Ärzte Zeitung, 12.07.2013

Wie mittelständisches Unternehmen

Einzelpraxis mit 28 Mitarbeitern

Kooperativ arbeiten in der Einzelpraxis - ist das nicht ein Widerspruch? Nein, findet Dr. Kristina Pralle. Die Berliner Diabetologin lebt dieses Modell seit gut einem Jahr - und ist hochzufrieden.

Von Angela Mißlbeck

Einzelpraxis mit 28 Mitarbeitern

Praxischefin Dr. Kristina Pralle (2.v.r.) mit einem Teil ihres Teams (v.l.): Die angestellten Ärztinnen Dr. Dorit Benox und Dr. Regina Nadolny sowie Praxismanagerin Tanja Scheer.

© Mißlbeck

BERLIN. Die Einzelpraxis von Dr. Kristina Pralle am Berliner Sophie-Charlotte-Platz ist ein mittelständisches Unternehmen.

27 Mitarbeiterinnen und einen Mitarbeiter beschäftigt die Diabetologin: Diabetesberaterinnen, Wundmanagerinnen, Arzthelferinnen, eine Mitarbeiterin für DMP-Dokumentation und -Schulungen, zwei Ärztinnen und zwei Weiterbildungsassistentinnen hat Pralle unter anderem angestellt.

Seit Kurzem arbeitet auch eine Psychotherapeutin in der Praxis mit. Hinzu kommen zwei Reinigungskräfte, eine Praxismanagerin, eine Beauftragte für Qualitätsmanagement, eine Buchhaltungskraft und eine Praxiscoach, die regelmäßig zur Supervision für das ganze Team kommt.

Vielleicht liegt es an dem regelmäßigen Coaching, dass es in dem Weiberhaufen keine Zickenkriege gibt, vielleicht aber auch an Pralles Personalauswahl.

"Ein gutes, familiäres Arbeitsklima ist mir extrem wichtig", sagt die 50-jährige Internistin. Die Mitarbeiterinnen duzen sich. Es wird viel gelacht.

Ärztin deligiert viel

Vollzeit arbeiten in Pralles Praxis nur wenige. Alle Mitarbeiterinnen einschließlich der Praxischefin legen Wert auf genug Freizeit. Jahrelang hat die Diabetologin 80 Stunden pro Woche gearbeitet.

Das wollte sie irgendwann nicht mehr. Unter 55 Stunden pro Woche geht sie aber auch heute selten raus.

"Neuerdings delegiere ich sehr viel", sagt Pralle. Mit Blick auf die Patientenversorgung freut sie sich besonders über die Unterstützung der Psychologin. "Ich bin viel entspannter, seit ich nicht mehr meine kleine Psychotherapie aus dem Hut zaubern muss."

Auch für die Patienten ist es vorteilhaft, dass die Psychotherapeutin in der Praxis arbeitet: Die gewohnte Umgebung schafft leicht eine Vertrauensbasis, selbst bei Patienten, die Psychotherapie eher ablehnen, wie Pralle berichtet.

Gut organisiert durch Spezialisten

Doch die Praxischefin schätzt jede ihrer Mitarbeiterinnen als Spezialistin für ihren Bereich. "Ich muss nicht alles selbst machen. Das überlasse ich lieber den Kernkompetenzen."

Dieses Prinzip, das sie in der Patientenversorgung pflegt, wendet sie auch auf die Praxisorganisation an. "Dann hoffe ich, dass ich mit ganz viel bald gar nichts mehr zu tun habe", lacht sie. Als Praxischefin im Team arbeiten - das ist für Pralle die ideale Lösung.

Die Internistin ist bereits seit zwölf Jahren niedergelassen. Mit ihrem ersten Senior-Partner überwarf sie sich. So war sie gezwungen, eine eigene Praxis zu eröffnen. "Ich bin ein Teammensch", sagt Pralle.

Also wählte sie zunächst eine Gemeinschaftspraxis mit einer gleichberechtigten Kollegin. Doch mit diesem Modell hat sie schlechte Erfahrungen gemacht.

Sukzessive sind immer mehr Diskrepanzen aufgetreten. "Das würde ich nie wieder machen", sagt sie heute. Nun freut sie sich umso mehr über ihr eigenes Team.

Geld ist nicht alles

Zu Pralles Arbeitszufriedenheit leisten aber auch ihre Praxisräume einen wichtigen Beitrag. Der Charlottenburger Gründerzeitbau besticht mit hohen Decken und großen Räumen.

230 Quadratmeter belegt die Praxis mit vier Arztzimmern, großem Wartezimmer und Nebenräumen im zweiten Stock. Gehbehinderte Patienten erreichen sie mit einem Original-Aufzug vom Beginn des 20. Jahrhunderts.

Ein echter Knaller ist das rote Wartezimmer im vierten Stock. Dort sind noch einmal 150 Quadratmeter mit Schulungszimmern und für die Versorgung von Patienten mit diabetischem Fußsyndrom eingerichtet.

Für dieses Patientenproblem haben Berliner Diabetologen ein Netz gegründet, dessen Vorsitzende Pralle ist. Das Netz hat einen Add-On-Vertrag mit der AOK Nordost, die viele Diabeteskranke in der Hauptstadt versichert.

Ein weiterer Grund, warum Pralle ihren Beruf noch immer liebt, sind ihre reizenden Patienten: Eine ältere Dame bringt jede Menge selbst gezogene Pflanzen für den Balkon, der vom Wartezimmer der Praxis abgeht. Eine andere strickt der Ärztin Socken.

Insgesamt versorgt die Praxis knapp 2000 Patienten. Das ist relativ wenig bei drei Ärztinnen. Doch für Pralle ist Umsatz nicht alles: "Ich entscheide mich auch mal bewusst gegen Geld. Lieber ein fröhliches Team mit hoher Konstanz als ein höherer Gewinn."

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