Pädiatrie

80 000 Kinder von Verwahrlosung bedroht

HAMBURG/BERLIN (dpa). In Deutschland sind nach Angaben des Bielefelder Sozialwissenschaftlers Klaus Hurrelmann etwa 80 000 Kinder im Alter bis zu zehn Jahren von Verwahrlosung und extremer Vernachlässigung durch ihre Eltern bedroht. "Etwa ein Prozent der Eltern sind sozial völlig aus dem Ruder gelaufen, alkoholkrank, drogenabhängig, psychisch schwerst defizitär - das sind die, über deren Kindern täglich eine Katastrophe hängt", sagte Hurrelmann der Wochenzeitung "Die Zeit".

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Hurrelmann fordert ein beherzteres Eingreifen des Staates in Problemfamilien: "Wenn der Staat seine Fürsorgepflicht wahrnehmen will, muß er direkt in private Lebensverhältnisse eingreifen." Gegenüber überforderten Eltern sollten staatliche Stellen mit sanftem Zwang Hilfe anbieten: "Mit Freiwilligkeit kommen Sie bei den Eltern, über die wir hier die ganze Zeit reden, nicht weit." Auch am Geldbeutel sollten es nach seiner Ansicht Eltern spüren, wenn sie sich nicht genug um den Nachwuchs kümmern: "Ich plädiere außerdem dafür, die Zahlung des Kindergeldes vom Besuch ärztlicher Vorsorgeuntersuchungen abhängig zu machen."

Immer mehr mißhandelte und vernachlässigte Kinder werden in Berlin durch Hinweise von aufmerksamen Nachbarn entdeckt. "Es sind nicht mehr Fälle geworden, sondern wir hellen das Dunkelfeld auf. Die Nachbarn sind aufmerksamer geworden", sagte Michael Havemann, Dezernatsleiter im Landeskriminalamt.

Im Gegensatz zu sexueller Mißhandlung, die in allen sozialen Verhältnissen vorkomme, seien Vernachlässigungen gerade in "Familien der unteren Schicht" verbreitet. "Das erleben wir eher nicht in Arztfamilien", sagte Havemann. Oftmals spiele Alkohol eine Rolle. Trägheit und Faulheit seien ebenfalls im Spiel. Erst wachse der Wäscheberg, dann verdrecke die Wohnung immer mehr.

In Leipzig hat sich ein sogenannter Elternbrief bewährt. Damit werde ein erster Kontakt zu den Eltern eines jeden Neugeborenen geschaffen, sagte der Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Sachsen, Heinz Zschache.

"Mit dem Informationspaket erhalten sie Adressen von Kinderärzten, aber auch Anlaufstellen in Krisensituationen", erklärte Zschache. "Nicht jeder Fall von Kindesvernachlässigung ist zu verhindern", räumte er ein. Die Zunahme derartiger Vorkommnisse aber müsse bedenklich stimmen, an dieser Stelle sei die ganze Gesellschaft gefragt. "Sonst haben wir in nächster Zeit vielleicht jede Woche ein totes Kind."

Nach dem Tod des kleinen Kevin in Bremen sollen Problemfamilien in der Hansestadt künftig zwei Mal in der Woche von Sozialarbeitern besucht werden. "Das möchte ich zum Standard machen", sagte Bremens Regierungschef Jens Böhrnsen. "Wir müssen erst die Kinder und dann die Akten anschauen." Diese Lehre sei aus dem Tod Kevins zu ziehen, der am 10. Oktober tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Vaters gefunden wurde.

Unterdessen muß sich im niedersächsischen Hildesheim ein 31 Jahre alter Mann wegen schwerer Mißhandlung seines drei Wochen alten Sohns vor Gericht verantworten. Der Mann sei zur Tatzeit betrunken gewesen, erklärte ein Sachverständiger in dem Prozeß um versuchten Mord. Der Vater hatte vor Gericht gestanden, den Säugling geschüttelt und geschlagen zu haben, weil er sich über das Schreien geärgert habe und die Mutter auf eine Party gegangen war. Das Baby erlitt lebensgefährliche Kopfverletzungen.

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