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Studie mit Minocyclin

Antibiotikum bremst MS-Erkrankung

Minocyclin verzögert möglicherweise den Ausbruch von Multipler Sklerose (MS). In einer Studie erkrankten unter dem Antibiotikum sechs Monate nach einem ersten Schub halb so viele Patienten an MS wie unter Placebo. Der Effekt hielt allerdings nicht an.

Veröffentlicht:
Entzündungsprozesse und Demmyelinisierung an Nervenzellen werden offenbar durch Minocyclin – zumindest kurzzeitig – gestoppt.

Entzündungsprozesse und Demmyelinisierung an Nervenzellen werden offenbar durch Minocyclin – zumindest kurzzeitig – gestoppt.

© ag visuell / Fotolia

BERLIN. Die kanadische Phase-2-Studie, die kürzlich im "New English Journal of Medicine" erschienen ist DOI: 10.1056/NEJMoa1608889, bestätigt vorangegangene Untersuchungen, wonach Minocyclin die Entzündungsaktivität bei Multipler Sklerose womöglich hemmt. Das synthetische Tetracyclin gilt seit längerem als eine für die Multiple-Sklerose-Therapie interessante Substanz, da es antientzündliche und antiapoptotisch/neuroprotektive Wirkungsweisen kombiniert. Auch die einfache orale Anwendung und der vergleichsweise niedrigen Preises mach die Substanz attraktiv.

In die aktuelle Studie wurden nun 142 Patienten eingeschlossen, die innerhalb der vorausgegangenen 180 Tage ein erstes, auf eine MS hindeutendes demyelinisierendes Ereignis erlitten hatten. 72 Studienteilnehmer erhielten Minocyclin 100 mg zweimal täglich, 70 Placebo. Die verblindete Therapie wurde entweder bis zur Diagnose MS oder bis zum Zeitpunkt von 24 Monaten nach Randomisierung fortgeführt.

Primärer Endpunkt war die Konversion zu einer MS, gemäß den McDonald-Kriterien von 2005 innerhalb von sechs Monaten nach Randomisierung, wie die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) berichtet. Sekundäre Endpunkte umfassten die Konversion zu einer MS innerhalb von 24 Monaten nach Randomisierung und verschiedene Parameter der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) nach sechs und 24 Monaten.

Signifikant weniger MS-Erkrankungen

Ergebnis: Das nicht adjustierte Risiko einer Konversion zu einer MS innerhalb von sechs Monaten nach Randomisierung war mit 33,4 Prozent in der Minocyclingruppe signifikant geringer als in der Placebogruppe mit 61,0 Prozent. Auch nach Adjustierung entsprechend der Zahl kontrastmittelaufnehmender Läsionen bei der initialen MRT-Untersuchung war die Differenz mit 18,5 Prozentpunkten immer noch signifikant. Allerdings fand sich nach 24 Monaten kein signifikanter Unterschied mehr zwischen den beiden Gruppen.

Alle MRT-Parameter fielen ebenfalls nach sechs Monaten in der Minocyclingruppe besser aus als in der Placebogruppe – nach 24 Monaten war auch hier der Effekt verschwunden. Das galt auch bei der Anzahl von Schüben und der Behinderungsprogression, gemessen am expanded disability status scale (EDSS): Nach 24 Monaten ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Zudem beendeten in der Minocyclingruppe mehr Patienten als in der Placebogruppe die Studie frühzeitig wegen Minocyclin-assoziierten Nebenwirkungen.

Mit Jahrestherapiekosten von etwa 550 Euro wäre das Generikum natürlich wesentlich günstiger als die klassischen Immunmodulatoren (15.000 – 20.000 Euro). Ob das Aknemittel tatsächlich ähnlich gut wirksam und mindestens so gut verträglich ist, müsste nun jedoch in größeren Vergleichsstudien geprüft werden.

Deutsche Neurologen sind noch skeptisch

Für eine endgültige Aussage sei es trotz der ermutigenden Daten aber noch zu früh, kommentieren nun auch Neurologen verschiedener deutscher Fachgesellschaften – des Kompetenznetzes MS (KKNMS), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) – die Ergebnisse. Der Nutzen von Minocyclin bei MS sei derzeit noch nicht hinreichend belegt, betonen sie in einer Pressemitteilung der Gesellschaften.

Die Studie habe zudem – wie sowohl von den Autoren als auch im begleitenden Editorial von Zongqi Xia und Robert Friedlander angemerkt – erhebliche Schwächen, urteilen die MS-Experten weiter. So sei die Zahl der Patienten mit 142 gering gewesen und der Zeitraum von sechs Monaten bis zum Erreichen des primären Endpunktes im Vergleich zu anderen Studien sehr kurz. Drittens habe es Ungleichgewichte in der Zusammensetzung von Verum- und Placebogruppe gegeben. Ein weiteres Problem könne die Langzeiteinnahme eines Antibiotikums mit potenzieller Resistenzentwicklung von Bakterien sein. Auch sie fordern daher eine größere und längere klinische Studie, um die Wirksamkeit von Minocyclin bei MS zu belegen und damit die Möglichkeit, es als Alternative zu anderen immunmodulatorischen Therapien zu nutzen. Ob es diese Studie geben wird ist allerdings fraglich, da in einigen Jahren auch die ersten oralen Immunmodulatoren generisch erhältlich sein werden. (run/mut)

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Kommentare
Thomas Georg Schätzler 07.08.201713:30 Uhr

Strohfeuer oder "Geiz ist geil"?

Bei der Beurteilung dieser Studie: "Trial of Minocycline in a Clinically Isolated Syndrome of Multiple Sclerosis" von Luanne M. Metz et al. http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1608889
schwanke ich zwischen diesen beiden Extremen: Die Mehrzahl meiner hausärztlich betreuten MS-Patientinnen und Patienten sind und bleiben dank exzellenter neurologischer Versorgung mit "Biologicals" Remissions-stabil.

Doch unter Antibiotika-Therapie mit Minocyclin ergab sich bedauerlicherweise: "Auch nach Adjustierung entsprechend der Zahl kontrastmittelaufnehmender Läsionen bei der initialen MRT-Untersuchung war die Differenz mit 18,5 Prozentpunkten immer noch signifikant. Allerdings fand sich nach 24 Monaten kein signifikanter Unterschied mehr zwischen den beiden Gruppen."

Unter Berücksichtigung von Nebenwirkungen, Entwicklung multiresistenter Keime und Risiken bei evtl. nachfolgenden Infektionen ist der fehlende Wirksamkeitsnachweis gegenüber Placebo nach 24 Monaten dramatisch: Auch gegenüber den wesentlich länger signifikant wirksamen Biologicals.

Die Aussage: "Mit Jahrestherapiekosten von etwa 550 Euro wäre das Generikum natürlich wesentlich günstiger als die klassischen Immunmodulatoren (15.000 – 20.000 Euro). Ob das Aknemittel tatsächlich ähnlich gut wirksam und mindestens so gut verträglich ist, müsste nun jedoch in größeren Vergleichsstudien geprüft werden", erinnert in fataler Weise an den bekannten Werbespruch "Geiz ist geil" einer bekannten Elektronik-Kette, deren Produkte gelegentlich nach Ablauf von 24 Monaten, rechtzeitig nach Ablauf jeglicher Gewährleistungs-Fristen, ihren Geist aufgeben.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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