freier. Und ich freue mich, dass wir das alles zusammen in so kurzer Zeit geschafft haben."

41,8 Jahre alt waren Ärztinnen 2016 im Durchschnitt bei Existenzgründung. Das zeigt die Existenzgründungsanalyse des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Kooperation mit der apoBank.

[05.12.2017, 12:57:17]
Dr. Hartwig Raeder 
Zusatzfrage
Ihre Familie darf finanziell nicht belastet werden. Auch nicht durch eine Bürgschaft? zum Beitrag »
[04.12.2017, 08:35:04]
Dr. Hartwig Raeder 
Anmerkungen
Ich habe mich mit 56 Jahren niedergelassen und bereue es keine Minute. Ich verstehe die ganze Diskussion nicht. Selbstverständlich muss man im Alter die Praxiskosten aus dem Ersparten bezahlen können. Meine Finanzierung hat nur wenige Stunden und nicht 13 Monate gedauert. Man muss mit 65 Jahren ein Vermögen von 3,5 Millionen Mark haben, um eine lebenslange monatliche Rente von 10.000 Mark erwarten zu können. Das stand schon vor mehreren Jahrzehnten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wer das als Arzt nicht schafft, hat etwas falsch gemacht. Und dann kann man jede Praxis aus der Portokasse bezahlen. Der Kaufpreis meiner Landarztpraxis hatte sich bereits nach zwei Quartalen amortisiert. zum Beitrag »

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