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Psychische Krankheiten

Burn-out & Co oft vorschnell diagnostiziert?

In Deutschland werden zu viele Diagnosen auf psychische Erkrankungen gestellt, kritisiert der Psychotherapeut Professor Wolfgang Schneider.

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ROSTOCK. Mit Skepsis beobachtet Professor Wolfgang Schneider aus Rostock die seit den 1990er Jahrenstetig steigenden Zahlen von Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen.

"Die Diagnose einer psychischen Erkrankung wird zu schnell und zu häufig gestellt", sagte der Direktor der Rostocker Uniklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin der Nachrichtenagentur dpa.

Nach seinen Angaben zeigen Analysen, dass die Zahl von 33 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer, die in einem Jahr an einer "etablierten" psychischen Erkrankung leiden, seit 20 bis 30 Jahren stabil ist.

Es würden also soziale Probleme in medizinische umgewandelt. Der Einzelne glaube, nicht er selbst sei schuld an seinen Problemen, sondern die überfordernde Arbeitswelt oder zu hohes berufliches Engagement.

"Dieses Phänomen ist auch bei den Renten zu beobachten", sagte Schneider. So liege der Anteil von Frühberentungen wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen bei 40 Prozent.

Es gebe viele Klagen, dass die Gesellschaft zu komplex geworden sei und alles krank mache. "Aber ein gewisses Maß an Müdigkeit, Erschöpfung, Demotivation oder Schlafstörungen bei beruflichen oder privaten Problemen gehört doch zum Normalbereich des menschlichen Erlebens - Schwarzmalen hat auch Negativeffekte", betonte Schneider.

Schneller Griff zum Rezeptblock

"Es ist nicht ratsam, alles zu pathologisieren." Seine Erfahrung sei, wer erst eine Diagnose hat und Medikamente bekommt, dessen Probleme werden erst richtig angeschoben.

Daran trage die Ärzteschaft auch eine Mitschuld, in deren Systematik immer neue Diagnosen aufgenommen werden. "Wir schaffen neue Krankheiten", sagte Schneider.

Niedergeschlagenheit und Ängste gelten als "weichere Diagnosen", die in der Arbeitswelt einen großen Raum einnehmen. Verschärft werde das Problem durch die zu geringe Anzahl an Psychotherapeuten.

Es gebe einen Engpass bei Psychotherapien, sagte Schneider. So werde oft zum Rezeptblock gegriffen und Psychopharmaka verschrieben. Erschwerend sei, dass die Pharmaindustrie das diagnostische System beeinflusse.

Deshalb erhielten viele Patienten eher Psychopharmaka als eine Psychotherapie. So seien allein zwischen 2000 und 2010 die Verschreibungen von Antidepressiva um 130 Prozent bei Frauen und etwa 80 Prozent bei Männern gestiegen. (dpa)

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