Neurodegenerative Erkrankungen

Krebsmittel zum Schutz von Gehirnzellen?

Eine Genveränderung in Mikrogliazellen, den Immunzellen des Gehirns, kann offenbar neurodegenerative Prozesse auslösen. Ein Krebstherapeutikum wirkt dem entgegen.

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Ursache oder Wirkung? Veränderungen im BRAF-Gen in Mikrogliazellen sind einer neuen Studie zufolge möglicherweise ein Auslöser neurodengenerativer Prozesse.

Ursache oder Wirkung? Veränderungen im BRAF-Gen in Mikrogliazellen sind einer neuen Studie zufolge möglicherweise ein Auslöser neurodengenerativer Prozesse.

© psdesign1 / stock.adobe.com

FREIBURG. Ein internationales Wissenschaftlerteam hat bei Mäusen Veränderungen an Mikrogliazellen näher untersucht, um die pathophysiologischen Prozesse bei neurodegenerativen Erkrankungen besser zu verstehen. Eine Erkenntnis dabei war, dass bei frühen Veränderungen im BRAF-Gen sich die Mikrogliazellen dann im Erwachsenenalter übermäßig vermehren.

Für ihre Untersuchung hatten die Forscher das veränderte BRAF-Gen vor der Geburt der Mäuse in noch nicht ausgereifte Mikrogliazellen eingeschleust. Daraufhin entwickelten die Tiere mit vier bis fünf Monaten erste Lähmungserscheinungen, wie sie auch bei Patienten mit neurodegenerativen Krankheiten auftreten können. Nach neun Monaten waren die Lähmungen bei mehr als der Hälfte der Tiere sehr stark ausgeprägt und es fand sich ein ausgeprägter Nervenzellverlust, wie die Forscher aus Freiburg berichten.

Erhielten die Tiere allerdings früh und regelmäßig einen BRAF-Hemmer über das Futter, zeigte nach neun Monaten nur eines von fünf Tieren stärkere neurologische Einschränkungen und die Neurodegeneration im Gehirn konnte gestoppt werden. Ihre Ergebnisse publizierten die Wissenschaftler jüngst im Fachmagazin "Nature" (doi:10.1038/nature23672).

Auch im Gehirn von Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen ist neben einem Nervenzellverlust eine ausgeprägte Aktivierung von Mikrogliazellen nachweisbar. Unklar war bisher, ob dies Ursache oder Folge der Erkrankung ist und ob dieser Effekt das Gehirn eher schützt oder schädigt.

Forscher setzen auf Krebsmedikament

"Unsere Studie bringt nun erstmals den Nachweis, dass Immunzellen des Gehirns neurodegenerative Krankheiten auslösen können. Gleichzeitig eröffnet sich dadurch ein neuer, sehr interessanter therapeutischer Ansatz", fasst Prof. Marco Prinz vom Universitätsklinikum Freiburg, Ko-Leiter, der Studie, in einer Mitteilung der Universität zusammen.

Da BRAF auch bei der Entstehung aggressiver Tumore eine Rolle spielt, gibt es in der Onkologie bereits entsprechende zugelassene Hemmstoffe. Auf diese Medikamente setzen die Freiburger Forscher nun ihre Hoffnung. "Im besten Fall könnten diese Krebsmedikamente künftig auch bei bestimmten neurodegenerativen Erkrankungen mit dieser Mutation in Mikrogliazellen eingesetzt werden", so Dr. Thomas Blank, Arbeitsgruppenleiter am Institut für Neuropathologie des Uniklinikums Freiburg.

Inwieweit die neuen Erkenntnisse allerdings tatsächlich auf Alzheimer, Parkinson und andere neurodegenerative Krankheiten übertragbar sind, muss in weiteren Untersuchungen geprüft werden. (run)

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