Fernreisen

Multiresistente Keime als unerwünschtes Souvenir

Multiresistente Keime werden häufiger als bisher gedacht von Fernreisenden eingeschleppt, wie Forscher herausgefunden haben. Einige Regionen sind besonders stark betroffen.

Veröffentlicht:
Multiresistente Keime werden von Fernreisenden häufiger eingeschleppt als gedacht.

Multiresistente Keime werden von Fernreisenden häufiger eingeschleppt als gedacht.

© Photomorphic / istockphoto.com

LEIPZIG. Ein zunehmendes Auftreten multiresistenter Keime stellt Krankenhäuser auch in Deutschland vor große Herausforderungen. Woher kommen die gefährlichen Erreger, und welche Maßnahmen bieten Patienten den geeigneten Schutz?

Antworten auf diese Fragen liefern Infektiologen und Mikrobiologen des Universitätsklinikums Leipzig anhand der Daten von Fernreisenden: Die Erreger werden oftmals mit nach Hause gebracht (J Med Microbiol 2015; 305: 148).

Über 12 Monate wurde in einer infektiologischen Studie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) das Risiko eines Erreger-Imports durch Fernreisen untersucht, teilt die Uniklinik Leipzig mit.

"Wir konnten dabei erstmals für Deutschland in einer größeren Kohorte zeigen, dass fast ein Drittel der Reisenden nach der Heimkehr aus Gebieten mit hoher Erregerdichte tatsächlich Träger multiresistenter Erreger ist", wird Dr. Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am UKL, in der Mitteilung zitiert.

Datenanalyse von 225 Reisenden

Der Internist mit den Arbeitsschwerpunkten Gastroenterologie, Infektiologie und Tropenmedizin hat zwischen Mai 2013 und April 2014 die Daten von 225 Reisenden vor und nach einer Fahrt in Gebiete mit hohem Vorkommen multiresistenter Erreger (MRE) verglichen.

 "Das betrifft vor allem den indischen Subkontinent und Südostasien sowie verschiedene Länder in Afrika und Mittel- bzw. Südamerika, in denen diese problematischen Erreger deutlich häufiger als bei uns auftreten", so Lübbert.

Im Zentrum der Studie standen ESBL-bildende Bakterien, die gegen die meisten der verfügbaren Antibiotika resistent sind.

Eine Besiedlung mit diesen Darmbewohnern ist für Gesunde meist ungefährlich und verursacht keine Symptome.

Ein Gesundheitsrisiko besteht allerdings im Falle einer Erkrankung des Trägers oder bei Kontakt mit immungeschwächten Mitmenschen. Die genauen Übertragungsmechanismen dieser Erreger sind noch nicht vollständig bekannt.

"Unsere Studie liefert hier einige Hinweise, denn weder gründliche Händehygiene noch die ausschließliche Verwendung verpackter Getränke während der Reise hatten eine überzeugende Schutzwirkung", erläutert Lübbert.

Es zeigte sich dabei auch, dass eine unterwegs erworbene Gastroenteritis mit einem erhöhten Übertragungsrisiko korreliert.

Von den untersuchten 225 gesunden Probanden mit einem Durchschnittsalter von 34 Jahren war nach der Reise bei 30,4 Prozent eine Besiedlung mit ESBL-bildenden Bakterien zu beobachten.

"Dieser Wert bestätigt ähnliche aktuelle Untersuchungen in Skandinavien und den Niederlanden und ist höher als bislang angenommen", so Lübbert.

Am häufigsten wurden die Erreger nach Indien-Reisen (mehr als 70 Prozent der Reisenden) festgestellt, gefolgt von Reisen nach Südostasien (fast 50 Prozent der Reisenden).

Frühere Studien gingen von Raten zwischen 14 und 25 Prozent aus. Keiner der Studienteilnehmer erkrankte im Untersuchungszeitraum aufgrund der Besiedlung.

 In einer Folgeuntersuchung nach sechs Monaten war ein Rückgang der Besiedlung festzustellen, nur noch 8,6 Prozent der Probanden waren weiterhin Träger der importierten Erreger.

Vor Reiseantritt erhobene Daten lassen auf eine Besiedelungshäufigkeit (Prävalenz) mit ESBL-Bildnern von immerhin 6,8 Prozent im Großraum Leipzig schließen, so Lübbert.

Maßnahmen zur Prävention

"Unsere Studie zeigt, dass der Kampf gegen multiresistente Erreger ein globales Herangehen erfordert, um künftig erfolgreich sein zu können", resümiert Lübbert.

Anderenfalls würden fortwährend auftretende Importe alle lokalen Bemühungen um eine MRE-Bekämpfung verhindern.

Bereits jetzt ließen sich Empfehlungen für konkrete Maßnahmen für Krankenhäuser aus den Forschungsergebnissen ableiten, heißt es in der Mitteilung.

Ein systematisches Aufnahmescreening für ESBL-bildende Bakterien bei Patienten, die innerhalb der letzten sechs Monate in Indien oder Südostasien waren, könne in Einrichtungen des Gesundheitswesens und vor allem in Krankenhäusern dem Risiko einer unbemerkten Übertragung wirksam vorbeugen.

