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Kommentar des Experten

Insulin - das Medikament der sieben Wunder

Kein anderes Präparat in der Geschichte hat solch einen Langzeiterfolg wie Insulin - und die Fortschritte haben ständig zugenommen.

Veröffentlicht:

Von Prof. Hellmut Mehnert

Professor Hellmut Mehnert

Arbeitsschwerpunkte: Diabetologie, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten widmet sich Professor Hellmut Mehnert seit über 50 Jahren.

Erfahrungen: 1967 hat er die weltweit größte Diabetes-Früherfassungsaktion gemacht sowie das erste und größte Schulungszentrum für Diabetiker in Deutschland gegründet.

Ehrung: Er ist Träger der Paracelsus-Medaille, der höchsten Auszeichnung der Deutschen Ärzteschaft.

Als erstes Wunder muss man ansehen, dass ein kanadischer Orthopäde und ein kanadischer Medizinstudent im August 1921 durch entsprechende Extraktion von Bauchspeicheldrüsen Insulin in eine injizierbare Form brachten und den blutzuckersenkenden Effekt im Tierversuch nachwiesen. Als zweites Wunder ist anzusehen, dass nur wenige Monate nach der Entdeckung erste Patienten Insulin gespritzt bekamen und damit an einem lebenswerten Leben erhalten wurden. Als drittes Wunder ist die Entdeckung von Depot-Insulin zu bezeichnen, die in den 30iger-Jahren zur Entwicklung der heute noch gebrauchten NPH-Insuline in der Hagedorn-Ära geführt hatten. Als viertes Wunder kann man bezeichnen, dass Sanger in den 50iger-Jahren die Struktur von Insulin aufklärte und dass einige Jahre später das Insulinmolekül synthetisiert wurde.

Überragende Bedeutung hatte das fünfte Wunder: In den 80iger-Jahren kam gentechnisch erzeugtes Humaninsulin in den Handel. Damit stand in unbegrenztem Maße Humaninsulin zur Verfügung. Als sechstes Wunder muss man die Entwicklung von Insulinanaloga ansehen. Durch Modifizierungen des Insulinmoleküls gelang es, den Präparaten wichtige, für die optimale Therapie nötige Eigenschaften zu verleihen. Bei den kurz wirkenden Insulinanaloga (Lispro, Aspart, Glulisin) erfolgt die Wirkung auf den Blutzucker im Gegensatz zu Normalinsulin so schnell, dass man auf einen Spritz-Ess-Abstand verzichten kann.

Das ist nicht nur ein Vorteil für die Patienten, die nach der Insulininjektion nicht länger auf die Mahlzeit warten müssen, sondern ist auch von praktischer und klinischer Bedeutung: alte Patienten oder ganz junge Diabetiker, die zunächst nicht wissen, wie viel Nahrung sie zu sich nehmen werden, können das Insulin auch nach dem Essen gespritzt bekommen.

Äußerst vorteilhaft sind auch die lang wirkenden Insulinanaloga Insulin Glargin und Insulin Detemir, die ein flaches Wirkprofil haben und deswegen im Gegensatz zu NPH-insulin mit seinen Wirkungsspitzen wesentlich seltener zu Hypoglykämien führen. Glargin hat sich besonders bewährt bei der basalunterstützten oralen Therapie (BOT), wobei man nach partiellem Versagen der oralen Diabetesbehandlung zusätzlich eine kleinere Menge Insulin verabreicht, was bei Glargin nur einmal in 24 Stunden nötig ist.

Auch liegt eine prospektive, wissenschaftlich abgesicherte Langzeitstudie vor, die für Glargin weder einen - ursprünglich einmal vermuteten - fördernden Effekt auf die Retinopathie noch auf die Entstehung von Neoplasmen zeigte.

Die lang wirkenden Insulinanaloga werden in der Regel morgens gespritzt und die oralen Antidiabetika - vorzugsweise Metformin - werden beibehalten. Janka hat in seiner LAPTOP-Studie gezeigt, wie sehr man mit Glargin eine hypoglykämiefreie Stoffwechselführung bei besserer Einstellung erreichen kann als mit NPH-Insulin. Karzinogene Effekte sind - wie alle Fachgesellschaften und einschlägigen Gremien betonen - für keines der Insulinanaloga nachgewiesen worden.

Das siebte Wunder ist vielleicht das größte Wunder: Insulin wird nach über 80jährigem Einsatz nicht nur als absolut unentbehrlich angesehen, sondern hat sogar an Bedeutung gewonnen, da jetzt auch Typ-2-Diabetiker den Insulinmangel noch erleben. Bei keinem anderen Präparat ist ein solcher Langzeiterfolg zu beobachten, wobei die Fortschritte sogar noch ständig zugenommen haben.

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