Ärzte Zeitung, 19.10.2010

Friedrichskoog atmet auf: Der Arzt ist da!

Der neue Landarzt am Nordseedeich ist dunkelhäutig und kommt aus Sierra Leone. James Peter Tucker und seine Patienten in Dithmarschen freuen sich aufeinander.

Von Dirk Schnack

Friedrichskoog atmet auf: Der Arzt ist da!

Schnacken mit Patienten auf Dithmarscher Platt, das will Landarzt James Peter Tucker aus Sierra Leone in seiner Praxis bald möglich machen.

© di

FRIEDRICHSKOOG. In Dithmarschen erwarten einen die Deutsche Kohlstraße, ein langer Deich an der Nordsee und jede Menge Windräder. James Peter Tucker hat für all das bislang noch nicht viel Zeit gehabt. Der neue Landarzt von Friedrichskoog hat alle Hände voll zu tun, nachdem er am 4. Oktober seine Praxis eröffnet hat. Hausbesuche und eine gut gefüllte Sprechstunde nehmen den Familienvater voll in Anspruch beim Start in die Selbstständigkeit.

"Ich habe keine Zweifel, dass die Menschen hier meine Arbeit annehmen. Und meine Arbeit ist mein Leben", sagt Tucker. Die ersten Patienten haben schon am ersten Tag ihre Hoffnung geäußert, dass der neue Arzt länger bleibt. Zuletzt hatte es zwei Übergangslösungen in dem kleinen Ort an der Nordsee gegeben, nachdem ihr langjähriger Arzt Dr. Wolf-Günter Riesenkampff lange Jahre intensiv nach einem Nachfolger gesucht hatte (wir berichteten).

Nun hoffen alle Seiten, dass eine langfristige Lösung gefunden wurde: Die Patienten, damit ihnen die Wege zu den Ärzten ins benachbarte Marne erspart bleiben. Das sind mit dem Auto zwar nur wenige Minuten. Patienten ohne Auto aber müssen am frühen Morgen um sieben Uhr mit dem Bus fahren und kommen erst mittags nach Hause zurück.

Die Gemeinde, weil sie die Versorgung für ihre Einwohner gesichert sehen will und weil sie für ihre Anerkennung als Seeheilbad dringend einen Badearzt benötigt, der zudem wichtig für das Kurmittelhaus mit acht Angestellten ist. Die Kollegen im Nachbarort waren zwar bereit, für eine Übergangszeit die 2500 Friedrichskooger und ihre 3500 Feriengäste mit zu versorgen. Doch ihre vollen Sprechzimmer zeigen, dass der Kollege in Friedrichskoog die dringend benötigte Entlastung bringt.

Schließlich Tucker selbst: Er hatte sich gezielt einige Praxen in Schleswig-Holstein angesehen. In Friedrichskoog gefielen ihm nicht nur Land und Leute, sondern auch die Konstellation: Hier ist die Gemeinde Eigentümerin der Praxisimmobilie. Für rund 200 000 Euro wurde die Praxis aufwändig saniert. Tucker zahlt 900 Euro Kaltmiete für 1800 Quadratmeter. So kann er in die Selbstständigkeit starten, ohne sich zu verschulden.

Der 48-Jährige hat seine aus Unterfranken stammende Ehefrau und vier Kinder schon im Sommer nach Dithmarschen vorgeschickt, während er sein letztes Arbeitsverhältnis in einer Kurklinik in Timmendorf beendet hat. Inzwischen hat sich seine Familie in Dithmarschen bereits eingelebt - für ihn das wichtigste, um hier langfristig Fuß zu fassen. Seine Frau sucht derzeit noch nach einer Stelle als Erzieherin.

Tucker ist seit 1988 in Deutschland. Er kommt aus einem der ärmsten Länder der Welt: Sierra Leone. In Deutschland büffelte Tucker zunächst die Sprache, dann begann er mit dem Medizinstudium am Hamburger UKE. Seine Facharztausbildung absolvierte er in Schweden. Die Arbeit in der Mutter-Kind-Klinik an der Ostsee hat ihm zwar gefallen, verlief für seinen Geschmack aber zu sehr in festen Bahnen und bot zu wenig medizinische Herausforderung.

