HIV

Immunsuppressivum als Therapeutikum?

Immunsuppressiva gegen immunsupprimierende Viren - möglicherweise bekämpft Sirolimus auf unerwartete Weise das HIV-Reservoir im Körper. Darauf deuten Daten bei Patienten nach einer Nierentransplantation.

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SAN FRANCISCO. Immunsuppressiva sind eigentlich keine gute Idee bei Patienten, deren Immunsystem durch HIV stark geschädigt ist.

Etwas anders sieht es aber aus, wenn es dank antiretroviraler Medikamente gelungen ist, HIV weitgehend aus dem Blut zu eliminieren und die Zahl der CD4-positiven T-Zellen wieder annähernd zu normalisieren.

Dann verstecken sich zwar noch Viren in den Immunzellen, aber das Immunsystem kann nun ohne allzu große Probleme eine immunsuppressive Therapie verkraften, wie sie nach einer Organtransplantation nötig ist. Darauf deuten Daten von einigen Hundert HIV-Patienten, bei denen bisher erfolgreich Organe übertragen wurden (American Journal of Transplantation; Online: 3. April 2014).

In einer Analyse haben nun Forscher um Steven Deeks von der Universität in San Francisco bei 91 HIV Patienten die Serumtiter von HIV-RNA vor und nach einer Nierentransplantation mit einem hochempfindlichen Amplifikationstest analysiert. Zusätzlich interessierten sie sich für die Zahl der Zellen mit proviraler HIV-DNA - hierbei handelt es sich um diejenigen Zellen, in den sich HIV versteckt.

Die meisten der Patienten waren postoperativ mit den Immunsuppressiva Cyclosporin, Tacrolimus, Prednison oder Mycophenolat-Mofetil behandelt worden, acht Patienten (neun Prozent) hatten Sirolimus erhalten.

Wie sich herausstellte, waren zwei Jahre nach der Transplantation die Plasmaspiegel von HIV-RNA wieder etwas angestiegen. Dieser Anstieg war jedoch unabhängig von der jeweils verwendeten immunsuppressiven Therapie. Wenn der Anstieg durch die Therapie bedingt war, dann betraf es die verwendeten Immunsuppressiva alle in einem ähnlichen Maße.

Geringere DNA-Last nach Sirolimus-Therapie

Etwas anders sah es bei der proviralen HIV-DNA aus: Hier zeigten die acht Patienten mit Sirolimus eine signifikant niedrigere DNA-Last als vor der Behandlung. Bei den anderen Medikamenten war ein vergleichbarer Effekt nicht zu beobachten. Mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von vier Prozent und angesichts der kleinen Zahl von Patienten mit Sirolimus steht der Befund allerdings auf wackeligen Beinen.

Doch angenommen, es handelte sich hierbei nicht nur um Zufall, wie ließe sich eine spezifische Wirkung von Sirolimus auf das HIV-Reservoir erklären?

Die Wissenschaftler um Deeks vermuten zum einen inflammatorische Prozesse, die HIV benötigt, um Immunzellen zu überdauern. Diese könnten durch Immunsuppressiva gedämpft werden. So scheint Sirolimus gezielt die Proliferation von T-Zellen zu bremsen, die durch Zytokine aktiviert werden, während andere Immunsuppressiva eine breitere Wirkung zeigen. Auch scheint Sirolimus die Bildung von Gedächtnis-T-Zellen zu begünstigen. Generell sorgt die Substanz offenbar für ein Milieu, das für eine HIV-Replikation eher ungünstig ist.

In einer Pilotstudie mit sieben HIV-Patienten, die an einem Karposi-Sarkom erkrankt waren, kam es unter einer Therapie mit Sirolimus bei drei Patienten zu einer partiellen Remission. Weitere Untersuchungen zum Nutzen des Immunsuppressivums könnten sich also lohnen, berichten die US-Forscher. (mut)

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