Ärzte Zeitung online, 31.01.2019

foodwatch zu Klöckner

"Diese Ministerin ist gesundheitsgefährdend"

Um Fertigprodukte gesünder zu machen, setzt die Regierung auf die Selbstverpflichtung der Industrie. Mit Verweis auf eine Lancet-Studie schießt foodwatch scharf gegen Ernährungsministerin Klöckner (CDU) – und fordert einen Kurswechsel: den Bruch mit der „Lebensmittellobby“.

Von Matthias Wallenfels

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Tiefkühlpizza-Produktion: Bis 2025 sollen, so die Selbstverpflichtung der Industrie, Fertigprodukte weniger Salz, Zucker und Fett enthalten.

© Jens Büttner/dpa

BERLIN/NECKARSULM. Eine von der periodischen Wissenschaftspublikation „The Lancet“ eingesetzte Kommission unter der Leitung des Endokrinologen Boyd Swinburn, an der University of Auckland Professor für Population Nutrition und Global Health, könnte die in Deutschland seit Dezember zunehmend kontrovers geführte Debatte um die Zucker-, Salz- und Fettreduktion in Fertigprodukten weiter zuspitzen.

In ihrem am 27. Januar veröffentlichten Report „The Global Syndemic of Obesity, Undernutrition, and Climate Change“ fordert die Kommission weltweit zum Handeln auf, um Auswirkungen der Fehlernährung, die sich in Fettleibigkeit und anderen Ernährungsrisiken sowie in Unterernährung ausdrücken, im Zusammenspiel mit dem Klimawandel auf die menschliche Gesundheit effektiv zu begegnen.

foodwatch: gescheiterte Strategie

Für die Verbraucherschutzorganisation foodwatch ist der Kommissionsbericht – zumal er nicht aus Deutschland stammt – eine Steilvorlage. „Um Fettleibigkeit und Fehlernährung in den Griff zu bekommen, muss der Einfluss der Lebensmittelindustrie zurückgedrängt werden, fordern führende internationale Forscherinnen und Forscher in einem neuen Report“, ließ via Pressemitteilung verlauten.

Ergänzt mit dem Hinweis der Kommission, „die Lebensmittellobby untergrabe mit Einschüchterung und finanzieller Einflussnahme politische Maßnahmen zur Förderung einer gesunden Ernährung“, so foodwatch.

Mit den Argumenten der „Lancet“-Experten aufmunitioniert, schießen die Verbraucherschützer nun wieder scharf. Ihre Zielscheibe: Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), .

Sie setzt bei der im Dezember im Bundeskabinett verabschiedeten „Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten“ auf die Selbstverpflichtung von Industrieseite als zweite Säule neben der Transparenz, um die vereinbarten Reduktionswerte der Zucker-, Fett- und Salzgehalte in bestimmten Nahrungsmitteln bis 2025 zu erreichen.

Ein „Begleitgremium“ mit Vertretern der Bundesregierung, der Bundesländer sowie von Verbänden aus den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Lebensmittelwirtschaft, Verbraucherschutz und Wissenschaft solle die Fortschritte der Partner in der Lebensmittelindustrie überwachen.

„Jetzt ist es also amtlich: Diese Ministerin ist gesundheitsgefährdend“ – mit harschen Worten kritisierte foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker Klöckner bereits im Dezember nach dem Kabinettsbeschluss. Nun fordert foodwatch Klöckner auf, den Empfehlungen des Reports zu folgen und die Zusammenarbeit mit der Ernährungsindustrie umgehend zu beenden. Die Strategie der freiwilligen Selbstverpflichtung sei zum Scheitern verurteilt.

Ruf nach Steuern, Ampel und Verbot

„Der Report ist eine schallende Ohrfeige für die gesundheitsgefährdende Politik von Ernährungsministerin Julia Klöckner“, legt Luise Molling von foodwatch nach. „Klöckners Klüngelei mit der Lebensmittelindustrie ist nachweislich die falsche Strategie, um die grassierende Fehlernährung in den Griff zu bekommen. Statt die Lebensmittelindustrie nur lieb zu bitten, doch etwas weniger Zucker in ihre Produkte zu mischen, braucht es klare Vorgaben wie eine Limo-Steuer, eine Nährwert-Ampel und ein Verbot des Kindermarketings für unausgewogene Lebensmittel.

