Hypoglykämien

Angehörige müssen bei Diabetes-Notfall helfen können

Angehörige von Diabetikern reagieren oft bei Notfällen wie Hypoglykämien ängstlich und unsicher. Sie sollten daher auch an den Schulungen teilnehmen.

Veröffentlicht: 15.06.2020, 16:45 Uhr
Angehörige müssen bei Diabetes-Notfall helfen können

Der Partner bemerkt bei Hypoglykämien oft mehr als der Patient.

© motortion / stock.adobe.com

Unterhaching. Notfälle von Diabetespatienten sind keine Seltenheit und Angehörige haben oft mehr Angst dabei, als die Betroffenen selbst. Lebenspartner und Familienmitglieder sollten daher mit den wichtigsten Gegenmaßnahmen vertraut gemacht werden, betont Dr. Veronika Hollenrieder aus Unterhaching im Fachblatt „InFo Diabetologie“ (2020; 14: 28).

Haben die Beteiligten ein Basiswissen zur Diabetestherapie erworben, können sie früh eingreifen, Extremsituationen abwenden und dem Notarzt wichtige Informationen liefern. Angehörige sollten sich dabei bewusst ein, dass bei spezifischen Notfällen wie Blutzuckerentgleisungen rasches Handeln erforderlich ist, berichtet die niedergelassene Internistin.

Charakteristische Notfälle

Nach den Erfahrungen der Diabetologin kommt es bei Diabetes immer wieder zu ähnlichen Notfallsituationen: Insuline werden verwechselt (Basalinsulin und Bolusinsulin) oder auch doppelt gespritzt. Das Essen wird erbrochen, oder es kommt zu Unterzuckerungen nach Alkoholkonsum. Ärzte oder Rettungssanitäter müssen in solchen Situationen den Namen und die Menge zuletzt gespritzten Insulins wissen, betont Hollenrieder.

Grundsätzlich ist der erste Schritt bei einem Notfall der Anruf beim Notarzt. Um eine Hypoglykämie mit Bewusstlosigkeit rasch zu beheben, sollten Angehörige wissen, wo die Glukagon-Notfallspritze aufbewahrt wird (meist im Kühlschrank) und wie man die Substanz aufbereitet und injiziert.

Glukagon gibt es inzwischen auch als nasal anzuwendendes Präparat, das die Notfalltherapie stark vereinfacht. Gegen sich anbahnende Hypoglykämien sollten zudem schnelle Kohlenhydrate etwa in Saft oder Traubenzucker stets in Reichweite sein.

Angehörige müssen bei schweren Hypoglykämien zudem wissen, wo das Blutzucker-Messgerät zu finden ist und wie es funktioniert. Das gilt ebenso für Glukosesensoren, die ja herkömmliche Messgeräte zunehmend ersetzen. Dafür ist es sinnvoll, Angehörige in Schulungen zu integrieren, damit sie die Zuckerwerte bei dem Patienten ermitteln können.

Patienten sollten zudem ihren Notfallausweis stets aktualisiert und griffbereit etwa in der Geldbörse zur Hand haben. Angehörige müssen darüber Bescheid wissen.

Hypos werden nicht wahrgenommen

Besonders problematisch für Patienten und Angehörige sind Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen. Diese nehmen bei häufigen und über Jahre wiederkehrenden Unterzuckerungen immer weiter zu. So kann es vorkommen, dass ein Patient zum Beispiel einen niedrigen Blutzucker von 40 mg/dl nicht bemerkt.

Hier ist Gefahr im Verzug: In der Hypoglykämie laufen Reaktionen verzögert ab, was zum Beispiel im Straßenverkehr das Unfallrisiko massiv erhöht. Das gilt auch für Hypoglykämien zu Hause oder an der Arbeit, die nicht selten zu Stürzen oder Krampfanfällen führen.

Betroffene reagieren häufig unwirsch, wenn sie von Mitmenschen auf Hypoglykämie-Symptome aufmerksam gemacht werden. Solche Hinweise von Angehörigen sind aber extrem wichtig und hilfreich – sowohl für Patienten als auch für Ärzte. Was den Betroffenen selbst nicht bewusst ist, bemerken ihre Partner.

Vor allem veränderte Körpersprache und Verhalten können Hypoglykämien signalisieren: gestörte Grob- oder Feinmotorik, emotionale Labilität, Aggressivität, mangelnde Konzentration bis hin zur Verwirrung.

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Betroffene brauchen Hilfe und Schuldzuweisungen sind unbedingt zu vermeiden. Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen sind ein schweres, gefährliches Krankheitsbild. Glukosesensoren mit Hypoglykämie-Alarme können die Situation möglicherweise künftig verbessern. Angehörigen ist einzuschärfen, über solche Ereignisse unmittelbar zu berichten. Zur Analyse der Situation ist jedes Detail wichtig.

Nur Offenheit ermöglicht Therapieänderungen und Schulungen zur Prävention. Diese können dazu beitragen, dass sich Notfälle künftig seltener oder im Idealfall überhaupt nicht mehr einstellen, weil Vorboten früher bemerkt werden und Betroffene wie Partner rasch und richtig reagieren.

„Wenn das gelingt, schwinden die Gefühle von Schuld, Scham, Versagen und Ohnmacht und alle Beteiligten erleben einen gewaltigen Zuwachs an Lebensqualität“, betont die Diabetologin. „Fehler sind menschlich und Ärzte sollten Patienten Verständnis entgegenbringen. Und: Werden die Angehörigen in Schulungen mit einbezogen, erhöht das die Sicherheit der Patienten“. (eis)

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