Die Psycho-Onkologie ist tot - es lebe die Psycho-Onkologie!

Von Karlheinz Schneider Veröffentlicht:

Eines muß in aller Deutlichkeit gesagt werden: Psychotherapien jedweder Couleur haben keinen Einfluß auf den Verlauf einer Krebserkrankung. Ein Betroffener lebt keinen Tag länger, wenn er beim Analytiker auf der Couch liegt oder sich selbst täglich suggeriert, seinen Krebs besiegen zu können. Eine "Krebs-Persönlichkeit" gibt es nicht. Und Rezidive treten bei Psychotherapierten ebenso oft und ebenso schwer auf wie bei psychologisch Unbehandelten.

Das ist ein Faktum, vor allem aber der einzige Schluß, den die nunmehr 50jährige internationale psycho-onkologische Forschung zuläßt.

Was verwundert, ist nicht der Untergang einschlägiger Hypothesen, sondern der Zeitpunkt, an dem dies geschieht: Vor dreißig Jahren wäre ein Psychologe, der auf einer chirurgisch-onkologischen Abteilung erwischt worden wäre, noch hochkant hinausgeflogen. Doch heute, da die Psycho-Onkologen dabei sind, ihre Lieblings-Hypothesen zu entsorgen, gibt es nicht wenige Chirurgen, die bereit sind, der Seele zumindest eine Mitursache bei Krebsentstehung und Verlauf zuzugestehen. Jetzt! Wo wir wissen, daß es nicht so ist.

Doch noch etwas haben die 50 Jahre Psycho-Onkologie gebracht: Ab etwa den 80er Jahren hat sich die psycho-onkologische Forschung verstärkt den Fragen nach der Lebensqualität und ab den 90er Jahren für Krebskranke geeigneten psychosozialen Interventionen zugewandt. Und es zeigte sich, daß sich diese Maßnahmen auf die Grundstimmung, auf Ängstlichkeit, Sozialverhalten, ja sogar auf die Wahrnehmung der eigenen Schmerzen so positiv auswirken, daß es sich eigentlich verbietet, in psycho-onkologischen Studien überhaupt noch Kontrollgruppen zu bilden.

Trotz bedenklicher Datenlage bezüglich des Krankheitsverlaufes ist die Arbeit der Psycho-Onkologen also ein Akt der Menschlichkeit! Und hier zeigt sich ein tragisches Moment. Denn für viele Patienten ist gerade die Vorstellung, die Krankheit zu besiegen oder ihren Verlauf günstig zu beeinflussen, ein starkes Motiv, sich meist erstmals in ihrem Leben mit ihrer Psyche zu befassen. Der Kontakt mit dem Psycho-Onkologen durchbricht die Hoffnungslosigkeit und die Haltung passiven Erleidens.

Endlich, so hoffen die Patienten, können sie aktiv etwas zur Bewältigung ihrer Krankheit beitragen. Und so erweisen sich die falschen Hypothesen von einst unvermittelt als fruchtbar.

Wie aber wirkt es sich aus, wenn die Psycho-Onkologen den naiven Glauben von früher nicht mehr besitzen, weil die Datenlage in ihrer eigenen wissenschaftlichen Literatur sie überzeugt hat? Die psychologische Forschung weist aus, daß der Glaube eines Versuchsleiters maßgeblichen Einfluß auf das Verhalten der Probanten und damit auf das Ergebnis hat. Und auch in der Medizin herrscht Einigkeit darüber, daß demjenigen Arzt weniger Erfolg beschieden ist, der an seine eigene Therapie nicht glaubt.

Ist es gut für die Krebskranken, wenn ihre Psycho-Onkologen vom Baum der Erkenntnis gegessen haben? Die Psycho-Onkologen ziehen den richtigen Schluß: Sie beschränken sich auf das Praktische. Das heißt, sie verlassen ausgetretene psychotherapeutische Pfade und entwickeln eine eigene psychosoziale Methodik für Krebskranke.

Sie deuten nicht mehr in der Vergangenheit herum, sondern suchen und finden mit Betroffenen realistische und erreichbare Ziele in dem verbleibenden Leben, sie ermutigen die Patienten und deren Partner, diese Ziele zu erreichen, sie beruhigen etwa bei der Angst, unter großen Schmerzen zu sterben, sie entwickeln persönliche Stärken der Patienten, und sie tun vieles mehr abseits des Theorienballastes der psychologischen Schulen.

Läßt man die 50 Jahre psycho-onkologischer Forschung Revue passieren, dann ist es eine Geschichte inadäquater Hypothesen in der Anfangszeit und einer Renaissance mit neuer Besinnung auf die Patienten. Mit etwas Pathos könnte man also sagen: Die Psycho-Onkologie ist tot. Es lebe die Psycho-Onkologie!

Lesen Sie dazu auch: Psychotests können Krebspatienten stigmatisieren

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