Ärzte Zeitung online, 13.11.2017
 

CIRS in Arztpraxen

Pilotprojekt bessert Umgang mit Fehlern

Ein praxisübergreifendes Fehlerberichts- und -lernsystem kann das Bewusstsein für kritische Ereignisse stärken. Eine Online-Plattform allein genügt dafür allerdings nicht, wie Erfahrungen eines Pilotprojekts zeigen.

NEU-ISENBURG. Damit Praxen im Alltag voneinander lernen, benötigen sie ein gemeinsames Verständnis von Fehlern und Know-how, wie man mit ihnen umgehen und sie vermeiden kann. Das hat ein Pilotprojekt von Techniker Krankenkasse (TK), Institut für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main (IfA) und Gesundheitsnetz Qualität und Effizienz (QuE) in Nürnberg zu einem praxisübergreifenden online zugänglichen Berichts- und Lernsystem mit 69 Praxen des Netzwerks gezeigt.

Erst ein Mix flankierender Maßnahmen wie Schulungen, Workshops und ein offener Austausch im Praxisteam führe dazu, dass eine Online-Berichtsplattform sinnvoll genutzt werden könne, heißt es in einer Pressemitteilung der Projektbeteiligten.

"Das Projekt hat die Aktivitäten im Ärztenetz zur Qualitätssicherung aktiv und nachhaltig unterstützt", so das Fazit von Martin Beyer, dem im Projekt leitenden Wissenschaftler vom IfA. 89 Prozent der Ärzte und des Praxispersonals hätten in der Abschlussbefragung angegeben, dass sie in Teamsitzungen über kritische Ereignisse gesprochen haben. 60 Prozent berichteten, dass ihre Praxis ein Verzeichnis über derartige Vorkommnisse führe, zum Beispiel ein Fehlerbuch. Zu Beginn des Pilotprojekts seien es nur 28 Prozent. Auch Schulungen zum Thema Risikomanagement wurden gut angenommen. Insgesamt zeigten sich 55 Prozent der Haus- und Fachärzte sowie des Praxispersonals nach der Projektphase zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit dem Risikomanagement ihrer Praxis.

"Der Umgang der Praxisteams mit Fehlern hat sich im Verlauf des Projekts positiv verändert. Wir nehmen ein neues Bewusstsein wahr: Praxisteams melden uns aktiv Erfahrungen aus Fehlersituationen und teilen uns ihre Verbesserungsvorschläge mit", sagt Dr. Veit Wambach, Vorsitzender des Gesundheitsnetzes QuE, laut Mitteilung. Das Projekt habe zu einer lebendigen Sicherheitskultur geführt, in der es nicht darum gehe, einen Schuldigen zu finden, sondern herauszufinden, warum ein Fehler oder eine brenzlige Situation entstehen konnte, und Lösungen für die Zukunft zu entwickeln.

Schulungen und Newsletter zur Unterstützung

Während des Projektes hatten die Praxen Newsletter, Erinnerungs-Mails und Publikationen auf der Online-Plattform des Berichts- und Lernsystems zur Patientensicherheit erhalten. Zudem wurden die Ärzte und medizinischen Fachangestellten in Schulungen, Workshops und Präsentationen in den netzinternen Fachzirkeln an das Thema Fehlermanagement herangeführt. Während sich die Ärzte und ihre Teams im Projektverlauf verstärkt praxisintern über Fehler und deren Ursachen austauschten, habe das Interesse an der Online-Berichtsplattform jedoch abgenommen. Fachleute sprechen bei einem solchen System von CIRS (Critical Incident Reporting Systems).

Die Praxisteams hätten ihre praxisinternen Fehler und Probleme als zu spezifisch eingeschätzt. Sie hielten das System auch für zeitaufwendig und schwierig nutzbar im Praxisalltag, obwohl das Online-Formular im Projektverlauf gekürzt und angepasst wurde. Die Projektbeteiligten hätten daher einen zusätzlichen Ansatz entwickelt: Die Netzmanager sprachen die Praxen individuell an, um gemeinsam beispielhaft kritische Ereignisse aus ihrer eigenen Praxis zu analysieren. Ein Train-the-Trainer-Seminar durch das IfA habe das Netzmanagement zusätzlich geschult, um die Praxen bei Besuchen vor Ort zu coachen und passgenau auf die individuellen Gegebenheiten der einzelnen Praxis einzugehen.

Digitales Berichtssystem allein reicht nicht

"Das Projekt zeigt, dass wir einen integrierten Ansatz verfolgen müssen, um Patientensicherheit in der ambulanten Versorgung nachhaltig zu fördern. Allein ein digitales praxisübergreifendes Berichtssystem reicht nicht aus. Wichtig ist der Rahmen, in dem das Thema Patientensicherheit groß geschrieben wird. Dazu gehören zum Beispiel regelmäßige Schulungen, ein Peer-Review, also der Austausch auf Kollegen-Ebene, überzeugte Praxis-Leitungen und praxisinternes Know-how, um Fehler sinnvoll zu analysieren und daraus Maßnahmen zu entwickeln", so Projektleiter Hardy Müller vom Wissenschaftlichen Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG).

Neben der zunehmenden Offenheit der Praxisteams im Umgang mit Fehlern seien auch klar die Hindernisse zum Vorschein gekommen: "Oft hapert es an einem einheitlichen Fehler-Verständnis sowie der Wahrnehmung der Ursachen und der eigenen Rolle in der Fehlervermeidung."

Als Folgeprojekt ist nun das Versorgungsforschungsprojekt CIRSforte ist im Frühjahr 2017 an den Start gegangen. Es wird vom Innovationsfonds gefördert und vom IfA, dem WINEG und weiteren Partnern durchgeführt. Es entwickelt Empfehlungen, um CIRS im ambulanten Bereich einzuführen und zu nutzen, und sieht einen größeren Praxistest in rund 400 Arztpraxen vor.(ger)

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