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Krebs und Alzheimer - wechselseitige Schutzwirkung?

Wer an Krebs erkrankt, hat ein geringeres Risiko für eine Alzheimer-Demenz - und umgekehrt. Das zeigt eine Langzeitstudie aus Boston. Die Autoren vermuten: Eine genetisch bedingte Neigung zur Apoptose könnte Krebs entgegenwirken, aber neurodegenerative Erkrankungen fördern.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht:
Hat Vergesslichkeit doch auch etwas Gutes? Besteht eine wechselseitige Schutzwirkung von Krebs und Alzheimer?

Hat Vergesslichkeit doch auch etwas Gutes? Besteht eine wechselseitige Schutzwirkung von Krebs und Alzheimer?

© damato/fotolia.com

BOSTON. Die Hinweise auf eine wechselseitige Schutzwirkung von Krebs und Alzheimer-Demenz mehren sich.

In der Framingham Heart Study erkrankten die Überlebenden eines Krebsleidens um 33 Prozent seltener an Alzheimer als Gleichaltrige ohne Krebs.

Umgekehrt wurden bei Alzheimer-Patienten 61 Prozent weniger maligne Tumoren diagnostiziert als bei nicht dementen Vergleichspersonen.

Schon in früheren Studien war ein solcher Zusammenhang beobachtet worden. Die Interpretation der Daten ist allerdings schwierig. Krebspatienten könnten ja auch schlicht deswegen seltener eine Alzheimer-Demenz entwickeln, weil sie häufig vorher sterben.

Und bei Demenzpatienten wird vielleicht nur weniger intensiv nach einer Krebserkrankung gesucht und dadurch eine geringere Inzidenz vorgetäuscht.

Zur Klärung haben Ärzte aus Boston die Beziehung zwischen Krebs und Alzheimer-Krankheit jetzt anhand der Framingham Heart Study untersucht, einer Langzeitstudie, in der beide Erkrankungen prospektiv erfasst wurden (BMJ 2012; 344: lje1442).

Schutzwirkung bei Rauchern besonders hoch

In der ersten Teilstudie wurden Daten von 1278 Männern und Frauen ausgewertet, die bei der Basisuntersuchung keine kognitiven Defizite aufwiesen. Von ihnen hatten 176 (mittleres Alter 77 Jahre) eine Krebserkrankung durchgemacht, 1102 hatten keinen Krebs in der Vorgeschichte (mittleres Alter 76 Jahre).

Während der zehnjährigen Beobachtungszeit wurden bei ihnen 323 Demenz-Erkrankungen diagnostiziert, darunter 221 Fälle von wahrscheinlicher Alzheimer-Demenz. Wenn der Einfluss von Alter, Geschlecht und Raucherstatus herausgerechnet wurde, hatten die Krebspatienten ein um 33 Prozent niedrigeres Alzheimer-Risiko.

Das war auch dann der Fall, wenn Patienten, die früher starben, nicht in die Analyse eingingen - ein Hinweis, dass es sich nicht um ein Artefakt infolge der geringeren Lebenserwartung von Krebspatienten handelt.

Die "Schutzwirkung" war bei Krebsarten, die mit Rauchen in Zusammenhang gebracht werden, mit einer relativen Risikoreduktion um 74 Prozent besonders ausgeprägt.

Dafür hatten diese Patienten jedoch ein deutlich höheres Risiko, dass ihre kognitiven Fähigkeiten durch einen Schlaganfall Schaden nahmen.

Der Einfluss einer Alzheimer-Krankheit auf die Krebsinzidenz wurde in einer Fall-Kontroll-Studie überprüft. 495 Patienten mit einer Demenz, egal welchen Ursprungs, darunter 327 Patienten mit wahrscheinlicher Alzheimer-Demenz, wurden jeweils drei Vergleichspersonen ohne Demenz gegenübergestellt.

Innerhalb von zehn Jahren erkrankten 8 Prozent der "Fälle" und 14 Prozent der Kontrollen an Krebs. Bei jeglicher Demenz war die Malignomrate um 56 Prozent, bei einer wahrscheinlichen Alzheimer-Demenz um 61 Prozent reduziert.

Apoptoseneigung könnte Krebs entgegenwirken

Tatsächlich wurden bei dementen Personen etwas weniger Krebserkrankungen bei Screening-Untersuchungen entdeckt - was für eine gewisse Unterdiagnostik spricht, aber nicht die gesamte Differenz erklären kann.

Die Daten unterstützen die Theorie, so die Autoren, "dass zwischen Krebs und Morbus Alzheimer tatsächlich eine inverse Beziehung besteht". Für einen vergleichbaren Zusammenhang zwischen Krebs und Morbus Parkinson gibt es schon länger Belege.

Die Autoren sehen hier einen möglichen gemeinsamen Hintergrund: Eine genetisch bedingte Neigung zur Apoptose könnte Krebs entgegenwirken, aber neurodegenerative Erkrankungen befördern.

Umgekehrt wird zum Beispiel in vielen malignen Tumoren das für die Zellteilung benötigte Protein Pin1 überexprimiert. In einem Mausmodell für Alzheimer konnte Pin1 die Neurodegeneration rückgängig machen.

Die Autoren der aktuellen Studie hoffen, dass ein besseres Verständnis der Wechselwirkung zwischen Krebs und neurodegenerativen Erkrankungen einen Schlüssel für neue Therapieansätze liefern könnte.

Quelle: www.springermedizin.de

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