Sportmedizin

"Eine Dynamik, die der Sportler nicht kontrollieren kann"

Von Bülent Erdogan Veröffentlicht: 24.02.2006, 08:00 Uhr

Geschwindigkeiten wie auf der Autobahn, hoher Erfolgsdruck und Fliehkräfte ähnlich denen beim Start einer Raumfähre: Viele Athleten gehen bei den Olympischen Winterspielen in Turin bis an die physikalischen und körperlichen Grenzen.

Bei so viel Risiko bleiben Stürze und Karambolagen nicht aus: So mußte dem 19jährigen italienischen Skispringer Marco Beltrame nach einem Trainingssturz zu Beginn der Spiele in einer Notoperation die Milz entfernt werden. Trotz eines spektakulären Sturzes lief die chinesische Paarläuferin Dan Zhang zur Silbermedaille.

Die deutschen Olympiateilnehmer und Ärzte wissen aus leidvoller Erfahrung um die Gefahren, die mit der Jagd nach olympischen Ehren verbunden sind. Viel Pech hatte etwa die 24jährige Riesenslalom-Spezialistin Anja Blieninger bei einem Sturz kurz vor Beginn der Olympischen Spiele.

Die Sportsoldatin zog sich beim Einlaufen zu einem Weltcup-Rennen einen knöchernen Bandausriß zwischen Halswirbel und Hinterkopf, einen Handgelenksbruch sowie eine Schädelprellung zu und fiel damit für den Riesenslalom in Turin aus.

"Das Unfallgeschehen ist von vielen inneren und äußeren Faktoren abhängig", so Dr. Ernst-Otto Münch, Mannschaftsarzt der sechs noch übrig gebliebenen deutschen Ski-Asse. Zu den Unfallquellen gehörten Selbstüberschätzung, fehlende Konzentration, der Druck des Wettkampfes, aber auch die Witterung oder der Materialzustand, sagt er.

Blieninger hatte allerdings keinen Kreuzbandriß, der inzwischen zu den Hauptverletzungsrisiken im alpinen Skisport gehört. Heute betreffen etwa ein Drittel aller Verletzungen die Knie, sagt Münch, und er nennt als einen Grund die Einführung der Sicherheitsbindung. Sie habe zwar die Zahl der Unterschenkelfrakturen vermindert, das Verletzungsrisiko dafür aber in die Knie verlagert.

Als zweiten Grund führt Münch den Siegeszug der Carving-Skier an, die im Gegensatz zu den alten Sportgeräten kürzer und stärker tailliert sind. Damit erreichen die Sportler höhere Geschwindigkeiten, gleichzeitig sinkt die Chance, Fahrfehler auszugleichen.

Für Münch ist das im Profisport ein Risiko. "Durch die Taillierung besteht die Gefahr, daß der Ski verschneidet und eine Eigendynamik entwickelt, die der Sportler nicht mehr kontrollieren kann." Die Folge: spektakuläre Abflüge wie bei der Kanadierin Allison Forsyth im Abfahrtstraining vergangene Woche. Sie erlitt einen Kreuzbandriß. "Mein subjektiver Eindruck ist, daß die Knieverletzungen durch die Carving-Skier zugenommen haben", sagt Münch.

Athleten und Ärzte versuchen, die Verletzungsrisiken zu minimieren. Wirbelsäulenprotektoren, Schlagschutz an Schultern und Händen und der Helm zählen zum Standardrepertoire. "Inzwischen fahren fast alle mit Helm, auch beim Slalom", sagt Münch.

Für Bobfahrer, Rodler und Skeleton-Piloten gehören Helme dagegen schon lange zur Ausrüstung. Im Bobsport sind vor allem umkippende Sportgeräte das Problem, weiß Mannschaftsarzt Dr. Christian Schneider. Wirbelbrüche, Prellungen, Schleudertraumata gehörten zu den üblichen Verletzungsbildern. Allein im deutschen Team zählt der Arzt pro Jahr durchschnittlich fünf gebrochene Wirbel.

Aber auch ohne Unfall kann die Schuß-Fahrt für die Helden des Eiskanals zu einem schmerzhaften Erlebnis werden. Wer nicht aktiv den Bewegungen des Bobs folgt, riskiert bei der Einfahrt in die Kurven mit Gewichtskräften von bis zu 4 G Prellungen oder sogar ein Halswirbelsäulen-Schleudertrauma. "Das muß man sich wie einen Auffahrunfall mit 120 oder 130 Stundenkilometern vorstellen", erklärt Schneider, dessen Schützlinge im Männer-Vierer am kommenden Freitag und Samstag um Medaillen fahren.

Bei den Shorttrack-Profis sind es vor allem Stürze in die Bande rund um die kurze Eisbahn, die zu Verletzungen von Wirbelsäule, Schultern, Becken und Schädel führen, sagt Mannschaftsarzt Dr. Volker Smasal. "Da hilft nur, stürzen zu lernen." Das heißt, der Shorttrack-Athlet sollte bei Geschwindigkeiten von knapp 50 Stundenkilometern eingangs der Kurve möglichst mit dem Rücken in die Schutzmatten krachen.

Das ist ein schwacher Trost für die Sportler, die bisher ohnehin wegen der scharfen Kufenspitzen der Schlittschuhe mit der ein oder anderen Stich- oder Schnittverletzung leben mußten. Kufenenden müßten jedoch seit kurzem abgerundet werden, so Smasal.

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