Die sieht er nun als Hausarzt in Friedrichskoog. Könnte zu diesen Herausforderungen auch eine ablehnende Haltung wegen seiner Hautfarbe zählen? Bürgermeister Gerd Dethlefs stellt klar: "Herr Tucker ist hier willkommen. Viele von uns kennen ausländische Ärzte aus dem Krankenhaus in Brunsbüttel und haben sehr gute Erfahrungen mit ihnen gemacht." Dass es dennoch vereinzelt Patienten gibt, die lieber den weiteren Weg nach Marne auf sich nehmen, kann Dethlefs nicht ausschließen. Er hält diese Mitbürger aber für Ausnahmen - die sich ihr Verhalten vielleicht noch überlegen, wenn sie den neuen Landarzt erst kennen gelernt haben.

Mit seinem Auftreten hat Tucker die ersten Praxisbesucher schnell für sich eingenommen, im Gegenzug schwärmt er von der "Dankbarkeit, Euphorie und Freude", die ihm entgegenschlägt. Beste Voraussetzungen also für den Start, doch Tucker will sich darauf nicht ausruhen. Nach Kreolisch, Englisch, Deutsch und Schwedisch will Tucker möglichst noch eine weitere Sprache lernen: das Dithmarscher Platt. Damit hätte er sicherlich auch die letzten Skeptiker am Nordseedeich überzeugt.

[21.10.2010, 18:51:17]
Barbara Tolle 
Friedrichskoog atmet auf: Der Arzt ist da! - Multikulti?
Den beiden Vorschreibern sei ins Stammbuch geschrieben, dass "Multikulti" dort, wo die entsprechende Bildung da ist, schon immer da war bzw. nie exisitierte! Schon immer gab es Ausländer in vielen Institutionen, wo sich die Frage, woher jemand kommt oder wohin er gehört, überhaupt nie gestellt hat, einfach, weil er oder sie sich wie ein (gebildeter) Mensch benimmt! Und ich denke auch, dass hier niemand einem Entwicklungsland einen Arzt "weggenommen" hat, das hat seine deutsche Frau ganz alleine "geschafft". Wenn Sie so wollen, hat er ja zuvor auch einem deutschen Abiturienten den Studienplatz "weggenommen".

Etwas anderes ist es, wenn die Industriestaaten gezielt in Entwicklungs- oder Schwellenländern um Ärzte werben, das sehe ich auch sehr kritisch. zum Beitrag »
[20.10.2010, 08:31:02]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Typisch Deutsch?
Ist es nicht köstlich! In Deutschland muss neben jedes volle Glas ein leeres Glas gestellt werden, nur damit man sagen kann: Beide Gläser sind leider schon halbleer! MfG zum Beitrag »
[19.10.2010, 12:23:34]
Dieter Döring 
Friedrichskoog atmet auf: Der Arzt ist da!
Man muss sich darüber aber im klaren sein, dass man einem Entwicklungsland, welches noch weniger Ärzte hat, einen Arzt weggenommen hat. zum Beitrag »
[19.10.2010, 10:45:11]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Für den Herrn Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern, Horst Seehofer, ins Poesiealbum!
Hallo, Horst Seehofer, Multikulti ist nicht tot,
Multikulti ist springlebendig in Friedrichskoog! zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Mütter stellen früh die Weichen für Babys Gesundheit

Dicke Mutter = dickes Baby: Diese Gleichung geht oft auf - leider. Ernährungs-Experten tauschen sich daher auf einem Kongress über den frühen Einfluss der mütterlichen Ernährung u.a. auf das Diabetesrisiko des Kindes aus und geben Tipps. mehr »

Würden Ärzte Gröhe wählen?

In einer großen Umfrage fragten wir Ärzte: "Wenn der Bundesgesundheitsminister direkt vom Volk gewählt werden könnte, wen würden Sie wählen?" Lesen Sie hier die Antwort. mehr »

Bei Dauerschmerz leidet auch das Gedächtnis

Wird der Geist träger, geht das zulasten von Lebensqualität und Unabhängigkeit. Eine US-Studie hat den Einfluss anhaltender Schmerzen auf Kognition und Demenzrisiko untersucht. mehr »