Ärzte Zeitung, 28.11.2010

Studenten kommen am Hausarzt nicht vorbei

An der Universität Witten-Herdecke erfahren Medizinstudenten bereits früh den Versorgungsalltag in Hausarztpraxen.

Von Ilse Schlingensiepen

Studenten kommen am Hausarzt nicht vorbei

Schon im ersten Semester haben die Studenten Patientenkontakt.

© Klaus Rose

WITTEN. Egal für welche Fachrichtung sie sich entscheiden - die hausärztliche Versorgung ist den Absolventen des Modellstudiengangs Medizin an der Universität Witten-Herdecke (UWH) am Ende ihres Studiums vertraut.

"Die Allgemeinmedizin ist hier ein Hauptfach und das einzige Fach, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Studium zieht", sagt Professor Stefan Wilm, Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin und Familienmedizin an der UWH, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Allgemeinmedizinische Fragestellungen begleiten die Studierenden nicht nur während des gesamten Studiums, sondern sie erleben ab dem ersten Semester hautnah die Versorgungsrealität in Hausarztpraxen.

Die UWH kooperiert mit 92 akademischen Lehrpraxen aus dem hausärztlichen Sektor, darunter auch einigen pädiatrischen. "Wir halten den frühen Patientenkontakt für wichtig", sagt Wilm. So könnten die Studierenden von Anfang an im Umgang mit den Patienten nachvollziehen, was sie im Studium gelernt haben.

Vom ersten bis zum neunten Semester verbringen die angehenden Ärzte insgesamt zehn Wochen in den hausärztlichen Praxen, verteilt auf sechs Praxisblöcke - das "allgemeinmedizinische Adoptionsprogramm". Die Blöcke in der Lehrpraxis haben unterschiedliche Schwerpunkte wie Untersuchung, Anamnese, Prävention oder Therapie.

"Die Studierenden strukturieren ihr Studium weitgehend selbstständig und müssen auch die Aufenthalte in den Praxen selbst organisieren", berichtet Dr. Paul Jansen, Leiter des Schwerpunktes Aus-, Weiter- und Fortbildung am Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin. Die Studenten können entscheiden, ob sie immer in dieselbe Praxis gehen oder wechseln wollen.

Ab dem fünften Semester absolvieren die Studenten auch Blockpraktika in Kliniken, etwa vier Wochen in der Inneren Medizin und vier Wochen in der Gynäkologie.

Parallel gehen sie weiter in die Praxen. An der UWH verbringen 70 bis 80 Prozent der Studenten auch eine Zeit im Ausland, in der Regel mindestens ein Semester. Und künftig können Studenten in Witten neben dem deutschen auch das Staatsexamen in den USA machen.

Ein weiteres zentrales Element des Modellstudiengangs ist das problemorientierte Lernen. Vom ersten Semester an diskutieren die Studenten in Kleingruppen von sechs Personen über konkrete Fälle oder Patientenprobleme. Die künftigen Ärzte recherchieren zu den dort aufgeworfenen Themen und tauschen sich täglich aus.

"Schon im ersten Semester sprechen die Studierenden über Therapien", sagt Jansen. Sie bewegten sich quasi spiralförmig durch das medizinische Wissen statt - wie es an anderen Universitäten üblich ist - nach und nach verschiedene Fachgebiete systematisch abzuarbeiten. "Es geht dabei immer um die Frage: Was kann ich aus dem konkreten Fall lernen?".

Das problemorientierte Lernen hilft den Studierenden Strukturen zu entwickeln, wie sie die jeweils aktuellen Informationen zu medizinischen Fragestellungen erhalten können. "Das muss ich als Arzt lebenslang machen", betont Jansen.

Die UWH lege von Anbeginn des Studiums an großen Wert auf das reflektierte Handeln. "Der Studierende muss immer abwägen: Schade oder nutze ich einem Patienten mit einer Untersuchung, macht das Vorgehen Sinn?"

Die Studierenden sollten so früh wie möglich die hausärztliche Realität kennen lernen, sagt Institutsleiter Wilm. "Wir wollen nicht, dass die meisten Studierenden Hausärzte werden. Aber uns ist wichtig, dass sie später wissen, wie die primärärztliche Versorgung funktioniert, auch wenn sie als Gynäkologen oder Neurochirurgen arbeiten", betont er.

Die Vorbereitung werde die Kooperation mit Kollegen an den Schnittstellen erleichtern."Die Hausärzte wissen heute, was in den Kliniken passiert, aber die Kliniker wissen nicht, was in der Hausarztpraxis passiert", sagt Wilm, der neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit in einer allgemeinmedizinischen Gemeinschaftspraxis in Köln tätig ist. Die UWH wolle dazu beitragen, dass sich das ändert.

Wilm setzt aber auch darauf, dass der Modellstudiengang an der UWH dazu beiträgt, junge Mediziner langfristig für die Allgemeinmedizin zu begeistern. "Sie erleben bei uns, dass Hausärzte eine Perspektive haben."

Bei einer Alumni-Befragung gaben 15 Prozent der ehemaligen Studierenden mit einer abgeschlossenen Weiterbildung an, dass sie als niedergelassener Hausarzt arbeiten. "Das ist viel mehr als an anderen Universitäten", freut er sich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Rätselhafter Demenz-Rückgang

Eine US-Studie deutet erneut auf eine fallende Demenz-Inzidenz, und zwar besonders in Geburtsjahrgängen ab 1925. Wisssenschaftliche Erklärungen für die Beobachtung fallen schwer. mehr »

Viele Gesundheitspolitiker verteidigen ihr Mandat

Die Großwetterlage hat sich verändert. Doch viele Fachpolitiker schaffen den Wiedereinzug ins Parlament. mehr »

Das Trauma nach der Loveparade

Das tödliche Gedränge bei der Loveparade im Sommer 2010 in Duisburg: Im ARD-Film "Das Leben danach" geht es um die Auswirkungen auf die traumatisierten Überlebenden. mehr »