Risikomarker

Fehlgefaltetes Amyloid im Blut sagt Alzheimer voraus

Der Entwicklung eines Bluttests auf Alzheimer sind deutsche Forscher einen Schritt näher gekommen.

Veröffentlicht: 16.10.2019, 15:09 Uhr

Heidelberg. Der Nachweis einer fehlerhaften Faltung von Amyloid-β im Blut zeigt bei symptomfreien Menschen, die später tatsächlich Alzheimer entwickelten, ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko an – bis zu 14 Jahre vor der klinischen Diagnose der Demenz.

Das berichtet das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Die Amyloid-β-Faltung habe sich anderen untersuchten Risikomarkern als überlegen erwiesen (Alzheimers Dement 2019; online 11. Oktober).

In einer vorangegangenen Arbeit hatten Professor Klaus Gerwert von der Ruhr-Universität Bochum und Professor Hermann Brenner vom DKFZ bereits entdeckt, dass sich die Amyloid-β-Veränderungen schon viele Jahre vor dem klinischen Ausbruch der Krankheit im Blut feststellen lassen.

Die Forscher hatten ebenfalls herausgefunden, dass der Nachweis von fehlgefaltetem Amyloid im Blut mit der Plaque-Bildung im Gehirn korreliert. Nun wollten die Wissenschaftler prüfen, ob die Analyse von Amyloid-β geeignet ist, das Alzheimer Risiko vorherzusagen und wie sie im Vergleich zu anderen bekannten oder vermuteten Risikofaktoren abschneidet.

23-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko

In der aktuellen Arbeit berücksichtigten die Forscher die Ausgangs-Blutproben von 150 Teilnehmern der Studie ESTHER, bei denen im Verlauf von 14 Jahren Nachbeobachtungszeit eine Demenz diagnostiziert wurde.

Die von Brenner geleitete und gemeinsam mit dem Saarländischen Krebsregister durchgeführte Kohortenstudie läuft bereits seit dem Jahr 2000. Als Kontrollen wurden 620 Teilnehmer ohne bekannte Demenzdiagnose zufällig ausgewählt, die den Erkrankten in Alter, Geschlecht und Bildungsniveau entsprachen.

Für die Menschen, die später tatsächlich Alzheimer entwickelten, zeigte die Amyloid-Bestimmung ein gegenüber der Kontrollgruppe bis zu 23-fach erhöhtes Erkrankungsrisiko an – bis zu 14 Jahre vor der Diagnose der Alzheimer-Demenz.

Bei anderen Demenzformen lieferte die Untersuchung keine Hinweise auf erhöhte Risiken, sie ist also spezifisch für die Alzheimer Erkrankung, heißt es in der DKFZ-Mitteilung.

Die Forscher hatten auch zahlreiche andere mögliche Risikoprädiktoren in ihre Analyse eingeschlossen. Darunter war etwa eine Variante des Gens für das Apolipoprotein E sowie Vorerkrankungen (Diabetes, Bluthochdruck, Depression) oder Lebensstilfaktoren (Körpergewicht, Bildungsgrad).

Mit Ausnahme des APOE4-Status, der für die Menschen, die später tatsächlich Alzheimer entwickelten, ein 2,4-fach erhöhtes Risiko anzeigte, korrelierte keiner der untersuchten Faktoren mit dem Erkrankungsrisiko.

„Anderen potenziellen Risikofaktoren überlegen“

Für die Risikovorhersage spielte es keine wesentliche Rolle, ob zwischen Entnahme der Blutprobe und dem Beginn der klinisch manifesten Demenz 0 bis 8 oder 8 bis 14 Jahre lagen.

„Bei dieser Arbeit ging es uns nicht darum, anhand der Amyloid-β-Faltung individuelle Diagnosen zu erstellen. Vielmehr wollten wir prüfen, ob dieser Laborwert für eine Risikostratifizierung größerer Bevölkerungsgruppen geeignet ist. Hier hat sich die Untersuchung auf Fehlfaltung des Amyloid-β den anderen potenziellen Risikomarkern als weitaus überlegen erwiesen“, wird Erstautorin Hannah Stocker zitiert.

„Mit dem neuen Nachweisverfahren können wir möglicherweise nicht-invasiv und kostengünstig Hochrisikogruppen, die noch keine Symptome zeigen, erkennen. Bei diesen Personen greifen unter Umständen die Medikamente doch noch, die bislang in klinischen Studien keine Wirkung gezeigt haben“, so Gerwert in der Mitteilung.

„Vielleicht kann der Nachweis von fehlgefaltetem Amyloid-β im Blut damit entscheidend dazu beitragen, ein Medikament gegen Alzheimer zu finden.“

„Immuno-Infrarot-Sensor“-Technologie

Um die Eignung des Laborverfahrens zur Ermittlung des Alzheimer-Risikos bei beschwerdefreien Menschen zu prüfen, sind jedoch weitere Studien erforderlich.

Die Untersuchung auf Amyloid-β-Veränderungen beruht auf der als „Immuno-Infrarot-Sensor“ bezeichneten Technologie, mit der das Verhältnis von abnormal und normal gefaltetem Amyloid-β gemessen wird. Abnormal gefaltetes Protein neigt bekanntlich zur Aggregation in Amyloid Plaques, während die gesunde Struktur dies nicht tut.

Die beiden Strukturen absorbieren Infrarotlicht mit unterschiedlicher Frequenz, sodass der Bluttest das Verhältnis von gesundem zu pathologischem Amyloid-β in der Probe bestimmen kann. (eb)

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