Welt-Polio-Tag

Der schwere Kampf gegen die Kinderlähmung

Der stetige Einsatz der WHO im Kampf gegen Polio hat sich in vielen Regionen bereits ausgezahlt - allerdings gibt es immer wieder Ausbrüche. Anlässlich des Welt-Polio-Tages erinnern Organisationen an die Spätfolgen der Erkrankung.

Von Pete Smith Veröffentlicht:
Polio-Imfpung eines Jungen in Nigeria. Am Welt-Polio-Tag wird auch an die Folgen der Erkankung erinnert.

Polio-Imfpung eines Jungen in Nigeria. Am Welt-Polio-Tag wird auch an die Folgen der Erkankung erinnert.

© Oghene / dpa

NEU-ISENBURG. Am 21. Juni 2002 erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO ganz Europa offiziell für poliofrei.

"An diesem Status hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert, obwohl es 2010 in Tadschikistan einen Polio-Ausbruch gab mit mindestens 643 Neuerkrankungen, in dessen Folge auch Infektionen in Moskau und Sankt-Petersburg auftraten", sagt Karola Rengis, 1. Vorsitzende des Bundesverbandes Polio Selbsthilfe e. V.

"Das Festhalten am Status ‚poliofreies Europa‘ hat unserer Arbeit geschadet."

Rengis wird die zentrale Veranstaltung zum diesjährigen Welt-Polio-Tag (28. Oktober) am Samstag in Nürnberg eröffnen, die unter dem Motto "Für eine Welt ohne Kinderlähmung und deren Spätfolgen" steht.

Dabei will die Bielefelderin auch auf die Situation jener 50.000 bis 100.000 Patienten in Deutschland eingehen, die am Post-Polio-Syndrom leiden.

Mit 46 Jahren berufsunfähig

Karola Rengis erkrankte 1953 als Zweijährige an Poliomyelitis. Bei einem von 100 Patienten verläuft die Erkrankung paralytisch. Rengis gehörte dazu. "Ich habe mich ins Leben zurückgekämpft", sagt sie heute.

Eine Karriere als Versicherungskauffrau und vier eigene Kinder belegen das. Mit Anfang 40 zeigten sich erste Anzeichen des Post-Polio-Syndroms (PPS).

Zunächst Muskel- und Atembeschwerden, denen Lähmungserscheinungen folgten. Im Alter von 46 Jahren war die Bielefelderin erwerbsunfähig. "Doch zu dieser Zeit wusste ich noch nicht einmal, was PPS ist."

Inzwischen ist Karola Rengis Vorsitzende der im Januar 2006 gegründeten und bundesweit tätigen Polio Selbsthilfe, deren vorrangiges Ziel der Aufbau regionaler Selbsthilfe-Netzwerke ist, um die wohnortnahe Versorgung Betroffener zu verbessern.

Ärzte im Fokus der Aufklärungsarbeit

Eigenen Angaben nach arbeitet der Verein dabei mit niedergelassenen Ärzten, Physiotherapeuten, Kliniken, Kassen, Versorgungsämtern, Ärztekammern und KVen zusammen.

Betroffene, so Rengis, erhielten schnellstmöglich Rat und Hilfe bei Fragen rund um Diagnose und Therapie, Erwerbsunfähigkeit, Pflegeeinstufung, Kurzzeitpflege sowie bei der Wahl einer geeigneten Rehaklinik.

Darüber hinaus betreibt der Verein Aufklärung und bietet den Patienten die Möglichkeit, sich im Internet Informationen herunterzuladen oder sich in einem Chat auszutauschen.

Im Fokus der Aufklärungsarbeit, so Rengis, stünden auch die Ärzte, deren Wissen über Poliomyelitis und Post-Polio-Syndrom noch immer mangelhaft sei. Sowohl Polio als auch PPS stünden an den medizinischen Fakultäten selten auf den Lehrplänen.

Viele Patienten fühlten sich von niedergelassenen Ärzten unzureichend versorgt. Daher habe die Polio Selbsthilfe die Initiative ergriffen und bis heute zwanzig von der Ärztekammer zertifizierte ärztliche Fortbildungen abgehalten.

Auch die häufig zu hörende Behauptung, dass die Impfquote in Deutschland bei 95 Prozent liege, sei so nicht aufrechtzuerhalten, sagt Rengis. "Denn 15 Prozent der Eltern legen gar keinen Impfausweis für ihr Kind vor."

Mehrere Ausbrüche weltweit

Seit Jahrzehnten verfolgt die WHO ihr Ziel, Polioviren weltweit auszurotten. Zu 99 Prozent ist ihr das auch gelungen. Wie schnell es dennoch wieder zu einer Streuung von Polio kommen kann, beweisen die Ausbrüche der vergangenen Jahre.

2006 wiesen Forscher im Norden Nigerias, wo die Poliowildviren der Typen I und III zirkulieren, 69 Neuerkrankungen nach. 2010 wurde neben der Epidemie in Tadschikistan ein weiterer Ausbruch im Kongo gemeldet, das eigentlich seit 2000 als poliofrei galt. Dabei starben 179 Menschen, 476 trugen Lähmungen davon.

Im vergangenen Jahr meldete die WHO einige Dutzend Neuerkrankungen aus Pakistan, in deren Folge sich auch Menschen in China mit dem Erreger infizierten.

Im Nordwesten Pakistans haben Führer der Taliban unlängst ein Impfverbot gegen Polio ausgesprochen - aus Protest gegen US-amerikanische Drohnenangriffe. Auch in Indien und Afghanistan ist das Polio-Virus endemisch.

"Traurig" findet Karola Rengis, dass das Thema Poliomyelitis im Nationalen Impfplan bislang keine Berücksichtigung gefunden hat.

"Ich hätte mich gern mit vier Stichen vor dem, was ich in meinem Leben aushalten musste, geschützt", sagt sie.

Zumindest habe sie die Zusage von KBV und BÄK, dass die Aufnahme von PPS in die Nationalen Versorgungsleitlinien geprüft werde.

www.polio-selbsthilfe.net

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