HINTERGRUND

Per Neurofeedback lernen Kinder mit ADHS, sich zu konzentrieren

Von Angela Speth Veröffentlicht:

Für Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) wird derzeit eine neue Therapie erprobt: das Neurofeedback. In einer ersten Studie mit 22 Kindern war das Verfahren ähnlich wirksam wie eine medikamentöse Therapie.

Eine Arbeitsgruppe des Leibniz-Preisträgers Professor Niels Birbaumer hatte elf Kinder im Alter von acht und zwölf Jahren drei Monate lang trainiert. Zu Beginn erfuhren die Kinder, sie könnten lernen, ihr Gehirn in Form zu bringen. Diese Fähigkeit würde ihnen in schwierigen Lebenslagen helfen: beim Zuhören, bei planvollem Handeln, bei Hausaufgaben oder bei Klassenarbeiten. In den insgesamt 36 Sitzungen saßen die Kinder vor einem Bildschirm, wobei das EEG abgeleitet wurde.

Die Kinder lernen, ihre EEG-Signale zu verändern

Und so funktioniert das Neurofeedback: Die Aufgabe besteht darin, auf ein Zeichen hin die EEG-Signale zu verändern. Auf dem Monitor ist oben und unten ein Balken zu sehen, dazwischen ein beweglicher Ball. Leuchtet das obere Tor auf, steuert das Kind den Ball dorthin, indem es sein Gehirn "wach macht", also an etwas Aufregendes wie einen Rennwagen denkt.

    Die Kinder hatten auch noch sechs Monate nach dem Training ihre Impulsivität gut unter Kontrolle.
   

Leuchtet das untere Tor auf, versucht es, die Aktivierung zu hemmen, indem es an etwas Langweiliges oder Beruhigendes wie Baden im warmen Meer denkt. Entsprechend verändern sich die EEG-Signale und lenken den Ball. Dabei fällt auf, daß es den Kindern mit ADHS zunächst schwer fällt, den Ball in das untere Tor zu steuern, also an etwas Beruhigendes zu denken.

"Vielleicht empfinden die Kinder dies als unangenehm", vermutet Birbaumers Mitarbeiterin Dr. Ute Strehl. Nach jedem erfolgreichen Durchgang erscheint ein Smiley, und die Kinder bekommen Punkte, die sie sammeln und schließlich in kleine Geschenke umtauschen können.

Training verstärkt bestimmte EEG-Frequenzen

In einer Vergleichsgruppe erhielten elf Kinder während der drei Monate dauernden Untersuchung dreimal täglich je 10 mg Methylphenidat. Die Auswertung ergab, daß in beiden Gruppen die Impulsivität abgenommen, die Aufmerksamkeit, die Genauigkeit und die Geschwindigkeit beim Lösen von Aufgaben dagegen in gleichem Maße zugenommen hat. Auch nach dem Urteil von Eltern und Lehrern hatten sich die Beschwerden beträchtlich vermindert.

Nun bemüht sich die Forschergruppe um Birbaumer, weitere Belege für die Wirksamkeit der Methode zu erbringen. So hat Strehl verschiedene Neurofeedback-Methoden verglichen und erste Ergebnisse in der Zeitschrift "Kindheit und Entwicklung" (13, 2004, 180) veröffentlicht.

Bei einem der Verfahren zielte das Training auf die EEG-Frequenzbänder: Alphawellen überwiegen bei Entspannung, Beta- oder Gammawellen bei schwierigen Aufgaben, Theta-Wellen beim Tagträumen und Phantasieren, Deltawellen im Schlaf. Bei ADHS-Patienten sind die niederen Theta-Bänder stärker ausgeprägt als bei gesunden Kindern, die höheren Alpha- und Beta-Bänder dagegen schwächer.

Daher sollten die Studienteilnehmer per Neurofeedback die Theta-Frequenzen vermindern sowie gleichzeitig die Beta-Frequenzen verstärken. "Zuerst hatten wir Zweifel, ob sie das wegen ihrer Konzentrationsschwäche schaffen würden, aber überraschenderweise klappte es gut", berichtet Strehl.

So ging anschließend nach Einschätzung von Eltern und Lehrern die Hyperaktivität und Impulsivität zurück, und das Sozialverhalten besserte sich signifikant. Auch bei Aufmerksamkeits- und Intelligenztests schnitten die Kinder besser ab als vorher. Diese Effekte waren selbst sechs Monate später noch nachweisbar. "Das ist ein Vorteil im Vergleich zu Medikamenten, nach deren Absetzen alles ist wie zuvor", sagt Strehl.

Möglicherweise wird nach dem Feedback-Training die richtige Gehirntätigkeit in kritischen Momenten automatisch angestoßen, weil ein Lernprozeß wie beim Fahrradfahren stattfindet: Selbst nach langer Pause beherrscht man es noch. Nun plant die Wissenschaftlerin zusammen mit der Universität Frankfurt eine neue Studie, um zu prüfen, ob Kinder, die parallel zum Training Medikamente bekommen, schneller lernen und wie lange die Besserung hält.

Einige Kinderärzte in Deutschland praktizieren das Verfahren bereits, etwa in Gießen, Schwäbisch-Hall, München oder Frankfurt/Main. Die Deutsche Gesellschaft für Biofeedback bemüht sich um eine Anerkennung bei den Kassen. Strehl: "Für mich sind die Effekte nachgewiesen, aber die Studienbedingungen sind hart und aufwendig, so daß Jahre vergehen können, bis die Methode in der Fachwelt wirklich anerkannt ist."



STICHWORT

ADHS

Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) fallen durch Konzentrations-, Disziplin- und Lernschwierigkeiten in Kindergarten und Schule auf. Fast immer besteht auch ein Bewegungsdrang, der Ruhigsitzen unmöglich macht; fehlt diese hyperkinetische Komponente, spricht man von Aufmerksamkeitsdefizit ohne Hyperaktivität.

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