IM GESPRÄCH

Cooles Verhalten statt Schock

Von Hans Jäger Veröffentlicht: 07.02.2006, 08:00 Uhr

Insgesamt 1700 Teilnehmer aus mehr als zehn Ländern besuchten am Wochenende die 11. Münchner AIDS-Tage. Die Tagung stellt ein Amalgam aus Wissenschaft, Fortbildung, Diskussionsforen und Familientreffen der HIV/Aids-Behandler-Szene dar. Plenarvorträge werden immer stärker zurückgeschraubt. "Super-spezial-interest"-Foren wurden ausgebaut. Medizinische und psychosoziale Aspekte wurden gleich stark berücksichtigt.

Außer Ärzten und Pflegepersonal waren auch alle anderen mit dem Krankheitsbild befaßten Berufsgruppen vertreten: Sozialarbeiter und Lehrer, Psychologen und Theologen, Juristen und Soziologen. Auch Patienten und ihre Interessenvertreter aus Aids- und anderen Selbsthilfe-Gruppen waren vor Ort.

Die Prävention gehörte noch weitaus stärker als sonst zu den thematischen Schwerpunkten der Tagung. Aus gutem Grund: Denn die Rate der HIV-Neuinfektionen im Jahr 2005 in Deutschland hat überraschend von etwa 2000 pro Jahr um etwa 25 Prozent, vor allem bei schwulen Männern, zugenommen.

Die besseren Behandlungsmöglichkeiten, eventuell auch die Aussicht auf Heilung in den nächsten zehn Jahren, das heißt, der Wegfall des Dramas Sterben und Tod, haben ganz offenbar die über viele Jahre erfolgreiche Prävention unterminiert. Dem früheren Schock bei einer Neuinfektion ist oft ein cooles nonchalantes Verhalten bei neuen Patienten gewichen.

Älter werden mit Aids. Ein durch die Behandlungserfolge jetzt relevantes Thema. Die normalen Erkrankungen der Alterspyramide, vor allem Malignome und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erreichen - anders als früher - jetzt auch viele HIV-Patienten. Nicht-Raucher-Training und - wo nötig - eine Besserung des metabolischen Syndroms und zunehmend auch die Behandlung bei Übergewicht sind neue Aufgaben der HIV-Behandler.

Durch die wissenschaftliche Landschaft zieht sich derzeit sowohl der Streit um die Bewertung der Therapiepausen bei HIV-Infizierten als auch die Diskussion, ob und wann eine Heilung der HIV-Infizierten möglich wird. Patienten fragen zunehmend danach.

Erste Studien, die eine Möglichkeit des Virus-flushouts, also des Ausschwemmens aus ruhenden Helfer-Lymphozyten, zeigen, belegen die grundsätzliche Machbarkeit einer Virus-Eradikation (proof of concept).

Dr. Hans Jäger vom KIS - Kuratorium für Immunschwäche ist Internist und leitet eine HIV-Schwerpunktpraxis in München. Er war Präsident der Münchner AIDS-Tage.

Lesen Sie dazu auch: HIV-Prävention wird Top-Thema

Mehr zum Thema

Deutsche Daten

Vier von zehn PrEP-Nutzern haben eine sexuell übertragbare Infektion

Sexuell übertragbare Infektionen

Wie auf Geschlechtskrankheiten gescreent werden sollte

Das könnte Sie auch interessieren
Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Vitamin-C-Therapie

Die Chancen der Vitamin-C-Hochdosis-Therapie nutzen

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Vitamin C – ein Must-Have fürs Immunsystem

Immunmodulation

Vitamin C – ein Must-Have fürs Immunsystem

Anzeige | Pascoe Naturmedizin
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Pflegekräfte versorgen einen Patienten auf der Intensivstation im Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums Essen.

COVID-19-Versorgung

Intensivstationen: Das Personal ist der Flaschenhals

Die EU geht davon aus, dass im Frühjahr zumindest Impfstoff für Risikogruppen und Gesundheitspersonal zur Verfügung stehen könnte.

EU verbreitet Optimismus

Ist der Corona-Impfstoff bald da?

Blutgefäß mit Erythrozyten und Sauerstoff-Molekülen: Bei einem kardiogenen Schock kommt es zu einer Schädigung von Endothelzellen, die die innere Gefäßwand auskleiden. Das daraus resultierende „vascular leakage“, also die erhöhte Durchlässigkeit der Gefäße, führt dazu, dass das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt wird. Ein neuer molekularer Antikörper soll jetzt die pathophysiologische Kaskade durchbrechen.

Sterberisiko senken

Neuer Therapie-Ansatz bei kardiogenem Schock