Primärversorgung
Wartezeiten auf einen Facharzttermin: Krankenkassen und Ärzte ringen um Deutungshoheit
Die Techniker Krankenkasse beklagt lange Wartezeiten auf einen Facharzttermin. Der SpiFa erklärt dagegen, Deutschland stehe diesbezüglich „noch gut da“. Auch bei einem anderen Thema scheiden sich die Geister.
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Blick in den Kalender: Wie lange bis zum nächsten Termin beim Facharzt? (Symbolbild)
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Berlin. Viel zu lange oder noch akzeptabel? Die Debatte um die Wartezeiten auf einen Facharzttermin – sie geht munter weiter.
Der Vorstandschef von Deutschlands größter Krankenkasse, der Techniker, Dr. Jens Baas spricht von „langen Wartezeiten auf Facharzttermine“. Diese seien für viele Menschen „ein Schmerzpunkt und ein Symptom dafür, was im ambulanten System schiefläuft“.
Es mangele an klaren Anlaufstellen und Behandlungswegen, so der TK-Chef weiter. Viele Patientinnen und Patienten müssten aktuell lange warten, ohne sicher zu sein, ob sie am Ende an der richtigen Stelle im Versorgungssystem landeten.
Teils mehrere Monate
Baas verweist auf eine Forsa-Befragung für die TK. 56 Prozent der gesetzlich Versicherten warten demnach länger als vier Wochen auf eine fachärztliche Behandlung. 35 Prozent von ihnen bekommen nach mehreren Monaten einen Termin. Acht Prozent der Versicherten sind binnen weniger Tage in der Facharztpraxis, 13 Prozent innerhalb von zwei Wochen und 20 Prozent in bis zu vier Wochen.
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Gänzlich anders schätzt der Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte (SpiFa) die Lage ein: Im internationalen Vergleich stehe Deutschland bei den fachärztlichen Wartezeiten „aktuell noch gut da“, schreibt der Verband in einer Mitteilung.
75 Prozent der Patientinnen und Patienten erhielten binnen eines Monats einen Facharzttermin. Das unterstreiche die Leistungsfähigkeit der ambulanten fachärztlichen Versorgung.
„Praxen unter wachsendem Druck“
Allerdings gerieten die Praxen zunehmend unter Druck. Bereits heute würden jedes Jahr mehr als 40 Millionen fachärztliche Termine im bestehenden Budgetrahmen ohne zusätzliche Vergütung erbracht, rechnet der SpiFa vor.
Um dem Wartezeitenproblem zu begegnen, möchten Union und SPD bekanntlich ein Primärversorgungssystem einführen. TK-Chef Baas stuft dies als „Chance für eine bessere Terminvergabe“ ein. Nötig sei allerdings eine verbindliche Ersteinschätzung des gesundheitlichen Problems. Damit ließen sich Patienten direkt in die für sie passende Versorgung steuern.
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Je nach Bedarf kann das laut Techniker ein zeitnaher Haus- oder Facharzttermin, eine Videosprechstunde „oder auch erstmal Bettruhe sein“. Baas: „Wichtig ist, dass das Ersteinschätzungstool bei gleichen Symptomen immer den gleichen Behandlungsschritt empfiehlt, egal ob die Einschätzung digital in einer Krankenkassen-App, telefonisch oder in der Praxis vor Ort erfolgt.“
Ärzteverbände wie der SpiFa reagieren skeptisch: Ein Terminvermittlungssystem allein schaffe noch keine neuen Behandlungskapazitäten in den Praxen. Ein solches System koordiniere und priorisiere vorhandene Termine und könne damit zu einer besseren Steuerung beitragen – ja.
Aber wenn Personal fehle und fachärztliche Leistungen weiter budgetiert und damit strukturell limitiert seien, bleibe die Zahl der insgesamt verfügbaren Termine weiter begrenzt, heißt es beim SpiFa. (hom)






