Dermatoporose

Krankheit oder kosmetisches Problem?

Trockene papierne Haut, Hämangiome, Nekrosen - die Dermatologie hat ein neues Krankheitsbild entdeckt und gleich eine Lösung parat. Wie eine Krankheit zur Steilvorlage für Kosmetikprodukte wird - ein Bericht vom Dermatologenkongress in Prag.

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Altershaut - papierdünn, aber noch intakt.

Altershaut - papierdünn, aber noch intakt.

© Starpics / fotolia.com

PRAG (nös). Nachdem man diese Bilder gesehen hat, möchte man das Alter von 70 Jahren lieber gar nicht mehr erreichen: Trockene Haut, die aussieht wie Papier. Hämangiome, die sich zu großen und tiefen Blutergüssen ausweiten. Abfallende Hautlappen, Nekrose.

Die Dermatologie hat ein neues Krankheitsbild: die Dermatoporose. Geprägt hat den Begriff, ganz bewusst in Anlehnung an die Osteoporose, Dr. Jean-Hilaire Saurat.

Für den Professor emeritus für Dermatologie der Uni Genf steht fest: Hautalterung ist nicht nur ein kosmetisches Problem, sondern vielmehr ein funktionelles.

Man möchte ihm direkt zustimmen, denn immerhin ist die Haut das größte Organ des Menschen. Und so hat Saurat am Freitag auf der Herbsttagung der europäischen Dermatologengesellschaft EADV in Prag vom "zunehmenden Problem" brüchiger Haut berichtet.

Betroffen sind nach seinen Wort Menschen im Alter ab 70. Allerdings könnten erste klinische Zeichen bereis zwischen 40 und 60 auftreten - nämlich Falten, Furchen und Runzeln, bis hin zu Purpura und Narbenbildung. Die möglichen Folgen: Schlechte Wundheilung und tiefe dissezierende Hämatome.

Chronischer Hyaluronmangel bei Dermatoporose

Das Problem bei der Dermatoporose ist laut Saurat eine chronische Hyalurondefizienz. Der Dermatologe zeigte in Prag Feinschnitte der Dermis. Deren Dicke hatte bei erkrankten Personen von normalerweise durchschnittlich 1,44 auf 0,73 Millimeter abgenommen.

Ein wichtiger Spieler beim Hyaluronmangel ist offenbar der molekulare CD44-Hyaluronat-Signalweg. Bei der Dermatoporose sind die CD44-Rezeptoren an der Zelloberfläche unterexprimiert, was die Hyaluronbindung zwischen den Zellen aus dem Gleichgewicht bringt.

Risikofaktoren für die "neue" Alterserkrankung können laut Saurat UV-Licht und eine langzeitige Steroidtherapie sein. Allerdings, das räumte er selbst ein, fehlt bei den Ursachen und der Pathogenese noch ein ganzes Stück Forschungsarbeit.

Die Frage nach der Prävalenz: Globale Schätzungen oder gar Studien gibt es nicht, so lässt sich die Tragweite des "Problems" schlicht nicht erfassen. Saurat meint: "Viele über 80 dürften die Probleme haben" und verweist auf eine Erhebung aus Toulouse: Dort soll jeder Dritte (32 Prozent) angegeben haben, klinische Zeichen einer Dermatoporose zu haben. Wie groß die Untersuchung war und wie die Kohorte zusammengesetzt war, ließ Saurat in Prag jedoch offen.

Keine Heilung, nur Linderung

Und wie steht es um die Therapie? Eine Heilung gibt es laut Saurat nicht, lediglich Verzögerung, Verbesserung und Linderung sind die bisherigen Optionen. Allerdings konnte der Genfer Hautspezialist mit Hyaluronat-Fragmenten erfolgreich Hautirritationen beseitigen, die durch die Dermatoporose entstanden sind.

Gibt es also doch eine verfügbare Therapie? Aus dem Publikum ruft einer dazwischen, es gebe zwei Produkte auf dem Markt. Namen nennt er nicht. "Das ist nicht der Platz für Marketing", fährt im Saurat dazwischen.

Er selbst gibt auf Nachfrage zu, dass es Therapieansätze gebe, er sie hier aber nicht öffentlich mache könne. Das ist kurios. Denn tatsächlich tummeln sich auf dem milliardenschweren Kosmetikmarkt seit einigen Jahren etliche Anbieter von Hyaluronprodukte. Sie sollen als "Filler" gegen Falten helfen und so die Altershaut verjüngen.

Also doch nur Kosmetik statt Medizin? Saurat selbst scheint, was die Monetarisierung einer Therapie angeht, nicht tatenlos zu sein. Schließlich finden sich bei Internetrecherchen nach Dermatoporosis vor allem Informationen, die in vielen Fällen auf ihn zurückgehen. Und außerdem hatte er 2008 versucht, den Namen Dermatoporose in der Schweiz als Marke eintragen zu lassen - allerdings erfolglos.

Dass die brüchige Altershaut auch ein Geschäft ist, will Saurat gar nicht leugnen: "Alte Menschen sind der Markt", sagt er deutlich. Zwar könne die Kosmetikindustrie die "Herausforderung", er meint die Dermatoporose, nicht alleine lösen. Doch "Hyaluronsäure ist ein großes Geschäft", in das die Industrie Milliarden investiert. Saurat: "Das kann bei der Prävention helfen."

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