"Ich sehe Gebäude einstürzen, von der Straße höre ich Weinen und Schreie"

SAN FRANCISCO (dpa). Als Chefin der Rettungsdienste von San Francisco schärft Annemarie Conroy den Einwohnern der Westküstenstadt ein, daß sie auf einem Pulverfaß sitzen. "Wer das Glück hat, das schwere Beben zu überleben, muß sich darauf einstellen, die ersten drei Tage alleine klar zu kommen", predigt die Mittvierzigerin. Solche Warnrufe treffen derzeit auf offene Ohren. Seit Wochen werden die Bürger am San-Andreas-Graben an das Trauma von 1906 erinnert.

Veröffentlicht:

An jenem Dienstag heute vor 100 Jahren riß die berüchtigte Verwerfung auf einer Länge von 470 Kilometern auf. Das schlimmste Beben in der Geschichte der USA legte das "Paris des Westens" in Schutt und Asche, tötete zwischen 3000 und 6000 Menschen und machte die Hälfte der Bevölkerung obdachlos. San Francisco war mit 400 000 Einwohnern damals die größte Stadt westlich des Mississippi, Bankenzentrum, Hafen und Tummelplatz für Abenteurer und Genießer.

Der Polizist Jesse Cook, der um fünf Uhr morgens Dienst hatte, beschrieb die Aufwölbung der Straßen mit "Wellen des Ozeans, die auf mich zurollen". Was der Erdstoß der Stärke 7,9 nicht zerstörte, besorgte der nachfolgende dreitägige Feuersturm. Schon eine Stunde nach dem Beben tobten 50 Feuer, durch zerborstene Gasleitungen angefacht, die schnell die Holzbauten erfaßten.

Der italienische Star-Tenor Enrico Caruso, der am Vorabend des Bebens in der Oper auf der Bühne stand, beschrieb den Blick aus dem prachtvollen Palace Hotel, das dem Erdstoß standhielt, später aber ausbrannte: "Was ich sehe, läßt mich vor Angst erzittern. Ich sehe Gebäude einstürzen, große Mauerstücke fallen, und von der Straße höre ich Weinen und Schreie von Männern, Frauen und Kindern." Er hielt sein Versprechen, nie mehr nach San Francisco zurückzukehren.

Das Szenario nach dem drohenden "Big One" unserer Tage, der möglichen seismologischen Katastrophe für Nordkalifornien, könnte sogar das Ausmaß der Verwüstung durch Hurrikan "Katrina" in den Südstaaten übertreffen. Bis zu 5000 Tote, 225 000 Obdachlose, zerstörte Stadtviertel, Straßenzüge und Brücken, lautet die Prognose.

Heute leben sechs Millionen Menschen in der Bay Area um San Francisco, Oakland und San José. Am Jahrestag des Bebens startet das Rote Kreuz das ehrgeizige Projekt "Prepare Bay Area": Eine Million Menschen sollen in Erster Hilfe geschult werden, Notfallvorräte anlegen und einen Evakuierungsplan für den eigenen Haushalt ausarbeiten.

Die 109jährige Lucille Meyer zählt zu den etwa 80 Prozent der Anwohner, die noch kein "Earthquake-Kit" mit Wasser, Notproviant und Taschenlampe griffbereit am Eingang stehen haben. Die älteste Überlebende des Bebens von 1906 wohnt mit ihrer 81jährigen Tochter in einem Vorort von San Francisco. Sie war neun Jahre alt, als ihr Elternhaus in Flammen aufging. Sie erinnere sich noch gut, mag aber nicht darüber sprechen.

Die Stadt feiert die Überlebenden von einst heute wie Berühmtheiten. Die immer kleiner werdende Gruppe der "Survivors" - jetzt noch ein gutes Dutzend - trifft sich alljährlich im Morgengrauen an einem Brunnen in der Innenstadt, der damals das Beben überstand. Zum 100. Gedenktag werden heute 20 000 Schaulustige, viele in historischen Kostümen, erwartet.

Schlagworte:
Mehr zum Thema

Nach Katheterablation

Kontrolle von Risikofaktoren schützt vor Vorhofflimmern-Rezidiven

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Abb. 1: Mittlere Veränderung des DAS28-CRP bis Woche 52 gegenüber Ausgangswert (primärer Wirksamkeitsendpunkt)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Anti-TNF-Therapie

Erstes Golimumab-Biosimilar erweitert Therapiespielräume bei RA, PsA, axSpA und pJIA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Verdacht auf Myokardinfarkt

Wenn erhöhte Troponine täuschen und es kein Herzinfarkt ist

Innovative Therapieansätze

Mit Fischhaut gegen den diabetischen Fuß

Differenzialdiagnostik bei Enthesiopathie

Wann Sehnenbeschwerden wahrscheinlich rheumatisch bedingt sind

Lesetipps
Bei der Übung „Drei Minuten Atemraum“ geht es etwa darum, die aktuelle Tätigkeit für drei Minuten zu unterbrechen und bewusst in sich hineinzuhören. (Symbolbild)

© wang / stock.adobe.com / Generated with AI

Mehr Wohlbefinden im Praxisalltag

Praxisstress? Diese Achtsamkeitsübungen verschaffen Ihnen schnell wieder Luft

Ein Mann fasst sich mit der Hand ans Herz. Eine andere Person hält eine Tablette in die Kamera.

© kooshevoy / Fotolia

Herzinsuffizienz

HFrEF-Therapie: Was bringen Digitoxin und Vericiguat?

Eine Reihe von Sportutensilien (Fußball, Tennisschläger, Springsseil, etc.) in einer Sporttasche, die auf dem Boden steht.

© Pixel-Shot / stock.adobe.com

US-Analyse

Was Bewegung bei diesen sieben Krebsarten bringt