Entwarnung

Doch keine Demenz durch Benzodiazepine

Eine Kohortenstudie findet keine Hinweise, nach denen Benzodiazepine das Demenzrisiko erhöhen. Sie bestärkt eher einen anderen Verdacht.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Eine Demenz könnte den Benzokonsum antreiben.

Eine Demenz könnte den Benzokonsum antreiben.

© Monkey Business / Thinkstock

SEATTLE. Der Zusammenhang scheint relativ eindeutig: Wer im Alter viele Benzodiazepine schluckt, hat ein erhöhtes Demenzrisiko. Die entscheidende Frage ist nun, treiben die Benzos eine Demenz voran?

Immerhin werden auch akute Effekte auf die Kognition beobachtet. Oder ist es gerade umgekehrt: Fördert eine beginnende Demenz den Konsum solche Mittel?

Auch dafür gibt es plausible Erklärungen: So leiden Patienten im Anfangsstadium einer Demenz vermehrt an Ängstlichkeit, Depressionen und fragmentiertem Schlaf. Dies könnte den Bedarf an Medikamenten erhöhen, die den GABA-Rezeptoren schmeicheln.

Bisher kamen jedoch unterschiedliche Studien mit unterschiedlichem Design bei derselben Frage zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Zwei größere Studien deuteten eher auf den Benzokonsum als Ursache einer Demenz, eine hingegen als Folgeerscheinung, andere fanden erst gar keinen Zusammenhang.

Kognitive Tests alle zwei Jahre

Nun haben Forscher um Shelly Gray von der School of Pharmacy an der Universität in Seattle die Debatte erstmals mit US-Daten befeuert (BMJ 2016; 352: i90). Dabei wollten sie schon vorneweg eine Reihe methodischer Mängel anderer Studien umgehen.

So verließen sie sich nicht auf recht unpräzise administrative Diagnosedaten oder ebenso unpräzise Einschätzungen von Betroffenen zu ihrem Benzodiazepinkonsum.

Stattdessen berücksichtigten sie Verschreibungsdaten eines US-Versicherers in der Region Seattle und prospektiv von Neurologen nach strengen Kriterien erhobene Demenzdiagnosen im Verlauf der Adult Changes in Thought Study (ACT).

Bei dieser Studie wurde alle zwei Jahre die kognitive Leistung der Teilnehmer erfasst, dies ermöglichte es auch, den kognitiven Abbau im Laufe der Zeit festzustellen.

Insgesamt konnten die Forscher um Gray bei über 4700 Teilnehmern den Medikamentenkonsum in den zehn Jahren vor Studienbeginn anhand der Verschreibungsdaten zuverlässig ermitteln. Nur solche Teilnehmer wurden in der Analyse berücksichtigt.

70 Prozent ohne Benzos und Z-Substanzen

Etwa 70 Prozent hatten vor Studienbeginn keine Benzos und Z-Substanzen eingenommen, 14 Prozent hatten zwischen 1 und 30 Tagesdosen in zehn Jahren verschrieben bekommen (leichter Konsum), rund 8 Prozent nahmen 31 bis 120 Tagesdosen (moderater Konsum) und ebenso viele lagen über 120 Tagesdosen (hoher Konsum), wobei hier im Median 375 Dosen verordnet worden waren.

Als Tagesdosis wurde die minimal wirksame Dosis für das jeweilige Benzo oder die Z-Substanz bezogen auf das jeweilige Alter definiert.

Zum Studienbeginn waren die Teilnehmer im Schnitt 74 Jahre alt. Für die Analyse berücksichtigten die Autoren bei jeder Studienvisite den Benzodiazepinverbrauch in den zehn Jahren zuvor minus einem Jahr, um Verschreibungen aufgrund eines Demenzprodroms auszuschließen.

Im Verlauf von 7,3 Jahren entwickelten 23 Prozent der Teilnehmer eine Demenz, vier Fünftel davon eine Alzheimererkrankung. Bei den Teilnehmern mit geringem kumulativem Benzokonsum war die Rate relativ betrachtet um 25 Prozent höher als bei solchen ohne diese Medikamente, bei moderatem Konsum war die Demenzrate um 31 Prozent erhöht, aber ausgerechnet beim höchsten Konsum gab es mit 7 Prozent keine signifikante Steigerung der Demenzrate mehr, die Alzheimerrate war sogar leicht erniedrigt.

Berücksichtigt worden waren dabei bekannte Risikofaktoren wie BMI, Depression, körperliche Aktivität, Diabetes, KHK oder Schlaganfall. Die Ergebnisse, so die Autoren, lassen sich nur schwerlich mit einem erhöhten Demenzrisiko durch Benzodiazepine erklären, zumindest dann nicht, wenn die kumulative Dosis über viele Jahre hinweg betrachtet wird.

Kein beschleunigter geistiger Abbau

Um eine reverse Kausalität weiter auszuschließen, wurden nun Benzoverordnungen fünf Jahre vor den jeweiligen Studienuntersuchungen nicht mehr berücksichtigt, was den Zusammenhang weiter abschwächte.

So ergab sich nur noch für die Teilnehmer mit niedrigem Benzobedarf eine erhöhte Demenzrate (um 24 Prozent), nicht aber für die mit moderatem oder hohem Konsum. Dies deutet eher darauf, dass die Demenz den Benzodiazepinkonsum antreibt und nicht umgekehrt.

Auch der kognitive Abbau der Beteiligten spricht nicht gerade für einen negativen Effekt der Benzos. In der Gruppe mit dem höchsten Verbrauch verlief der Abbau sogar etwas langsamer als bei den Teilnehmern ohne Benzos, wenn auch nicht signifikant. Und bei Teilnehmern, die erst seit kurzem Benzodiazepine einnahmen, war ebenfalls kein beschleunigter kognitiver Abbau zu beobachten.

Zumindest nach diesen Daten scheinen Benzodiazepine weder das Demenzrisiko zu erhöhen noch den kognitiven Abbau zu beschleunigen. Die Studienautoren mahnen aber dennoch zur Vorsicht - schon allein wegen des erhöhten Risikos für Stürze, Frakturen, Autounfälle und Delirium unter solchen Medikamenten.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Unbegründete Furcht

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