Ärzte Zeitung, 06.07.2009

Bares beschleunigt Behandlungsprozesse

Die kostenfreie Krankenbehandlung steht in Russland jedem gesetzlich Versicherten zu - im Prinzip. Ein Besuch in einer Tagesklinik im sibirischen Akademgorodok führt die Realität vor Augen.

Von Katlen Trautmann

Op gegen Vorkasse: Dr. Andrej Schewela in seiner Klinik in Sibirien.

Foto: tra

Dr. Andrej Iwanowitsch Schewela setzt auf Marktwirtschaft. Er leitet das Zentrum für neue medizinische Technologien in dem sibirischen 5000-Einwohner-Städtchen Akademgorodok, einer Ausgründung des zur Russischen Akademie der Wissenschaften gehörenden örtlichen Institutes für chemische Biologie und medizinische Grundlagen.

Eigentlich ist die medizinische Behandlung im staatlichen Krankenversicherungssystem Russlands - zumindest will es das Gesetz so - kostenfrei. Doch in der Realität kommen Patienten selbst in Härtefällen oft nicht weit auf der Suche nach der kostenfreien Behandlung. Der Grund: Das Gesundheitssystem ist chronisch klamm.

Das Herzstück von Schewelas Tagesklinik bildet eine Station zur Behandlung von Kindern im Alter von zwei Wochen bis 17 Jahren mit frühkindlichen Hirntraumata. Die Tagesklinik mit mehreren OP-Sälen und 20 Betten betreut täglich 300 Patienten. Das moderne Ambiente unterscheidet sich äußerlich kaum von vergleichbaren westeuropäischen Häusern.

Patienten müssen finanziell in Vorleistung gehen

Doch die Unterschiede beginnen beim Geld - und hier wird es unübersichtlich. Eine Laparoskopie wird laut Schewela mit umgerechnet 700 Euro veranschlagt. Auch die Kosten für die Langzeitbehandlung von traumatisierten Kinder in Höhe von rund 355 Euro je zwei Wochen müssen die Eltern zunächst aus eigener Tasche bezahlen.

"Jeder kann sich bei uns behandeln lassen. Unsere Preise sind gut", betont Schewela. Patienten müssten den Betrag vorstrecken und könnten ihn sich von den staatlichen Stellen per Antrag zurückholen. Theoretisch klingt das unkompliziert, doch praktisch handelt es sich um für russische Einkommensverhältnisse fast astronomische Summen.

Die Summen sind für die meisten Russen unbezahlbar

Ein Professor verdient im Durchschnitt monatlich rund 725 Euro, sagt der Vize-Rektor der staatlichen Lomonossow-Universität Moskau, Dr. Alexei Koklow. Eine Krankenschwester in einer gewöhnlichen staatlichen Einrichtung muss sich mit umgerechnet weniger als 200 Euro begnügen. Von solchen Summen lässt sich der Beitrag auch für die billigste private Krankenpolice nicht abzwacken.

Das russische staatliche Krankenversicherungssystem ist unübersichtlich. Es gibt föderale und regionale staatlichen Krankenversicherungsfonds und private und staatliche Versicherungskassen. Der Krankenversicherungsbeitrag ist in Russland Bestandteil der so genannten Sozialsteuer auf den Lohn, die auch den Renten- und Sozialversicherungsbeitrag enthält.

Diese einheitliche Sozialsteuer macht 26 Prozent des Arbeitnehmergehalts aus. Bezahlen muss der Arbeitgeber. Von der Sozialsteuer wandert der im Vergleich zu Deutschland verschwindend kleine Beitragssatz von 2,8 Prozent als Krankenversicherungsbeitrag in die Fonds der obligatorischen Krankenversicherung. Das mag den notorischen Geldmangel im russischen Gesundheitswesen teilweise erklären.

Gesetzlich versicherte Patienten haben in dem Riesenland so gut wie keine freie Wahl ihres Arztes. Russische Arbeitgeber geben zudem gegenüber den Steuerbehörden nur Bruchteile der tatsächlich gezahlten Gehälter an, wie die Moskauer Deutsche Zeitung berichtete.

Staatliche Versicherungsfonds würden, so Uni-Rektor Koklow, nach einer Faustregel pro Versicherten und pro Jahr rund 83 Euro ausgeben. Deswegen müssten gesetzlich versicherte Patienten bei fast jedem Arztbesuch ihre nach dem Gesetz kostenlose Behandlung bezahlen und Medikamente, Wäsche und Nahrung selbst mitbringen. Es sind Fälle bekannt, in denen auch für die Narkose vor einer Op ein Extra-Obolus fällig wurde.

An solchen Umständen scheint Dr. Schewela von der Tagesklinik sich nicht aufzureiben. Er setzt perspektivisch auf Patienten aus dem Westen. Vorsorglich hat er seine Klinik von einer deutschen Einrichtung schon einmal zertifizieren lassen.

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