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Bald ein Test auf Virustatika-Unverträglichkeit?

BONN (awa). Bald schon könnte das erste Mal ein Test im klinischen Alltag zur Routine werden, mit dem unerwünschte Substanz-Wirkungen vorhergesagt werden sollen. So wird derzeit in einer Studie der Nutzen eines pharmakogenetischen Screenings getestet, um mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Hypersensitivitätsreaktion auf das Mittel Abacavir gegen HIV vorherzusagen. Die erhoffte Konsequenz: weniger unerwünschte Wirkungen.

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Eine individuell abgestimmte Therapie, die möglichst gut wirkt und keine unerwünschte Wirkung hervorruft, statt eines Medikaments in gleicher Dosierung für alle - dieses Ziel wird nach Angaben von Privatdozent Jan van Lunzen aus Hamburg schon seit Längerem mit der Pharmakogenetik verfolgt. Bisher konnte aber noch kein Forschungsergebnis in den klinischen Alltag übertragen werden.

"99,9 Prozent der menschlichen Erbanlagen sind identisch, nur die restlichen 0,1 Prozent machen unsere Individualität aus. Das gilt auch für das Ansprechen auf Medikamente", so van Lunzen. Als Beispiel nannte der HIV-Experte, dass trotz der enormen Fortschritte in der hochaktiven antiretroviralen HIV-Therapie (HAART) zwei Drittel der Patienten innerhalb von vier Jahren ihre erste HIV-Therapie aufgrund von Toxizitäten oder eigenem Wunsch wechseln müssen. Der Grund ist häufig auch eine unerwünschte Wirkung.

Auslöser unerwünschter Wirkungen seien etwa genetische Polymorphismen mehrerer Leberenzyme, die die Medikamente abbauen. Aber auch genetische Unterschiede bei den Genen für die Humanen Leukozytenantigene (HLA) können Auslöser sein. Das berichtete van Lunzen auf der Veranstaltung "Pharmainnovation" des Bundesgesundheitsministeriums und des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn.

HLA-B*5701 bewirkt eine nicht erwünschte Abacavir-Wirkung

Bei der Immunpathogenese der Hypersensitivitätsreaktion (HSR) auf das HIV-Medikament Abacavir ist zum Beispiel das HLA-B*5701-Allel von entscheidender Bedeutung. Bisher ist diese immunologisch vermittelte unerwünschte Wirkung eine klinische Verdachtsdiagnose mit unspezifischen Symptomen wie Fieber, Exanthem, gastrointestinalen Beschwerden und allgemeiner Abgeschlagenheit, die sich manchmal schwer abgrenzen lässt.

Die HSR tritt in Westeuropa bei fünf bis sieben Prozent der HIV-Patienten auf - meistens in den ersten sechs Wochen nach Therapiebeginn. Da sie potenziell lebensbedrohlich ist, müsse Abacavir sofort abgesetzt und dürfe nie wieder verabreicht werden, betonte van Lunzen. Mittlerweile konnte nachgewiesen werden, dass die HSR mit dem Vorhandensein des HLA-B*5701-Allels assoziiert ist. Zudem gibt es Hinweise, dass ein genetisches Screening auf HLA-B*5701 vor Applikation von Abacavir helfen kann, die HSR-Rate auf 0,5 Prozent zu senken.

Spezifischer Test zur Detektion von HLA-B*5701 wird validiert

Zur Zeit wird ein spezifischer pharmakogenetischer Test für HLA-B*5701 in einer randomisierten Studie (PREDICT-1) validiert. Daran nehmen weltweit mehr als 1800 HIV-Infizierte teil. Die Patienten werden vor einer Abacavir-Therapie entweder dem Studienarm ohne oder dem Studienarm mit HLA-B*5701-Test zugeordnet. Ergibt der Test einen positiven Befund, erhalten die Patienten eine HIV-Therapie ohne Abacavir. Verglichen werden die HSR-Raten bei den Patienten mit und ohne Test. Derzeit läuft die Auswertung der Studie. Die Ergebnisse werden in wenigen Wochen erwartet. Zudem wird in Deutschland die Prävalenz von HLA-B*5701-Positiven bei HIV-Infizierten untersucht.

Sollte sich mithilfe eines Tests auf HLA-B*5701 die Rate der HSR durch Abacavir senken lassen, sei der Test ein Meilenstein in der Pharmakogenetik, sagte van Lunzen. Denn es wäre das erste Mal, dass ein pharmakogenetischer Test in den klinischen Alltag und wahrscheinlich auch in Therapierichtlinien Einzug halte, resümierte der Experte aus dem Bereich der HIV.



STICHWORT

Pharmakogenetik

Die Pharmakogenetik befasst sich mit dem Einfluss der Gene auf erwünschte und unerwünschte Wirkungen von Arzneien. Mithilfe pharmakogenetischer Tests sollen Patienten vor Beginn der Therapie identifiziert werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf ein bestimmtes Medikament gut ansprechen oder bei denen eine bestimmte unerwünschte Wirkung auftreten kann. (awa)

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