Ärzte Zeitung, 22.09.2008

Ein Exot kämpft um mehr Aufmerksamkeit

Als Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie ist Dr. Burckhard Schürenberg aus Schleswig ein Einzelkämpfer. Exoten wie er kämpfen nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit ums Überleben.

Von Dirk Schnack

Ein Exot kämpft um mehr Aufmerksamkeit

Sprach- und Stimmstörungen geht der Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie auf den Grund.

Die Hilferufe von Dr. Burckhard Schürenberg sind eigentlich laut genug. Mal schildert er dem Ombudsverein die Probleme der niedergelassenen Ärzte, mal setzt er KV, Ärztekammer oder Kassenchefs über die Probleme an der Basis in Kenntnis. Post mit deutlichen Worten zu den Themen Budgetierung, Wartezeiten oder Honorarreform haben sie alle schon aus Schleswig bekommen. In der Öffentlichkeit aber ist kaum etwas über seine Fachgruppe bekannt.

Schürenberg ist niedergelassener Facharzt für Sprach-, Stimm- und kindliche Hörstörungen. Er ist der einzige nördlich des Nord-Ostsee-Kanals. Im ganzen Bundesland gibt es nur sechs niedergelassene Kollegen. Unter den 4500 Vertragsärzten stellen sie in Schleswig-Holstein eine kaum wahrgenommene Minderheit.

Im Kern kämpfen sie mit den gleichen Problemen wie die Hausärzte - außer ihren Patienten interessiert das allerdings kaum jemanden. Dabei spielen sie für die Versorgung eine wichtige Rolle. Als Einzelkämpfer betreut Schürenberg rund 1000 Patienten im Quartal. Davon sind etwa die Hälfte HNO-Patienten, die andere Hälfte phoniatrische, die meisten noch im Kindesalter und zeitaufwendig. Viele von ihnen weisen Kinderärzte für eine weiterführende Diagnostik zu. Ohne niedergelassene Phoniater würden diese Kinder keinen Ansprechpartner finden - die Unikliniken könnten den Andrang nach Einschätzung Schürenbergs nicht bewältigen.

Ohne Privatpatienten würde die Praxis nicht überleben

Der Schleswiger Arzt arbeitet unter Budgetbedingungen aber regelmäßig die letzten Wochen im Quartal unentgeltlich. Ohne seine Privatpatienten (Anteil 14 Prozent) würde Schürenberg, der auch HNO-Facharzt ist, seine Praxis nicht halten können.

Er scheut sich nicht, Zahlen zu nennen: Über die GKV erzielt er einen Jahresumsatz von 140 000 Euro bei Kosten von 105 000 Euro. Von der Differenz muss er die Altersvorsorge und andere Versicherungen bestreiten - seine Existenz sichern also die Privatpatienten.

Um so ärgerlicher findet Schürenberg die Diskussion um eine Bevorzugung von Privatpatienten bei Wartezeiten und Service. "Wartezeiten lassen sich bei Hausärzten kaum vermeiden", sagt Schürenberg. Er selbst kann besser planen, da in seiner Praxis akute Fälle vergleichsweise selten vorkommen. Für die hält er in seinem Terminplan Einsatzzeiten frei, ebenso für die Nachsorge. Wer ohne Termin kommt, muss warten oder kann auf einen nicht von Akutfällen besetzten Termin hoffen.

Das System hat sich bewährt, nachdem Schürenberg zuvor eine Statistik über die Zahl der planbaren und der akuten Fälle ausgewertet hat. Ergebnis: Terminpatienten können bei ihm damit rechen, schnell behandelt zu werden - unabhängig davon, ob sie Kassen- oder Privatpatient sind.

Seine Einzelpraxis hat er erst Anfang 2007 eröffnet, nachdem er seit 1989 mit einem HNO-Kollegen in Gemeinschaftspraxis gearbeitet hatte. Als dieser in Rente ging, entschloss sich Schürenberg, gegen den Trend auf einen Praxispartner zu verzichten. Grund: Bei phoniatrischen Untersuchungen ist Ruhe erforderlich, der normale Praxisbetrieb kann da störend wirken. Der Praxispartner müsste aus der gleichen Fachgruppe sein - solche sind aber rar. Schürenberg hat dennoch vorgesorgt und bei der Planung seiner Praxis darauf geachtet, dass diese auch gemeinsam mit einem Kollegen genutzt werden kann.

Um von den GKV-Einnahmen leben zu können, wäre nach seiner Rechnung eine deutliche Honoraraufstockung erforderlich. Nach fast 20 Jahren Niederlassung weiß Schürenberg, dass dies unrealistisch ist. Die Appelle der Ärzte müssen sich nach seiner Ansicht an Krankenkassen und Politik wenden. Die haben zwar mit erheblicher Verzögerung das Thema hausärztliche Versorgung entdeckt, vergessen laut Schürenberg dafür aber kleine Facharztgruppen: "Die werden allein gelassen."

Phoniatrie und Pädaudiologie - das jüngste Fachgebiet Deutschlands

Die Phoniatrie und Pädaudiologie hat ihre Wurzeln in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und war ein Teilgebiet dieses Fachgebietes. 1992 erhielt die Phoniatrie und Pädaudiologie einen selbstständigen Status und ist nach Angaben der zuständigen Fachgesellschaft das jüngste Fachgebiet in Deutschland. Die Facharztausbildung dauert mindestens fünf Jahre. Es handelt sich um ein gemischtes chirurgisch-konservatives Fachgebiet, wobei aber die operative Tätigkeit nicht im Vordergrund der klinischen Tätigkeit steht.

Zu den Aufgaben der Phoniatrie und Pädaudiologie zählt die Diagnostik, Therapie und Forschung in den Bereichen Stimmstörungen, kindliche Hörstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Störungen der Sprech- und Sprachentwicklung, erworbenen Sprech- und Sprachstörungen (etwa Aphasien) und Schluckstörungen. Die Fachärzte arbeiten eng mit HNO- und Kinderärzten, Neurologen und Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen zusammen.

(di)

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