Internationaler Kopfschmerz-Kongress

Migräneprävention: Neue Antikörper-Therapien in Sicht

Für vier Antikörper zur Migräneprävention wurden bei der Internationalen Kopfschmerz-Konferenz vielversprechende Daten zur Wirksamkeit und Verträglichkeit vorgestellt.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Als neue Option, bei Patienten mit häufigen Migräneattacken die Zahl der Anfälle zu verringern, gilt die Hemmung des Calcitonin-Gene-Related-Peptide

Als neue Option, bei Patienten mit häufigen Migräneattacken die Zahl der Anfälle zu verringern, gilt die Hemmung des Calcitonin-Gene-Related-Peptide

© Konstantin Yuganov / Fotolia

VANCOUVER. Als eine neue Strategie, um bei Patienten mit häufigen Migräneattacken die Zahl der Anfälle zu verringern, gilt die Hemmung des Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP). Drei Antikörper gegen CGRP – Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab – sowie einer gegen den CGRP-Rezeptor – das bereits zur Zulassung eingereichte Erenumab – sind derzeit in der fortgeschrittenen klinischen Prüfung.

Bis auf Eptinezumab, das intravenös verabreicht wird, können die Antikörper subkutan gegeben werden, teils monatlich, teils vierteljährlich. Für alle vier Antikörper gab es bei der Internationalen Kopfschmerz-Konferenz in Vancouver (IHC 2017) neue Daten zu Effektivität und Sicherheit. Das Fazit: Alle vier Antikörper haben in den teils noch laufenden Phase-3-Studien die primären Endpunkte erreicht, berichtete Professor Uwe Reuter von der Neurologie der Charité Berlin, Campus Mitte.

Bei episodischer oder chronischer Migräne und unselektioniertem Patientenkollektiv wird durch die Antikörper die Zahl der Migränekopfschmerztage (MHD) pro Monat im Vergleich zu Placebo um rund zwei Tage reduziert. So hat Galcanezumab in der Phase-3-Studie REGAIN in der Dosis 120 mg monatlich die Zahl der MHD bei chronischen Patienten um 4,83 monatlich reduziert, gegenüber 2,74 Tagen bei Placebotherapie. In der HALO-EM-Studie reduzierte Fremanezumab bei episodischen Patienten die MHD um drei bis dreieinhalb Tage, gegenüber rund 1,5 Tage mit Placebo.

Signifikant höhere Remissionsraten

Auch die Remissionsraten sind durchweg signifikant höher als bei Placebo. Der Anteil der Patienten mit mindestens 50 Prozent Reduktion der Attacken liege bei den Antikörpern nach Abzug des Placeboeffekts bei einem Fünftel bis einem Viertel, so Reuter. Bei einigen wenigen Patienten werde sogar eine 100-Prozent-Remission beobachtet.

Größer wird der Effekt bei Patienten, die bereits mit einem anderen präventiven Medikament vorbehandelt wurden. So präsentierte Reuter in Vancouver eine Auswertung einer randomisiert-kontrollierten Phase-2-Studie zu dem CGRP-Rezeptor-Antikörper Erenumab. Sie zeigte, dass bei zwei oder mehr Vortherapien der MHD-Unterschied zu Placebo bei der 50-Prozent-Remissionsrate bereits 4,3 Tage beträgt, gegenüber 2,2 Tagen bei Patienten ohne Vortherapie. Schwerer betroffene Patienten profitieren demnach überproportional, was im Wesentlichen auf einen niedrigeren Placeboeffekt zurückgehe, so Reuter.

Zu den Vorteilen der CGRP-Hemmung gegenüber bisher verfügbaren präventiven Medikamenten gehören ein relativ rascher Wirkeintritt und eine zumindest bisher sehr gute Verträglichkeit. Die Abbruchraten in den Phase-3-Studien seien minimal, so Reuter, und ein Unterschied zu Placebo lasse sich in den Studien bereits innerhalb der ersten Woche nachweisen.

Noch fehlen klinische Langzeitdaten

Vorgestellt wurde in Vancouver auch eine exploratorische Studie zur kardiovaskulären Sicherheit von Erenumab. CGRP ist ein potenter Vasodilatator, sodass die Frage im Raum steht, inwieweit bei dem Therapieprinzip "CGRP-Hemmung" mittelfristig unerwünschte kardiovaskuläre Effekte auftreten könnten. Klinische Langzeitdaten gibt es derzeit noch nicht. In der Erenumab-Studie wurden jetzt aber 89 Patienten mit stabiler Angina pectoris entweder einmalig mit 140mg des Antikörpers i.v. oder Placebo behandelt und anschließend mittels Belastungsergometrie untersucht. Dabei gab es keine Unterschiede bei der Belastbarkeit, bei der Zeit bis zum Auftreten von Angina pectoris oder bei der Zeit bis zum Auftreten von ST-Streckensenkungen.

Das sind die 4 Antikörper-Kandidaten

Neue Strategie: Die Hemmung des Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) ist eine neue Strategie, um bei Patienten mit häufigen Migräneattacken die Zahl der Anfälle zu verringern.

  • Direkte Hemmung: Galcanezumab, Fremanezumab und Eptinezumab hemmen das CGRP direkt.
  • Rezeptor-Hemmung; Erenumab ist gegen den CGRP-Rezeptor gerichtet.
Schlagworte:
Mehr zum Thema

Migränekopfschmerzen

Effektive Akutbehandlung kann Chronifizierungsrisiko senken

Krankenkassen-Auswertung

Mehr Menschen in Hessen bekommen Migräne-Diagnose

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Alternative Therapierichtungen

Homöopathie: Worüber gestritten wird – und was die Fakten zeigen

Versorgung von ungewollt Schwangeren

Ärztin Alice Baier: „Abruptio gehört ins Studium“

Lesetipps
Beatmung im Krankenhaus

© Kiryl Lis / stock.adoe.com

Bundesweite Daten

Analyse: Jeder Zehnte in Deutschland stirbt beatmet im Krankenhaus