Ärzte Zeitung online, 25.10.2017
 

Portrait

Landärztin mit zweitem Standbein in Unternehmen

Hausärztin und Betriebsmedizinerin: Diese seltene Kombination hat Beate Müller gewählt. Das hilft, die bürokratische Drangsal in der eigenen Praxis leichter zu ertragen.

Von Annette Kaltwasser

Landärztin mit zweitem Standbein in Unternehmen

Als Landärztin in der Nähe von Nürnberg niedergelassen und gleichzeitig Betriebsärztin: Beate Müller in ihrem Sprechzimmer.

© Annette Kaltwasser

NÜRNBERG. Egal, ob es um das Ampelsystem der Wirkstoffvereinbarung in Bayern geht – bei dem ein gelber Punkt aus KV-Prüfungssicht eben doch grün ist – oder um Leitsubstanzen und Mengenziele samt Prüfungsverfahren mit drohendem Regress: Der mit bayerischen Spezialitäten gespickte Wirrwarr in der Bürokratie bringt Allgemeinärztin Beate Müller nicht aus der Ruhe.

"Da muss ich durch", sagt sie und krabbelt auf allen Vieren hinter ihrem defekten Drucker unter dem Sprechzimmerschreibtisch hervor. Die 54 Jahre alte Fachärztin ist seit 19 Jahren in einer ländlichen Einzelpraxis am Stadtrandgebiet Nürnberg/Fürth/Erlangen niedergelassen.

Seit dem ersten Arbeitstag als Praxisinhaberin sei sie gewohnt, alles selbstständig in die Hand zu nehmen. Es rattert kurz und das gewünschte Rezept kommt aus dem Drucker. "Na also, es geht doch", freut sie sich.

Der Sprung aus der Klinik sei ihr nicht schwergefallen. Die Praxis, so erinnert sie sich, sei ihr damals während der Autofahrt zum Flughafen kurz vor dem Urlaubsstart telefonisch angeboten worden. "Da habe ich nicht lange gezögert". Sie betreut etwa 700 Patienten im Quartal, ihr zweites Standbein ist die Betriebsmedizin.

Mit ihrer Zusatzqualifikation versorgt Beate Müller mehrere Unternehmen unterschiedlicher Größenordnungen, von zwei bis 2000 Mitarbeitern. Einmal, so erzählt sie, habe sie eine Entlastungsassistentin eingestellt, um die Betriebsmedizin ausbauen zu können. "Das war aber nichts", denn die Patienten, die sie bereits jahrelang betreute, forderten gezielt Termine bei ihr persönlich, sie hatte somit einfach mehr zu tun.

8000 Euro Regress waren der Gipfel

Wie sieht Beate Müllers Bilanz nach fast 20 Jahren Niederlassung aus? "Das ist eine schwierige Frage" sagt die Medizinerin. "Ich bin Ärztin aus Leidenschaft", aber was ihr ganz und gar nicht gefällt, ist "die politische Entwicklung, dass uns die Hände im Hinblick auf Diagnostik und Therapie gebunden sind".

Das werde immer schlimmer: Überbordende Bürokratie, Reglementierungen bei Medikamentenverordnungen machen den Praxisalltag schwer. "Viele Medikamente, die die Patienten mit oft schmaler Rente brauchen, dürfen wir nicht auf Kassenrezept aufschreiben", bemängelt sie. Mehrere Regresse habe sie hinnehmen müssen, beim höchsten ging es um 8000 Euro.

In ihrer Bestellpraxis, in der zwei medizinische Fachangestellte beschäftigt sind, bietet sie das übliche allgemeinärztliche Spektrum mit Sonographie, Labor, Lungenfunktion, EKG und Impfungen an, Selbstzahlerleistungen "sind in unserer ländlichen Region weniger gefragt". Vor kurzem gab's ein neues Sonografiegerät, dafür war eine Investition "in Höhe des Kaufpreises eines Kleinwagens" nötig.

Sie engagiert sich auch in Sachen Aus- und Weiterbildung junger Kollegen und ist Ausbildungspraxis sowohl für die Universität Erlangen als auch die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU) in Nürnberg. Bis zu einer Woche sind die jungen Kollegen im Medizinstudium Tag für Tag im Praxisalltag direkt am Patienten an ihrer Seite.

"Mache ich schon für meine Mädels"

Damit noch nicht genug: Müller ist Moderatorin eines regelmäßigen Qualitätszirkels mit Kollegen, betreut eine Koronarsportgruppe, schreibt medizinische Artikel in der Regionalpresse und bereitet immigrierende Ärzte auf deren Fachprüfung in Deutschland vor.

