Ärzte Zeitung online, 04.12.2017
 

Klinikroboter

Früher mobilisieren, schneller entlassen

Eine integrierte Robotik-Lösung soll Intensivpatienten wieder auf die Beine bringen – direkt im Krankenbett. Das soll auch Therapeuten und Pflegern helfen.

MÜNCHEN. Besser therapierte Intensivpatienten und entlastetes Klinikpersonal – darauf zielt eine neue Robotiklösung aus München ab. Sie soll die frühe Mobilisierung ("Very Early Mobilization", VEM) auf die Intensivstation bringen, zuerst in der Neurologie. "Die Patientenpopulation, für die die größte Anzahl Studien publiziert ist, sind neurologische Patienten", so Dr. Alexander König, Gründer und CEO der Reactive Robotics GmbH, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Seine VEM-Lösung ist beispielsweise gedacht für Patienten nach Schlaganfall, traumatischer Hirnschädigung oder Querschnittslähmung. Beim Vor-Ort-Besuch in den Räumen des Start-Ups arbeitet Königs 17-köpfiges Team aus jungen Ingenieuren und Softwareentwicklern gerade am vierten Prototypen. Der fünfte soll die finale Version werden und im Sommer 2018 fertig sein. Dann soll die Kombination aus Spezialbett, Therapie-Roboter, Sensoren und Software Patienten im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Beine helfen.

Klinikaufenthalt verkürzt

Das Bett kann vertikal gestellt werden. Der Patient bekommt per Roboter ein flexibles Bewegungs- und Gangtraining. Das beugt Wundliegen vor, aktiviert den Kreislauf, bewahrt vo Muskel- und Knochenschwund und erhöht die Wachheit. Studien sprechen dafür, dass Patienten durch VEM-Maßnahmen bis zu drei Tage weniger in der Klinik verbringen, davon einen Tag weniger auf der Intensivstation. Mit der neuen Robotik-Lösung können laut König Fortschritte über Sensoren erfasst und das Training individuell angepasst werden, etwa in Kraft und Tempo. Eine Fachkraft aus Pflege oder Physiotherapie kann den Roboter bedienen, und sich ansonsten um den Patienten kümmern. Das soll die körperliche und zeitliche Belastung reduzieren.

Als erstes soll die Robotik-Lösung schwer belasteten Intensivpatienten eine VEM ermöglichen. Bei ihnen ist die sonst übliche manuelle Therapie oft schon aus Sicherheitsgründen nicht anzuwenden. Ihre gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind zu gravierend. Wollten Pfleger und Physiotherapeuten tatsächlich eine manuelle VEM durchführen, könnten sie das in solchen Fällen allenfalls zu dritt leisten. Dafür fehle im Klinikalltag aber meist das Personal, so König.

Bewährt sich seine VEM-Robotik in der Praxis, sollen andere Anwendungsgebiete folgen. Orthopädie, Kardiologie, Pflege bis hin zur Homecare, all das käme in Frage, versichert der Unternehmensgründer. Pflegekräfte ersetzen wolle man allerdings nicht. "Aktuell sind Maschinen in der Rehabilitation nicht besser als der Mensch", konstatiert König. Die VEM-Robotik könne den Fachkräften aber zusätzliche Mittel an die Hand geben. Wenn sie dadurch entlastet, und die Patienten schneller gesund würden, bedeute das auch geringere Versorgungskosten.

Fachleute interessiert

Damit das Vorhaben gelingt, hat sich das Unternehmen Feedback geholt. Unter anderem gab es schon Besuch von Pflegeleitung und Pflegepersonal der Münchener Uniklinik Großhadern. "Sie sind sehr aufgeschlossen", berichtet Brigitte Schrätzenstaller-Rauch, die bei Reactive Robotics die Geschäftsentwicklung verantwortet. Auch Ärzte hätten Weiterentwicklungen angeregt. Inzwischen habe das Unternehmen für sein Produkt Patente angemeldet. Im Sommer 2018 solle der VEM-Roboter als Medizinprodukt mit CE-Zertifizierung zugelassen werden.

Dann soll der Roboter zuerst in den Schön Kliniken in Bad Aibling eingesetzt werden im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderte Projekts "MobI-PaR", das im April 2017 dieses Jahres gestartet ist. Es soll bis 2020 laufen und erste Daten zur Evaluation des neuen Robotik-Ansatzes generieren.

Einen ersten Roboter zur frühen Reha hatte bereits vor elf Jahren die Schweizer Hocoma AG entwickelt. Der ermöglichte allerdings nur die Vertikalisierung des Patienten. Das daraufhin entwickelte Robotik-Gerät "Erigo" ermöglicht Gang- und Bewegungstraining. Um es zu nutzen, müssen die Patienten aber zuerst manuell dorthin gebracht werden. Eine Therapie direkt im Krankenbett ist nicht möglich. (cmb)

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