Ärzte Zeitung, 27.10.2014
 

Praxisnachfolge

Nicht nur ein Problem der Landärzte

Findet ein Kollege keinen Nachfolger, müssen benachbarte Praxen zusätzlichen Patientenandrang verkraften. Ein Problem, das zunehmend Hausärzte in Ballungszentren beschäftigt.

Von Marco Hübner

Nicht nur ein Problem der Landärzte

Schwierige Suche: Nur wenig junge Ärzte wollen als selbstständiger Hausarzt arbeiten.

© PhotographyByMK / fotolia.com

NEU-ISENBURG. "Hilfe, mein Nachbar schließt die Praxis!" - Mit diesem Problem sehen sich immer mehr Ärzte konfrontiert, nicht nur auf dem Land.

Selbst in Ballungsräumen fällt es heute zunehmend schwer, Nachfolgewillige zu finden. Einer, den dies betrifft, ist Ernst-Rüdiger Pfaff, Hausarzt und Sportmediziner im hessischen Mörfelden zwischen Darmstadt und Frankfurt. Sein Kollege, der nur ein paar Straßen weit entfernt praktizierte, fand keinen Nachfolger und schloss daher ein für alle Mal seine Praxis.

"Wir haben jetzt etwa 100 bis 120 Patienten pro Quartal mehr in der Praxis", berichtet Pfaff, der auch ohne den zusätzlichen Patientenansturm gut zu tun hatte.

Seit 38 Jahren betreibt er zusammen mit seiner Frau Hannelore, die ebenfalls Allgemeinmedizinerin ist, eine große Praxis in der 30.000 Einwohner zählenden Doppelstadt Mörfelden-Walldorf.

Besonders Hausärzte sind betroffen

Dr. Pfaff ist kein Einzelfall, wie sich in einer Diskussionsrunde zum Thema "Ärztemangel in Hessen - nicht nur auf dem Lande" des Förderkreises Bad Nauheimer Gespräche zeigte. Auch in Städten werde in naher Zukunft ein hoher Nachbesetzungsbedarf bestehen.

Das betreffe besonders die Hausarztpraxen, da deren Altersstruktur besonders ungünstig sei. Das meinten die anwesenden Gesundheitsexperten in Frankfurt am Main.

"Jeder vierte Hausarzt in Hessen ist über 60 Jahre alt - in den nächsten zehn Jahren werden mehr als 2000 Hausärzte in den Ruhestand gehen", sagte Dr. Klaus-Wolfgang Richter, Vorsitzender der Vertreterversammlung der KV Hessen.

Es kämen aktuell einfach zu wenige Ärzte nach, die den Staffelstab übernehmen wollen. Weil etwa viele die Risiken der Selbstständigkeit scheuen würden.

Um dem entgegenzuwirken, zähle es, "die Medizinstudenten aus der Region für die Region zu gewinnen", betonte Richter.

Ein Ansatzpunkt: Rechtzeitig vor dem Ruhestand Studenten für eine Weiterbildung in der Praxis interessieren. Ein schnelles Patentrezept mit der sich die drohende Lücke in einigen hessischen Gebieten schließen lasse, gebe es jedoch nicht.

Auch in Mörfelden-Walldorf könnte es bald noch einen Hausarzt weniger geben. Bis Herbst 2015 will Pfaff seine Praxis abgeben. "Die Suche ist schwierig, es gibt nur wenig Resonanz, obwohl die Praxis sehr gut ausgestattet ist", sagt der 69-Jährige.

Findet sich kein Nachfolger, muss auch er die Praxis komplett schließen. Den Grund für das mangelnde Interesse junger Ärzte für Hausarztpraxen sieht er speziell darin, dass der Beruf unter den aktuellen Bedingungen in Hessen nicht attraktiv genug für junge Ärzte sei.

Zu wenig Honorar?

"40 Euro Kassenhonorar nach dem Regelleistungsvolumen pro Patient und Quartal sind zu wenig gemessen an Patientenandrang und Verantwortung in der Hausarztpraxis", konstatiert Pfaff. Im Vergleich dazu liege das Honorar in Bayern bei etwa 80 Euro.

"Ein riesiges Problem für alle, die in Hessen ihre Hausarztpraxis verkaufen wollen", empört sich Pfaff. Er sieht die Berufspolitiker der KV in der Pflicht: "Die KV Hessen ist gefordert, noch dieses Jahr eine angemessene Honorarsituation herbeizuführen."

[27.10.2014, 15:42:26]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Im Dortmunder Zentrum...
eine vergleichbare Situation: Erst musste ein erkrankter Kollege wegen schwindender Kräfte seine familienorientierte, hausärztliche Praxis aufgeben. Seine Lebensgefährtin gab ihre Allgemeinpraxis auch weitgehend auf. Ein weiterer, befreundeter Kollege ist vorletzte Woche verstorben und hatte noch bis zum letzten Atemzug gearbeitet. Zwei bereits vor Jahren aufgegebene hausärztlich-internistische Praxen wurden trotz steigender Patientenzahlen nicht mehr neu besetzt.

Die drei erstgenannten Praxen haben bis heute keine geregelte Nachfolge, so dass sich diese zusätzlichen Hausarzt-Patienten auf die umliegenden Vertragsarzt-Sitze verteilen. Von den jüngeren Kolleginnen und Kollegen aus den Kliniken will niemand mehr diese hausärztliche Kärrnerarbeit machen. Zu groß sind die Erwartungs-, Forderungs- und Anspruchshaltungen der Patienten, die realitätsfernen leeren Versprechungen von GKV-Kassen und KVen/KBV bzw. zu klein sind Vertragsarzt-Pauschalen für eine umfassende 3-Monate-Rundum-Versorgung bei zunehmender Multimorbidität und ungebremst krankheitsfördernden Lebensstilen. Zugleich sind Milliardenreserven beim Gesundheitsfonds und den Gesetzlichen Krankenkassen weit über 25 Milliarden Euro schwer – der Bundegesundheitsminister s e n k t den allgemeinen Beitragssatz bzw. der Bundesfinanzminister bedient sich zur Sanierung seines Haushalts mit der Kürzung des gesetzlichen Bundeszuschusses.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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