Direkt zum Inhaltsbereich

Schwangerschaft

Erhöhen Antidepressiva das Autismus-Risiko fürs Kind?

Kinder entwickeln häufiger eine autistische Störung, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Antidepressiva eingenommen hat. Zu diesem Schluss kommen kanadische Forscher. Mit der Depression der Mutter lasse sich das nicht erklären.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:

MONTREAL. Seit vielen Jahren steigt die Zahl der Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen. Den Grund dafür sehen Experten vornehmlich in den erweiterten Diagnosekriterien sowie einer erhöhten Aufmerksamkeit für die Entwicklungsstörung. Zusätzlich wird aber auch Umweltfaktoren eine Rolle eingeräumt. Ein solcher Faktor könnte einer kanadischen Studie zufolge die In-Utero-Exposition gegenüber Antidepressiva sein. Ärzte um Takoua Boukhris von der Universität in Montreal haben bei Kindern, deren Mütter im zweiten und dritten Trimenon Antidepressiva erhalten hatten, eine um 87 Prozent erhöhte Rate von Autismus-Spektrum-Störungen beobachtet.

Daten von Reifgeborenen analysiert

Die Ärzte haben die Daten von 145.456 reifgeborenen Kindern analysiert, die zwischen 1998 und 2009 in Québec zur Welt gekommen waren. Bei 1054 von ihnen (0,7 Prozent) war in der mittleren Beobachtungszeit von sechs Jahren mindestens eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert worden (JAMA Pediatr 2016; 170(2): 117-124). 4724 Kinder waren im Mutterleib einer Antidepressivatherapie ausgesetzt gewesen, davon 4200 im ersten und 2532 im zweiten und/oder dritten Trimenon. Von den Kindern mit Exposition im ersten Schwangerschaftsdrittel hatten 40 (1 Prozent), von den später exponierten 31 (1,2 Prozent) später eine Autismus-Spektrum-Störung entwickelt.

Berücksichtigte man Einflussfaktoren wie Alter und psychiatrische Erkrankungen der Mutter, war das Risiko für die Entwicklungsstörung nur bei einer Antidepressivatherapie im zweiten und/oder dritten Trimenon erhöht, mit einer Zunahme um 87 Prozent gegenüber Kindern ohne eine solche Exposition. Hatte die Mutter dagegen im Jahr vor der Schwangerschaft oder im ersten Trimenon Antidepressiva eingenommen, zeigte sich kein Zusammenhang mit Autismus-Spektrum-Störungen.

Das höchste Risiko für die Entwicklungsstörung hatten Kinder, deren Mütter im kritischen Zeitraum SSRI oder mehr als ein Antidepressivum eingenommen hatten. Bei ihnen waren die Erkrankungsraten doppelt bzw. viermal so hoch wie bei Kindern ohne Antidepressivaexposition.

Dass das höhere Erkrankungsrisiko nicht (nur) auf die Depression zurückzuführen war, zeigte eine weitere Subanalyse. Auch wenn nur Mütter einbezogen wurden, die eine Depression in der Anamnese hatten, lag die Rate von Autismus-Spektrum-Störungen bei Kindern mit Antidepressivakontakt im zweiten/dritten Trimenon um 75 Prozent über der von Kindern ohne Antidepressivakontakt.

Ein kausaler Zusammenhang lässt sich mit der Studie natürlich trotzdem nicht beweisen. Boukhris und Kollegen betonen aber, dass die Ergebnisse mit denen früherer Untersuchungen in Einklang stehen. Außerdem gebe es diverse Mechanismen, die die ungünstige Wirkung der SSRI erklären könnten: "Die Wirkstoffe sind plazentagängig und Serotonin kann zahlreiche prä- und postnatale Entwicklungsprozesse von der Zellteilung über die Migration von Neuronen bis zur Synapsenbildung modulieren." Außerdem seien bei Autismus-Spektrum-Störungen offenbar die Serotoninspiegel in den Thrombozyten erhöht und die Fähigkeit des Gehirns, Serotonin zu synthetisieren, entwickele sich in atypischer Weise, so die kanadischen Ärzte. Sie halten weitere Studien für angezeigt, um das Risiko mit verschiedenen Antidepressivaklassen und -dosierungen besser einschätzen zu können.

Allgemeine Empfehlungen lassen sich aus der Studie kaum ableiten. Unbehandelte Depressionen bei Schwangeren sind mit vielen anderen Risiken belastet, kommentiert Bryan H. King von der Universität in Seattle. "Vorzuschlagen, dass Antidepressiva immer vermieden werden sollten, ist nicht sinnvoller als zu sagen, dass sie nie abgesetzt werden sollten."

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Fehlzeiten-Report 2026

Psychiaterin zu Fehlzeiten: „Gute Arbeit ist Teil der Lösung“

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband

Fehlzeiten-Report 2026

Aktuelle Kassenstatistik: Mehr Fehlzeiten durch psychische Leiden

Kooperation | In Kooperation mit: AOK-Bundesverband
Das könnte Sie auch interessieren
Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

© libre de droit | iStock

Update MS

Update Multiple Sklerose: Aktuelle Erkenntnisse und Entwicklungen

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

© Yozayo | iStock

Intrathekale Entzündung

Einfluss der MS-Therapie auf Immunzellen im Liquor

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Ein erreichbares Ziel bei MS?

© Merck KGaA

Therapiefreie Remission

Ein erreichbares Ziel bei MS?

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

© robertprzybysz | iStock

Persistierende Onychomykosen

Welche Rolle spielen Biofilme bei Therapieversagen und Rückfällen?

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

© Domepitipat | iStock

Lebensqualität zurückgewinnen

Chronisch rezidivierende Vulvovaginalmykosen

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Pityriasis versicolor

© iStock / C5C

Kleienpilzflechte im Sommer

Pityriasis versicolor sicher erkennen und gezielt behandeln

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

© APOGEPHA Arzneimittel GmbH | Generated by AI

Überaktive Blase

Interdisziplinäres Patienten-Management – ein Praxisleitfaden

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: APOGEPHA Arzneimittel GmbH, Dresden
Abb. 1: Ofatumumab-Konzentrationen in der Muttermilchh

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [10]

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

Flexiblere Familienplanung durch kürzere Kontrazeptionszeit

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Abb. 1: MS-Krankheitsdynamik: Patientinnen und Patienten bewegen sich von frühen Stadien über Phasen fokaler Entzündung in fortgeschrittene, meist irreversible Stadien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [4]

Multiple Sklerose heute

Praxisrelevante Daten im Fokus

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

„ÄrzteTag“-Podcast

Wie können Ärzte Einsamkeit erkennen und ansprechen, Professor Adli?

Lesetipps
Rote Beete Wurzel, rote Beete Würfel, rote Beete Scheiben und rote Beete Saft.

© Daniel Vincek / stock.adobe.com

Fallbericht

Eine fast fatale Gemüse-Überdosis

Ausgestreckte Hand gegenüber einer Impfspritze.

© anyaivanova / Getty Images / iStock

Überprüft

5 Mythen übers Impfen im Faktencheck