Doch Frau Klöckner traut sich bisher nicht, sich mit der Industrie anzulegen. Sie nimmt Übergewicht, Diabeteserkrankungen und frühzeitige Todesfälle billigend in Kauf. Sie ignoriert die Stimmen von Medizinern und Ernährungsexperten und trägt damit eine wesentliche Mitverantwortung für die Misere“, ergänzt Molling.

Insgesamt 2061 Ärzte, darunter mehr als 1300 Pädiater, 222 Diabetologen und 58 Medizinprofessoren, hatten Ende April 2018 Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Offenen Brief an die Bundesregierung aufgefordert, „ernst zu machen“ mit der Prävention von Fettleibigkeit, Diabetes und anderen chronischen Krankheiten. Initiiert worden war die Unterschriftenaktion vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, der Deutschen Diabetes Gesellschaft und foodwatch.

Das Ministerium nahm bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe keine Stellung zu den Vorwürfen.

Märkte mischen schon mit

Unterdessen schrauben nicht nur immer mehr Discounter an den Rezepturen ihrer Eigenmarken, um langfristig die Zucker-, Fett- und Salzgehalte in bestimmten Nahrungsmitteln ihres Sortimentes im Sinne einer gesünderen Ernährung zu senken. Sie positionieren sich im Markt auch bewusst als kompetenter Sparringspartner ihrer Kunden für Ernährung und Gesundheit – die sich in ihrem (Bio-)Sortiment widerspiegeln soll.

Das Engagement geht bis in den Profisport hinein. So verkündete der Neckarsulmer Discounter Lidl – ebenfalls am Mittwoch –, er verlängere die seit 2016 bestehende Zusammenarbeit mit dem Deutschen Handballbund vorzeitig um zwei Jahre bis Ende 2022. „Das Unternehmen setzt so ein deutliches Zeichen für das langfristige, gemeinsame Engagement für Bewegung und bewusste Ernährung“, teilte Lidl mit.

400 Tonnen Salz haben die beiden Discounter Aldi Nord und Aldi Süd nach eigenen Angaben seit 2014 mittels Rezepturänderungen bei mehr als 860 Produktsorten eingespart. Beim Zucker belaufe sich die Summe auf rund 5700 Tonnen. Zu den Artikeln gehörten unter anderem Backwaren, Müslis, alkoholfreie Getränke, Milch- und Kinder-Produkte.

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[31.01.2019, 20:26:57]
Dr. Horst Grünwoldt 
foodwatch
Ein Ernährungs-Ministerium kann gewiß der Lebens- und Genußmittel-Industrie nicht vorschreiben, welche Rezepturen sie in ihren Produkten verwendet, solange die beim aktuten Verzehr nicht gesundheitsschädlich sind.
Insofern ist es infam, wenn die foodwatch-"Verbraucherschützer"-Aktivisten Rücker und Molling die Bundesministerin J. Klöckner ideologisch als "gesundheitsgefährdend" zu denunzieren, weil die nicht aufhören will, die Produzenten von essbaren Fertigerzeugnissen bei der Fett- und Zucker-Problematik "in´s Gebet" zu nehmen.
Wer sie dazu auffordert, die Zusammenarbeit im Interesse der Verbraucher mit der Industrie aufzukündigen, zeigt seine mangelnde Gesprächsbereitschaft, sachlichen Argumenten zum Durchbruch zu verhelfen. Und baut letztlich nur starre Feindbilder auf.
Wie sich ja hoffnungsvoll abzeichnet, ist es wiederum ausgehend vom aufgeklärten Verbraucher-Wunsch, der Handel (Lidl), der die Produzenten effektiv beeinflussen kann, ihre Erzeugnisse positiv werbend weniger zucker- und fetthaltig zu gestalten.
Dann muß es dem Konsumenten nur noch maßvoll und lecker schmecken...
Dr. med.vet.Horst Grünwoldt, Rostock
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