Direkt zum Inhaltsbereich

Hämatologen widersprechen IQWiG-Bericht zu Stammzellen

BERLIN (gvg). Der Vorbericht des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zur Stammzelltransplantation bei Leukämie schlägt Wellen. Er kommt, wie berichtet, zum Schluß, daß "kein Beleg eines Nutzens allogener Stammzelltransplantation mit nicht verwandtem Spender verglichen mit konventioneller Chemotherapie" vorliegt. Jedoch wird ignoriert, wie differenziert die Prognose bei akuter Leukämie ist. Zudem würden kaum praktikable Zusatzuntersuchungen verlangt, so die DGHO.

Veröffentlicht:

"Der Bericht hat eine ganze Reihe methodischer Mängel", sagt Professor Gerhard Ehninger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). So werde etwa differenziert zwischen der Therapie mit Stammzellen eines Spenders aus der Familie und der mit Stammzellen eines Fremdspenders. "Dabei sind beides - was Aufbereitung der Zellen und Zellauswahl angeht - völlig identische Verfahren", sagt Professor Mathias Freund aus Rostock.

Das gilt auch für die Ergebnisse der Therapie: Sowohl bei akuter lymphatischer (J Clin Oncol 22, 2004, 2816) als auch bei akuter myeloischer Leukämie (Blood 106, 2005, 3314) ist dies belegt worden. Diese Feststellung sei internationaler Konsens, so die DGHO.

Das Problem: Es gibt keinen direkten Vergleich zwischen Fremdstammzell-Transplantation und Chemotherapie, weil solche Studien wegen der drückenden Überlegenheit der Stammzelltransplantation von Familienspendern über die Chemotherapie weltweit nirgends je gemacht wurden. Bereits beendete Vergleichsstudien zwischen Familienspendern und Fremdspendern wurden gar nicht erst in die Auswertung einbezogen. Begründung im Vorbericht: Derartige Vergleiche seien "mit erheblichen methodischen Problemen behaftet".

Ähnlich wie bei den Fremdspendern argumentiert die DGHO bei der allogenen Nabelschnur-Restblut-Transplantation. Auch hier gebe es Studien, die die Gleichwertigkeit mit allogenen Fremdspendertransplantationen belegten, so die DGHO (NEJM 351, 2004, 2265). Auch dies hält der Vorbericht des IQWiG aus methodischen Gründen für nicht ausreichend.

Kritik entzündet sich auch daran, daß der IQWiG-Bericht nicht zwischen unterschiedlichen Formen der akuten Leukämie mit unterschiedlicher Prognose unterscheidet. Das ist insofern relevant, als das IQWiG die Entscheidung darüber, ob Fallserien als legitime Studien berücksichtigt werden oder nicht, von der Prognose abhängig macht. Bei therapierefraktärer Erkrankung mit infauster Prognose werden Fallserien zugelassen. Bei anderen, ebenfalls infausten Formen der akuten Leukämie, die sich an molekularen und zytogenetischen Markern festmachen lassen, jedoch nicht.

Das IQWiG hat auf die massive Kritik mittlerweile reagiert und darauf hingewiesen, daß die IQWiG-Methodik eine Expertenanhörung vorsehe, die zu Modifikationen des Vorberichts führen könne.

Infos zum IQWiG-Vorbericht finden Sie im Internet unter www.iqwig.de/index.408.html sowie unter www.dgho.de



STICHWORT

IQWiG-Vorbericht

Der Vorbericht "Wissenschaftliche Bewertung der Stammzelltransplantation bei den Indikationen AML (akute myeloblastische Leukämie) und ALL (akute lymphatische Leukämie) bei Erwachsenen" des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wurde im Auftrag des Gemeinsamen Bundesausschusses von Mitte 2005 erstellt. Zur Suche nach relevanten Studien wurden etwa Datenbanken, Literaturverzeichnisse und Unterlagen des Gemeinsamen Bundesausschusses genutzt. Morgen, am 29. August, ist eine Expertenanhörung dazu vorgesehen.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Chronische lymphatische Leukämie

Acalabrutinib: TTNT-Update der AMPLIFY-Studie und RWE-Daten

Sonderbericht | Beauftragt und finanziert durch: AstraZeneca GmbH, Hamburg

inMIND-Studie

Neuer Standard fürs refraktäre follikuläre Lymphom in Sicht

Kommentare
Sonderberichte zum Thema

T2D-Therapie jetzt auch mit Semaglutid 2 mg

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma Gmbh, Mainz
Abb. 1: Empagliflozin reduzierte auch bei niedriger Ausgangs-eGFR die Progression der chronischen Nierenkrankheit (Test für Heterogenität/Trend: a) 12=0,06, p=0.81; b) 12=6,31, p=0,012)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [6]

Chronische Nierenkrankheit

SGLT2-Inhibition: Nephroprotektiv auch bei stark erniedrigter eGFR

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Boehringer Ingelheim Pharma GmbH & Ko KG, Ingelheim am Rhein
Abb. 2: Sekundärer Endpunkt der BOREAS-Studie: Veränderung der Lungenfunktion unter Dupilumab versus Placebo

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Typ-2-Inflammation bei COPD

Bessere Lungenfunktion und mehr Lebensqualität durch IL-4/-13-Hemmung

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Berlin, und Regeneron GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Tipps für die Therapie

Was gegen Warzen wirklich hilft

Kohlenhydrate, Apfelessig, Gottesnahrung und Süßstoffe

Vier Ernährungs- und Blutzuckermythen im Faktencheck

Lesetipps
Zwei Hände tippen auf einem PC.

© Monkey Business / stock.adobe.com

Bewertungsportale

Wie Praxen am besten auf schlechte Online-Bewertungen reagieren