Ärzte Zeitung, 27.05.2015

Krebs

Versagen Ärzte im Gespräch?

Bestseller-Autorin Charlotte Link will mit einem Buch über ihre an Krebs gestorbene Schwester auf die Missstände in der Kommunikation mit Krebspatienten aufmerksam machen. Erschüttert hat sie vor allem die Härte einiger Mediziner. Dabei erhält sie viel Zustimmung gerade aus Arztkreisen.

Von Ilse Schlingensiepen

Versagen Ärzte im Gespräch?

Krebspatienten benötigen im Diagnose- und Therapiegespräch viel Empathie. Genau das scheint vielen Ärzten jedoch schwerzufallen, sie verstecken sich lieber hinter wissenschaftlichen Daten.

© Photographee.eu / fotolia.com

DÜSSELDORF. Charlotte Link weiß, was kommunikationsschwache oder -unwillige Ärzte bei Patienten anrichten können.

"Meine Schwester hat häufig gesagt, dass sie unter den Äußerungen mancher Ärzte mindestens so sehr gelitten hat wie unter der Krebserkrankung selbst", berichtet die Schriftstellerin bei einer Veranstaltung der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo).

Link hat gemeinsam mit ihrer Familie ihre Schwester Franziska von der Krebsdiagnose im Frühjahr 2006 bis zu ihrem Tod im Februar 2012 begleitet und die Erfahrungen in dem Buch "Sechs Jahre - Abschied von meiner Schwester" festgehalten.

Die bekannte Autorin will dazu beitragen, dass sich die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessert. "Dies kann nur geschehen, indem auf die Missstände immer wieder in aller Deutlichkeit hingewiesen wird."

Keine Zeit für Rückfragen

Während der sechs Jahre haben die Krebskranke und ihre Angehörigen viele deutsche Krankenhäuser kennengelernt. Dort hätten sie eine Reihe von großartigen Ärzten getroffen, die empathisch und mitfühlend gewesen seien, sagt Link. Ihnen ist die Autorin bis heute dankbar. "Wir sind aber auch Ärzten begegnet, deren Verhalten mich noch immer fassungslos sein lässt."

Das seien insgesamt zu viele gewesen. Es habe sie manchmal erstaunt, mit welcher "Härte und Brutalität" Ärzte Patienten mit Krebsdiagnosen konfrontieren, ohne dass Zeit für Rückfragen geblieben wäre, sagt Link.

Manche Ärzte würden grundsätzlich nur den schlimmsten Fall schildern. "Hoffnung findet offensichtlich bei Ärzten nicht statt", moniert sie. Ihrer Schwester sei es in drei Fällen passiert, dass ihr schwere und als hoffnungslos eingestufte Diagnosen mitgeteilt wurden, die sich im Nachhinein als falsch herausstellten.

"In solchen Situationen geht der Patient durch die Hölle, bis er - so er in Eigeninitiative Rücksprache mit anderen Ärzten hält - den Irrtum aufklären kann."

In zwei Klinikbetrieben haben die Angehörigen nach ihrer Schilderung um Schmerzmittel und künstliche Ernährung für die abgemagerten Patienten betteln müssen und sind immer wieder abgewiesen worden. Die bittere Erfahrung Links: "Wir wurden zunehmend wie lästige Insekten behandelt."

Die Schwester war Privatpatientin. Link vermutet, dass es bei Kassenpatienten wohl noch schlimmer aussieht. Diesen Eindruck haben Briefe bestätigt, die sie nach Veröffentlichung des Buchs "waschkörbeweise" erhalten hat.

"Sie haben uns gezeigt, dass wir nicht einfach nur Pech gehabt haben, sondern dass es das ist, was ein Krebspatient erlebt, der jahrelang im System ist."

Auch Ärzte leiden unter dem System

Link berichtet, dass ihr auch viele Ärzte geschrieben haben. Viele hätten ihre Erfahrungen bestätigt und ihr gedankt, dass sie sich um das Thema kümmert. "Ärzte haben gesagt, dass sie selbst unter diesen Umständen leiden."

Die ausschließlich Orientierung an den DRG in den Kliniken und den Budgets in den Praxen trage dazu bei, dass zu wenig Zeit für das Arzt-Patienten-Gespräch bleibt, räumt ÄKNo-Präsident Rudolf Henke ein. Aber die äußeren Faktoren seien nicht das einzige Problem.

Seiner Meinung nach spielt bei manchen Ärzten auch die Angst vor einer eigenen Krebserkrankung und der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit eine Rolle. "Wir haben die Sterblichkeit so sehr verdrängt, dass wir erschrecken, wenn sie uns vor Augen tritt", sagt Henke.

Er schildert eigene Erfahrungen aus dem Krankenhaus: Als junger Internist habe er innerlich einen Bogen um die Zimmer von Krebspatienten gemacht. Musste er hinein, habe er den Menschen Henke quasi vor der Tür gelassen, um sich nicht exponieren zu müssen.

Das Bestreben war, dann möglichst schnell wieder aus dem Zimmer herauszukommen. "In einer solchen Situation kann man keine Antworten geben, die wahr sind", betont Henke. Stattdessen würden Ärzte lieber auf wissenschaftliche Kongresse, Studien oder ähnliches verweisen.

Die ÄKNo macht sich dafür stark, dass kommunikative Kompetenzen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Ärzte eine stärkere Rolle spielen.

Als praktische Hilfe hat die Kammer den Leitfaden "Kommunikation im ärztlichen Alltag erarbeitet, der unter www.aekno.de/Leitfaden-Kommunikation aus dem Internet geladen werden kann.

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