IM GESPRÄCH

Cooles Verhalten statt Schock

Von Hans Jäger Veröffentlicht:

Insgesamt 1700 Teilnehmer aus mehr als zehn Ländern besuchten am Wochenende die 11. Münchner AIDS-Tage. Die Tagung stellt ein Amalgam aus Wissenschaft, Fortbildung, Diskussionsforen und Familientreffen der HIV/Aids-Behandler-Szene dar. Plenarvorträge werden immer stärker zurückgeschraubt. "Super-spezial-interest"-Foren wurden ausgebaut. Medizinische und psychosoziale Aspekte wurden gleich stark berücksichtigt.

Außer Ärzten und Pflegepersonal waren auch alle anderen mit dem Krankheitsbild befaßten Berufsgruppen vertreten: Sozialarbeiter und Lehrer, Psychologen und Theologen, Juristen und Soziologen. Auch Patienten und ihre Interessenvertreter aus Aids- und anderen Selbsthilfe-Gruppen waren vor Ort.

Die Prävention gehörte noch weitaus stärker als sonst zu den thematischen Schwerpunkten der Tagung. Aus gutem Grund: Denn die Rate der HIV-Neuinfektionen im Jahr 2005 in Deutschland hat überraschend von etwa 2000 pro Jahr um etwa 25 Prozent, vor allem bei schwulen Männern, zugenommen.

Die besseren Behandlungsmöglichkeiten, eventuell auch die Aussicht auf Heilung in den nächsten zehn Jahren, das heißt, der Wegfall des Dramas Sterben und Tod, haben ganz offenbar die über viele Jahre erfolgreiche Prävention unterminiert. Dem früheren Schock bei einer Neuinfektion ist oft ein cooles nonchalantes Verhalten bei neuen Patienten gewichen.

Älter werden mit Aids. Ein durch die Behandlungserfolge jetzt relevantes Thema. Die normalen Erkrankungen der Alterspyramide, vor allem Malignome und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erreichen - anders als früher - jetzt auch viele HIV-Patienten. Nicht-Raucher-Training und - wo nötig - eine Besserung des metabolischen Syndroms und zunehmend auch die Behandlung bei Übergewicht sind neue Aufgaben der HIV-Behandler.

Durch die wissenschaftliche Landschaft zieht sich derzeit sowohl der Streit um die Bewertung der Therapiepausen bei HIV-Infizierten als auch die Diskussion, ob und wann eine Heilung der HIV-Infizierten möglich wird. Patienten fragen zunehmend danach.

Erste Studien, die eine Möglichkeit des Virus-flushouts, also des Ausschwemmens aus ruhenden Helfer-Lymphozyten, zeigen, belegen die grundsätzliche Machbarkeit einer Virus-Eradikation (proof of concept).

Dr. Hans Jäger vom KIS - Kuratorium für Immunschwäche ist Internist und leitet eine HIV-Schwerpunktpraxis in München. Er war Präsident der Münchner AIDS-Tage.

Lesen Sie dazu auch: HIV-Prävention wird Top-Thema

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