Direkt zum Inhaltsbereich

Medikamentenanamnese

Arzneischäden im Magen-Darm-Trakt oft unterschätzt

Laut Schätzungen kommt es bei 20 bis 50 Menschen pro 100.000 zu Arzneimittelschäden im Gastrointestinaltrakt.

Von Roland Fath Veröffentlicht:

Die schleimhautschädigende Wirkung von NSAR ist altbekannt. Aber dennoch werden Arzneimittelschäden im Gastrointestinaltrakt häufig unterschätzt. "Wir haben es nicht mit etwas Seltenem zu tun", betonte Professor Christian Strassburg vom Universitätsklinikum Bonn beim DGIM 2018 in Mannheim. Laut Schätzungen kommt es bei 20 bis 50 Menschen pro 100.000 zu Arzneimittelschäden im Gastrointestinaltrakt – vermutlich sei diese Zahl zu niedrig gegriffen, so der Gastroenterologe – und 5-10 Prozent der Betroffenen müssten stationär behandelt werden. Das Schwierige ist die Vorhersage des Risikos.

"Jeder Mensch reagiert in Bezug auf mögliche Arzneimittelschäden völlig anders", sagte Strassburg. Denn es gibt eine Vielzahl relevanter Einflussfaktoren: außer dem pharmakologischen Schädigungsprofil einzelner Substanzen, der Dosis und Komedikationen zählen auch Alter, Komorbiditäten, genetische Disposition und Umwelteinflüsse.

Strassburg nannte als Beispiel einen älteren Patienten mit koronarer Herzkrankheit und einem Schlaganfall in der Anamnese, der mit zwei Plättchenhemmern und einem COX-2-Hemmstoff behandelt wurde. Das Ulkusrisiko sei bei diesem Patienten mehr als zehnfach erhöht, eine Säurehemmung obligat.

Entscheidend für das richtige Handeln sind möglichst genaue Kenntnisse der Medikamentenanamnese und des pharmakologischen Schädigungsprofils, betonte Strassburg. Das Ulkusrisiko variiert bei einer Therapie mit klassischen NSAR zum Beispiel von Substanz zu Substanz. Relativ gering sei die Risikoerhöhung unter ASS, etwas höher unter Diclofenac, deutlich höher unter Piroxicam, Ketoprofen und Azapropazon. In der Kombitherapie potenziert sich das Risiko.

Auch funktionelle Arzneimittelschäden am Gastrointestinaltrakt, die sich in Übelkeit. Erbrechen oder Diarrhoe äußern, werden nach Ansicht von Strassburg unterschätzt. Dies gilt insbesondere für die Chemotherapie bei Krebspatienten. 70-80 Prozent aller Behandelten litten unter Übelkeit und Erbrechen, Nebenwirkungen, die von den Patienten mit am meisten gefürchtet würden. Etwas seltener betroffen seien ältere und männliche Patienten sowie Personen mit hohem Alkoholkonsum, so Strassburg.

Beachtet werden sollte das emetogene Potential von Arzneimitteln, die in 5 Klassen eingeteilt werden. Besonders hoch ist das emetogene Potential von Cisplatin (Klasse 5), vergleichsweise gering das von Tyrosinkinasehemmern wie Imatinib (Klasse 1). Bei einer Kombinationstherapie mit mehreren Substanzen erhöht sich das emetogene Risiko überproportional, betonte Strassburg. Unterschieden werden akute Übelkeit, die relativ schnell nach Anwendung der Chemotherapie auftritt (1-2 bis zu 24 Stunden), und verzögert auftretende Übelkeit (nach mehr als 24 Stunden). Letztere trete vor allem bei einer hochdosierten Platin-basierten Chemotherapie und bei Einsatz von Anthrazyklinen auf. Frühzeitig sollte mit einer prophylaktischen Behandlung begonnen werden.

Diarrhoen treten meist innerhalb von drei Tagen nach Applikation auf, gehäuft bei älteren Patienten. Kausale Therapiestrategien gibt es nicht, es müsse rein symptomatisch behandelt. Auch neue Checkpoint-Inhibitoren wie Nivolumab machen Diarrhoen, berichtete Strassburg. Die Inzidenz liege bei rund 10 Prozent.

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: MATTERHORN-Regime beim GC/GEJC: ereignisfreies Überleben (EFS)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Perioperativ behandeln – kurativ denken

Durvalumab-basierte Therapie bei drei Tumorentitäten

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg
Abb. 1: Impfstoffeffektivität gegen Post COVID-Beschwerden

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [14]

Jährliche COVID-19-Impfung

Empfohlen für ein breites Risikokollektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: BioNTech Europe GmbH, Mainz

Opioid-induzierte Obstipation

Paradigmenwechsel in der Behandlung: Vom Stuhl zum Nervensystem

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Grünenthal GmbH, Aachen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Lesetipps
Nahaufnahme eines jungen Paares, das sich küsst.

© Africa Studio / stock.adobe.com

Mögliche Glutenquelle

Wie riskant ist ein Zungenkuss bei Zöliakie?

Eine Hand hält ein

© Sergey Nivens / stock.adobe.com

Jetzt abonnieren

Unsere Newsletter in der Übersicht