Hohen Stellenwert legt sie auf "ein gut funktionierendes Praxisteam in wohltuender Atmosphäre". Ihre Führungsqualitäten und Fürsorge werden von den MFA honoriert, "Super Chefin", kommt da auf Anfrage. Für das Team lässt sie auch einiges springen.

Regelmäßige gemeinsame Unternehmungen von der Brauereibesichtigung mit Verkostung bis zur mehrtägigen Städtereise nach London oder Paris samt individuell gestaltetem Geburtstagstisch – das "mache ich schon für meine Mädels".

Von Patienten gibt‘s Pralinen

In vielen Familien betreut sie mittlerweile alle Generationen – egal ob Kind, Eltern oder Großeltern. "Auf dem Land leben Oma und Opa noch in der Familie", sagt sie. Die Patienten wissen ihren Einsatz zu schätzen: Da kommen Dankbarkeitsbekundungen in Form von Naturalien aus dem fränkischen Knoblauchsland bis hin zu Blumensträußen, Pralinen und Selbstgemachtem.

Und nächstes Jahr zum Jubiläum "20 Jahre Praxis" hat Müller etwas Besonderes für die Patienten parat und den schottischen Sänger und Songschreiber James Mackenzie zum Privatkonzert im 1300 Quadratmeter großen Garten, auf den man direkt aus dem Sprechzimmer sehen kann, engagiert.

Kulinarisch wird hier auch einiges geboten. Denn "ganz nebenbei" kocht und backt die Medizinerin gerne. Auch die Bohrmaschine ist ihr nicht fremd und mit einem Baumarktgutschein als Geburtstagsgeschenk könne man sie "glücklich machen".

Wenn dann noch Zeit übrig ist, geht's in den Garten, eher ein parkähnliches idyllisches Refugium mit plätscherndem Springbrunnen, Whirlpool, Lounge unter mit Solarlichtern ausgestatteten Platanen. Wo sie gerade mal sitzt, da wird gelesen – Fachliteratur und Romane.

Und bei all dem, was sie um die Ohren hat: Wo lädt sie ihren Akku auf? Ein Ausgleich sind "meine vier Jungs", wie sie ihre vier Hunde liebevoll nennt. Alle hat sie "in ihrer Not irgendwo aufgegabelt und gerettet, entweder vom Volksfest, aus dem Tierheim oder aber bis auf die Knochen abgemagert von illegalen Tiertransporten".

Rente? "Nein, das kann ich mir nicht vorstellen", sagt die reiselustige, energiegeladene dauerfröhliche Ärztin mit lebenslustig strahlenden blauen Augen, für die "nie ein anderer Beruf infrage kam". Der Kurs "maritime Medizin" steht noch an – und dann "gehe ich mit meinem Mann als Schiffsärztin an Bord".

Was auch noch weit oben auf ihrer Wunschliste steht: "Bei der TV-Serie ‚Shopping Queen‘ mitmachen und in der Kochshow ‚das perfekte Dinner gewinnen."

[29.10.2017, 20:47:21]
Dr. Christoph Luyken 
Workaholic oder was?
Die Schilderung ist in hohem Maße unglaubwürdig.
Selbst wenn der Ehemann der Patientin sich um die Hunde kümmert, den Garten versorgt, sich um die materielle Substanz der Praxis kümmert, die (Steuer-) Buchführung macht, den Haushalt versorgt, die privaten sozielen Kontakte "bedient", die vielen privaten Reisen und die gemeinsamen Unternehmungen mit den MFA vor- und nachbereitet u.ä., halte ich es für kaum machbar, neben der Hausarztpraxis noch in einem Umfang betriebsmedizinisch tätig zu sein, der eine vernünftige Relation zwischen Aufwand und Ertrag bietet u n d "daneben" noch Ausbildungspraxis für 2 Universitäten, Moderatorin eines Qualitätszirkels, Ausbilderin von immigrierenden Ärzten und Hobby-Journalistin zu sein. Indem der Artikel dann noch das Kochen und Basteln als "Freizeit"-Aktivität (welche freie Zeit bitteschön??) erwähnt, entpuppt sich der Artikel entweder als Comedy oder zeichnet das Bild einer Person, die über außergewöhnliche, wenn nicht übersinnliche Energiereserven verfügt. Die Platzierung eines solchen Einzelfalls in der Ärztezeitung in der gegenwärtigen gesundheits- und berufspolitischen Lage ist halte ich für zumindest fragwürdig. zum Beitrag »

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