Gleichzeitig sei eine vorsorgliche Isolierung bis zum Vorliegen der Untersuchungsergebnisse zu empfehlen.

"Auch ein Screening für Beschäftigte in der Lebensmittelindustrie und Gastronomie nach solchen Reisen könnte eine vorbeugende Maßnahme für die Zukunft darstellen", so Lübbert. (eb)

Mehr zum Thema

Vernarbung und Fibrosierung

Interstitielle Lungenerkrankung: Die Nachwehen von COVID-19

Gemeinsamer Bundesausschuss

Zusatznutzen für mehrere Orphan Drugs

Das könnte Sie auch interessieren
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Dr. Wolfgang P. Bayerl 20.01.201520:57 Uhr

Warum in die Ferne schweifen,

ein Besuch beim Bauer in Münsterland (oder sonst wo), der auch die ländliche Gastronomie als Geschäftszweig entdeckt hat, ermöglicht reichlichen Kontakt mit MRSA, das habe ich von Hygienikern gelernt.
Die Ursache ist der Antibiotikaeinsatz bei der Tierzucht
und ich vermute mal, das wird auch in Indien und Südostasien so sein.
Indien hatte vor längerer Zeit mit noch 400 Millionen Einwohnern viel Hungerleider mit bettelnden Kindern auf den Straßen,
heute mit über eine Milliarde Einwohner werden Nahrungsmittel exportiert, darunter auch Rinder.

Dr. Thomas Georg Schätzler 20.01.201511:54 Uhr

Multiresistente Souvenire in Klinik und Praxis?

Was ich immer betont habe: Multiresistente Keime kommen nicht allein aus heiterem Himmel und werden ausschließlich von unsachgemäß hantierenden, "unhygienischen" Krankenhaus- und Praxismitarbeitern auf arglose Patienten übertragen. Sondern diese Keime müssen selbst ja auch irgendwo her kommen. Und sie werden offensichtlich zu einem relevanten Anteil von a u ß e n in Klinik und Praxisräume hineingetragen. Der englische Fachbegriff "communicable diseases" trifft den Sachverhalt: übertragbare Krankheiten, die durch interagierende, kommunizierende Personen übertragen werden.

Jeder Landwirt aus einem Tiermastbetrieb, jeder Krankenhausbesucher mit Straßenschmutz an den Schuhen, jeder Tierhalter, egal ob Hund, Katze, Maus, Pferd o. ä., jeder Klempner, Müllwerker und Entsorger, aber auch Lehrer, Erzieher und alle, die mit vielen Menschen beruflich oder privat zu tun haben, sind Träger von potenziell multiresistenten Keimen. Mittlerweile gehören Menschen, die nur kontaminiertes Putenfleisch kaufen, auch zum Kreis der "Verdächtigen".

"Colonization with extended-spectrum beta-lactamase-producing and carbapenemase-producing Enterobacteriaceae in international travelers returning to Germany" von C. Lübbert et al. belegt, dass auch Fernreisende multiresistente Keime beherbergen können.

Außer Frage steht, dass wir für über 2000 Kliniken in Deutschland Hygienebeauftragte brauchen. Diese sollen keineswegs nur darüber wachen, dass Hände von Mitarbeitern, Patienten und Besuchern desinfiziert werden. Nein, vom Klinikparkplatz bis zum Schornstein müssen a l l e infektiologischen Belange der Krankenhaushygiene bei Patienten, Gebäude, Personal, Arbeitsabläufen und Logistik berücksichtigt werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

© Oleh / stock.adobe.com

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Zielgerichtete Interleukin-23p19-Inhibition

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Lilly Deutschland GmbH, Bad Homburg v.d.H.
Abb. 2: ADA und nAb unter AVT05 und Referenz-Golimumab bis Woche 16

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Colitis ulcerosa

Das erste Golimumab-Biosimilar erweitert die Therapieoption bei entzündlichen Erkrankungen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vernarbung und Fibrosierung

Interstitielle Lungenerkrankung: Die Nachwehen von COVID-19

Infektionsgeschehen

Höhepunkt der Grippewelle wohl überschritten

Lesetipps
Brustkrebs Symbolbild

© Sebastian Kaulitzki / stock.adobe.com

Risikoadaptiert und individualisiert behandeln

Frühes Mammakarzinom: So optimieren Sie die Therapie

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Eine Ärztin spricht mit einer Patientin.

© Siphosethu F / peopleimages.com / Stock.adobe.com

Krebsprävention durch Kommunikation

Zu Krebs halten sich Mythen und Irrtümer hartnäckig – Aufklärung tut not

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe
Drei Operateure in einem Operationssaal.

© Robert Kneschke / stock.adobe.com

Krebskongress

Tumorchirurgie: Geschlecht zählt auf beiden Seiten des Skalpells

Kooperation | In Kooperation mit: Deutscher Krebsgesellschaft und Stiftung Deutsche Krebshilfe