Ärzte Zeitung, 12.08.2009

Leere Stellen in den Praxen bleiben unbesetzt

Die Versorgung in Nordwürttemberg ist auf steiler Talfahrt. Die Ärztezahl ist rückläufig und das medizinische Personal wird entlassen.

Von Volker Rothfuss

In Nordwürttemberg wurde bereits jede vierte Arzthelferin entlassen, dabei sind neue Jobs für die Betroffenen mehr als rar.

In Nordwürttemberg wurde bereits jede vierte Arzthelferin entlassen, dabei sind neue Jobs für die Betroffenen mehr als rar.

Foto: Bogdanski©www.fotolia.de

Peter Müller (Name geändert), 62, niedergelassener Internist in Aalen, hat kürzlich von drei Arbeitsverhältnissen eines gestrichen. Die Arztpraxis in der ostwürttembergischen 67 000-Einwohner-Stadt kommt nun mit zwei statt drei Arzthelferinnen aus. Die leer geräumte Stelle wird nicht wieder besetzt. Praktisch herrscht bei Müller Einstellungstopp.

Eine Umfrage bei rund 2500 niedergelassenen Ärzten im nördlichen Württemberg ergab, dass nahezu kein Arzt neue Arzthelferinnen benötigt. Jede vierte Arztpraxis musste in diesem Jahr sogar Personal entlassen, davon die Hälfte Vollzeitkräfte. Weitere 36 Prozent rechnen damit, im weiteren Verlauf des Jahres 2009 zusätzlich Arzthelferinnen freisetzen zu müssen. "Und das, obwohl die Patienten ihren Arzt nach wie vor häufig in Anspruch nehmen", so Dr. Klaus Baier, Präsident der Bezirksärztekammer Nordwürttemberg.

Immer weniger Praxen bilden aus

Bemerkenswert ist auch der Schwund bei den Ausbildungsplätzen. Während die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge für Medizinische Fachangestellte in den letzten Jahren um bis zu sechs Prozent pro Jahr nach oben gingen, kam im Winter 2008/2009 der freie Fall um 14 Prozent, statt 372 gab es zuletzt nur noch 320 Verträge. Dazu Sabine Ridde, Präsidentin vom Verband medizinischer Fachberufe (VMF): "Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge und weisen die Verantwortlichen darauf hin, wieder mehr auszubilden."

"Monetäre Gründe", macht Baier als Ursache aus und meint damit vor allem die schlechten Honorare, unsichere KV-Planungszahlen und die Weigerung vieler Banken, an junge Ärzte Kredite zu vergeben. "Die Gesellschaft muss sich klar darüber sein, dass sich die wohnortnahe medizinische Versorgung durch niedergelassene Ärzte in kurzer Zeit verschlechtern wird."

Rund 1000 Ärzte gehen demnächst in Ruhestand

Für die erfolgsverwöhnten Schwaben sind solche Negativprognosen neu. Gleichwohl sind die Mieten und Immobilien dort, wo sie wohnen und arbeiten, weitaus teurer als anderswo in der Bundesrepublik. Das Debakel spüren nun die Familien, die beim Doktor im Ort für ihre Töchter keine Ausbildungsstelle mehr erhalten. Fühlbar wird es aber auch für die entlassene Mutter aus Aalen, die bei Arzt Müller bislang in Teilzeit vormittags arbeiten konnte. Ohne den 400-Euro-Job hat sie es mit der Familie schwer.

Dabei ist fraglich, ob es die Arztpraxis Müller in ein paar Jahren noch geben wird. Denn die Anzahl der praktizierenden Ärzte nimmt stetig ab. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2009 sind rund zehn Prozent der niedergelassenen Ärzte in den Ruhestand getreten. Statt bisher 2678 (31.12.2008) beträgt die Zahl der beruflich aktiven Ärzte zur Zeit nur noch 2424 (31.7.2009). Der ärztliche Versorgungsgrad bleibt in Nordwürttemberg dennoch zehn Prozent über den offiziellen Bedarfszahlen.

Auch Müller stützt durch seine Berufstätigkeit den aktuell hohen Versorgungsgrad. Doch der Ostwürttemberger bewegt sich biografisch aufs Berufsende zu und mit ihm rund 1000 weitere Kollegen. Von dieser Entwicklung alarmiert, sieht Baier für die Versorgungslage eine Dramatik voraus, "die von den gegenwärtigen Zahlen noch nicht wiedergespiegelt wird."

Der Grund: Praxen, die dann aus Altersgründen schließen, werden von Jüngeren nicht mehr übernommen. Viele ältere Kollegen führen derzeit ihre Praxis weiter.

Umfrage zur Wirtschaftskrise unter Ärzten

Im Frühjahr 2009 erhob die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg statistisch die Situation in den Praxen. Zuverlässiger Gradmesser für die wirtschaftliche Lage ist die Personalplanung. 5500 Ärzte wurden schriftlich befragt.

  • 46 Prozent der Befragten (2530 Ärzte) haben sich beteiligt. Gefragt wurde nach Umsatzerwartung und Personalplanung. Die Fragen zielten auf Personalbedarf, Kündigungen und die Besetzung von Ausbildungsplätzen für angehende Medizinische Fachangestellte (MFA).
  • 97 Prozent wollen kein neues Personal in diesem Jahr einstellen. Nach Auswertung der Fragebögen war außerdem klar: Fast ein Viertel der Arztpraxen in Nordwürttemberg musste aus "monetären Gründen" sogar Personal entlassen.
  • Die neuen MFA-Ausbildungsverträge sanken im Winter 2008/2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 372 auf 320 Verträge. Schon im Jahr 2008 hatte es einen Rückgang in der Ausbildung gegeben. Für Ende 2009 wird ein Ergebnis schlechter als 2006 erwartet.

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