Ärzte Zeitung, 28.10.2016
 

EuGH-Urteil zu Rx-Boni

Des einen Leid, des andern Freud

Umfragen belegen: Apotheker rechnen nach dem EuGH-Urteil zu Rezept-Rabatten mit einer Verschlechterung ihrer Situation. Verbraucher geben sich dagegen mehrheitlich bonusaffin.

Von Christoph Winnat

Des einen Leid, des andern Freud

Wirbelt das EuGH-Urteil zu Rezept-Boni den Apothekenmarkt durcheinander?

© byemo / fotolia.com

BAD HOMBURG/GOTTMADINGEN. Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, die bundesdeutsche Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel behindere in unzulässiger Weise den Binnenmarkt, sorgt in der Apothekerschaft für Unruhe.

Um den befürchteten Preiswettbewerb im Rezeptgeschäft zu verhindern, setzt der Branchen-Dachverband ABDA jetzt alle Hoffnung auf ein Verbot des Rx-Versands. Etwaigen Bedenken, damit europarechtlich auf Granit zu beißen, hält der Verband in einer Stellungnahme entgegen, in "lediglich sieben von 28 Mitgliedstaaten der EU" sei "der Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln erlaubt".

Termin beim Minister

Ein Verbot in Deutschland "wäre europarechtlich zulässig", ließ ABDA-Präsident Friedemann Schmidt anlässlich eines Gesprächstermins zu Wochenbeginn bei Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe verlauten.

Schmidt verweist auf ein EuGH-Urteil aus 2003, wonach es Deutschland seinerzeit freigestellt blieb, ob es nur den OTC-Versand oder auch den Versand mit verschreibungspflichtiger Ware erlaubt.

Dezidiert für ein Verbot des Rx-Versands hat sich in Berlin bislang nur die Linken-Bundestagsfraktion positioniert. Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) kündigte an, eine entsprechende Gesetzesinitiative im Bundesrat einbringen zu wollen.

Bayern hatte sich schon einmal, 2012 für ein Versandverbot stark gemacht, fand damals jedoch keine Mehrheit.

Apotheker glauben nicht an Rx-Versandhandelsverbot

Ob einem solchen Verbot heute größere Chancen beschieden sind, ist nicht nur verfassungsrechtlich fraglich. Glaubt man einer unmittelbar nach dem Boni-Urteil des EuGH angesetzten Umfrage des Expertenpanels Aposcope, dann glauben die Apotheker selbst nicht daran.

In Auftrag gegeben hatte die Befragung, an der sich 406 Apotheker und PTA beteiligten, der Re-Importeur ACA Müller. Demnach gaben 60 Prozent der Apothekeninhaber unter den Befragten an, die Bundesregierung werde kein Gesetz gegen den Rx-Versand in Angriff nehmen.

32 Prozent der Apothekenleiter schätzen laut Aposcope, dass sich die wirtschaftliche Situation ihrer Apotheke infolge des EuGH-Urteils "stark verschlechtern" werde. Die etwas weniger dramatische Vorgabe "Verschlechtern" kreuzten knapp 51 Prozent der Offizininhaber an.

Langfristig, heißt es, rechneten die Apotheker mit sinkenden Erträgen (93 Prozent Zustimmung), Betriebsschließungen (89 Prozent) und Preiskampf (87 Prozent).

Bares lockt nicht immer

Komplementär – und gleichfalls auf die Schnelle – hat die Bad Homburger Unternehmensberatung Sempora online 1000 Verbraucher befragt, inwieweit sie Rezept-Boni annehmen würden; zugrundegelegt wurde dabei das Bonusmodell der niederländischen Versandapotheke DocMorris, bei dem zwei Euro pro Rezeptzeile vorgesehen sind.

Wenig überraschend: Die große Mehrheit hat gegen Bares nichts einzuwenden. Überraschend: Nur 21 Prozent der Befragten gaben an, "immer" einen Rezeptbonus bei der Versandapotheke einlösen zu wollen. 30 Prozent würden Boni "meistens" in Anspruch nehmen wollen.

Böte eine stationäre Apotheke Rezeptboni an, wäre das für 32 Prozent Grund genug, ausschließlich zu einer solchen Apotheke zu gehen. Weitere 41 Prozent gaben an, ihre Rezepte dann "überwiegend" in eine Apotheke zu tragen, die auch Boni bietet.

Die Bereitschaft, Rezeptboni "immer" in Anspruch zu nehmen, fällt bei Patienten, die viel verordnet bekommen und dementsprechend hohe Zuzahlungen leisten, fast doppelt so hoch aus wie bei Patienten mit geringem Medikamentenverbrauch.

Erhebliches "Bedrohungspotential"

Trotz der differenzierten Antworten sei das "Bedrohungspotenzial des Rezeptbonus für die stationäre Apotheke" erheblich, wie es bei Sempora heißt. Die propagierte Kernkompetenz der Vor-Ort-Pharmazeuten vermag nur teilweise ein Gegengewicht zu bilden.

Immerhin 43 Prozent der Befragten wollten der Aussage zustimmen, dass "bei guter Beratung und Qualität der Apotheke" verbraucherfreundliches Preismarketing für sie "nicht entscheidend" sei.

Die beiden großen ausländischen Versandapotheken – DocMorris und die Europa Apotheek Venlo – nutzen unterdessen die Gunst der Stunde, um mit neuen Rabattprogrammen Kunden zurückzugewinnen, die sie nach der Novellierung des Arzneimittelgesetzes 2012 verloren hatten.

Damals wurde der jetzt vom EuGH für obsolet erklärte Passus ins Gesetz aufgenommen, wonach sich auch ausländische Versender, wenn sie nach Deutschland liefern, an hiesige Rx-Festpreise zu halten haben.

Bis zu zehn Euro Rabatt pro Rezeptzeile

DocMorris lobt wie bereits berichtet zwei Euro Bonus pro Rezeptzeile aus, maximal 12 Euro pro Rezept. Konkurrent Europa Apotheek legt noch eine Schippe drauf und bietet je nach Warenwert 2,50, fünf oder sogar zehn Euro pro Rezeptzeile, maximal 30 Euro pro Rezept.

Beide verrechnen den Bonus zunächst mit OTC-Käufen oder dem Rechnungsbetrag.

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