HINTERGRUND

Brustkrebs-Nachsorge streng nach Leitlinien wird den Bedürfnissen der Patientinnen oft nicht gerecht

Von Uwe Groenewold Veröffentlicht:

Die Nachsorge bei Patientinnen mit Brustkrebs sollte sich nach den Leitlinien der Fachgesellschaften und den Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) richten. Diese sehen eine primär symptomorientierte Nachsorge zur Erkennung von Fernmetastasen vor. Beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Senologie in Lübeck wurde diese Strategie jedoch heftig diskutiert.

"Neue Strategien sind notwendig", sagte Privatdozent Kay Fridrichs vom Mammazentrum Hamburg. Welche Untersuchungen zur Brustkrebs-Nachsorge erforderlich sind, solle bei jeder Patientin individuell entschieden werden. Fridrichs: "Bei einer Patientin mit kleinem Tumor und günstiger Prognose sind weniger Maßnahmen erforderlich als bei einer jungen Frau mit positivem Lymphknotenstatus und entsprechend hohem Rezidivrisiko." Hier sei es auch ohne Symptome gerechtfertigt, einmal jährlich eine Oberbauch-Sonografie zur frühzeitigen Erkennung von Lebermetastasen zu machen, regelmäßig Tumormarker zu bestimmen sowie eine medikamentöse Rezidivprophylaxe vorzunehmen.

Weitergehende Bildgebung nur bei klinischem Verdacht

In Deutschland leben etwa 360 000 Frauen mit Brustkrebs und abgeschlossener Ersttherapie. Das Nachsorgeschema der AGO sieht nach Abschluss der Primärtherapie vor: dreimonatliche Kontrolluntersuchungen in den ersten drei Jahren, sechsmonatliche Kontrollen im vierten und fünften Jahr sowie jährliche Kontrollen im sechsten bis zehnten Jahr. Dazu gehören Anamnese und klinische Untersuchung. Auch sollten für zehn Jahre jährlich eine Mammografie und Sonografie der Brust erfolgen. Bei unklaren Befunden ist zusätzlich eine MRT indiziert. Eine weitergehende bildgebende Diagnostik wie Thoraxröntgen, CT, Oberbauch-Sonografie und Skelettszintigrafie wird nur bei klinischem Verdacht empfohlen.

Diese Empfehlungen resultieren aus den Ergebnissen mehrerer Studien, wonach asymptomatische Patientinnen keinen Überlebensvorteil haben, wenn eine intensivierte Nachsorge mit verschiedenen Bildgebungsverfahren vorgenommen wird.

Im Praxisalltag wird die primär symptomorientierte Diagnostik zur Metastasensuche aber von den Patientinnen häufig nicht akzeptiert, wie Fridrichs beobachtet hat: "Fast jede Frau fragt sich nach Abschluss der Erstbehandlung, was sie noch zusätzlich für ihre Gesundheit tun kann? Für viele liegt die Antwort in einem Mehr an apparativer Diagnostik." Allein im Bereich der KV Hamburg nehme die radiologische Diagnostik bei Brustkrebs jährlich um 10 bis 15 Prozent zu.

Tumormarker-Bestimmung oft auf Patientinnenwunsch

Zusätzlich zur Mammografie sorgen Verfahren wie Oberbauch-Sonografie, Szintigrafie und CT für ein hohes Maß an diagnostischer Sicherheit. Fridrichs: "Die Lebensqualität steigt, wenn die Bildgebung keine Metastasen gezeigt hat." Ob die weitergehende Bildgebung Kassenleistung ist, wird derzeit individuell entschieden.

Zurückhaltend seien auch die Empfehlungen zur Tumormarkerbestimmung, sagte Dr. Ivo Meinhold-Heerlein von der Universitätsklinik Kiel. In internistischen Praxen werde eine solche Untersuchung auf Wunsch der Patientinnen häufig vorgenommen. Onkologen würden sie mit Verweis auf die nicht belegte Effektivität meist ablehnen. In den S3-Leitlinien der Fachgesellschaften werde lediglich der Tumormarker CA 15-3 zur Verlaufskontrolle bei metastasiertem Brustkrebs empfohlen, so Meinhold-Heerlein.

Labor und Bildgebung sind aber nicht allein maßgeblich in der Brustkrebs-Nachsorge. Jede Frau habe Angst vor einem Wiederauftreten oder Fortschreiten der Erkrankung, und viele hätten mit Depressionen zu kämpfen, erinnerte Dr. Friederike Siedentopf vom Brustzentrum der Berliner DRK-Kliniken Westend. Besonders den Abschluss der Primärtherapie empfänden viele Frauen als dramatischen Wendepunkt. Sie fielen in ein tiefes Loch, weil die aktive Zeit der Therapie vorbei sei. "Hier ist der Arzt als vertrauensvoller Gesprächspartner der Patientinnen gefordert", so Siedentopf. Oft helfe es den Patientinnen, wenn man ihnen psychosoziale und onkologische Beratungen vermittelt.

Selbsthilfegruppen bieten Hilfe in allen Krankheitsstadien

Ein große Bedeutung in der Brustkrebs-Nachsorge hat auch die Selbsthilfe. Darauf hat Hilde Schulte, Bundesvorsitzende der Frauenselbsthilfe nach Krebs, hingewiesen. Unter dem Motto "auffangen, informieren, begleiten" werden betroffenen Frauen in allen Krankheitsstadien positive Wege zum Weiterleben aufgezeigt. Die Selbsthilfe müsse jedoch noch besser mit den professionellen medizinischen Behandlungsstrukturen vernetzt werden, forderte Schulte. Das Fachwissen der Ärzte und die Erfahrungen der Patientinnen könnten sich optimal ergänzen.

Wie Nachsorge in ein Behandlungskonzept eingebunden werden kann, wurde in einer vom bayerischen Gesundheitsministerium geförderten Studie zur Lebensqualität von Brustkrebspatientinnen geprüft. Begleitend zur Krebstherapie erhielten die betroffenen Frauen Psycho- und Physiotherapie, Schmerzbehandlung und Sozialberatung, berichtete Dr. Monika Klinkhammer-Schalke vom Tumorzentrum Regensburg. Die Ergebnisse der Untersuchung, an der 370 Frauen teilgenommen haben, sollen noch in diesem Jahr veröffentlicht werden.

Weitere Informationen zu Brustkrebs unter: www.senologie.org und www.frauenselbsthilfe.de



FAZIT

Brustkrebs-Nachsorge sollte sich an derzeit gültigen Leitlinien orientieren und demnach primär symptomorientiert sein. Inzwischen plädieren manche Experten aber für eine individuell ausgerichtete und an das persönliche Risiko angepasste Nachsorge. Dazu gehören außer Apparate- und Labormedizin auch psychoonkologische Betreuung und Unterstützung durch Selbsthilfegruppen.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Dilemma bei der Brustkrebsnachsorge

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