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Menschen mit Amputationen

Phantomschmerzen wegtrainieren

Fast 70.000 Menschen in Deutschland sind aufgrund des zumindest Teil-Verlustes einer Extremität schwer behindert. Bis zu 90 Prozent davon leiden unter Phantomschmerzen.

Veröffentlicht:
Eine Mandarine in die Hand nehmen, ohne sie zu zerquetschen - nicht jedem Unterarmamputierten mit einer Prothese gelingt das.

Eine Mandarine in die Hand nehmen, ohne sie zu zerquetschen - nicht jedem Unterarmamputierten mit einer Prothese gelingt das.

© teutopress / imago

MANNHEIM (hei). Häufig treten Phantomschmerzen in Form kurzer, plötzlich einschießender Attacken auf, manchmal aber auch chronisch persistierend mit Schmerzspitzen.

Neuroforscher haben die amputationsbedingten kortikalen Umbauprozesse in den letzten Jahren teilweise entschlüsselt. Daraus wurden vielversprechende Therapieansätze entwickelt, die auf einer Kombination von High-Tech und sensomotorischen Übungen basieren.

Eine Mandarine in die Hand nehmen, ohne sie zu zerquetschen - kinderleicht? Für einen Unterarmamputierten mit Prothese ist das keineswegs selbstverständlich; von rohen Eiern ganz zu schweigen.

Erfolg im Test mit acht Patienten

Professor Thomas Weiß und Kollegen haben im Rahmen eines Forschungsprojekts am Institut für Psychologie der Universität Jena eine myoelektrische Prothese mit sensorischem Feedback entwickelt.

Sensoren in der künstlichen Hand melden die Griffstärke an Stimulationselektroden, die auf der Oberarmhaut des Patienten platziert sind. Wer fleißig übt, bekommt damit auch fragile Gegenstände unbeschadet in den Griff.

Das eigentliche Interesse der Forscher gilt dabei aber gar nicht an erster Stelle der Entwicklung alltagstauglicher Hilfsmittel, sondern ist der Frage gewidmet, ob damit Phantomschmerzen reduziert werden können.

Dass das im Prinzip möglich ist, konnten die Jenaer Forscher nun bei acht Patienten nachweisen. Nach einem zweiwöchigen Training steigerten diese nicht nur ihre Geschicklichkeit mit der Prothese, sondern erfuhren auch eine Linderung ihrer Phantomschmerzen um durchschnittlich 48 Prozent (Neurosci Lett 2012; 507: 97-100).

Aus Bildgebungsstudien weiß man heute, dass Phantomschmerzen oft in engem Zusammenhang mit kortikalen Reorganisationsprozessen auftreten. Dabei werden die dem amputierten Glied zugeordneten somatosensorischen Kortexareale von benachbarten Arealen mitbenutzt.

Verkürzte Wahrnehmung des Phantomglieds

Infolge solcher zentralen Reorganisationsprozesse kann es unter anderem auch zu Fehlwahrnehmungen kommen.

Dazu zählen unter anderem übertragene Empfindungen, etwa von einem ulnaren in ein radiales Versorgungsareal bei einer Fingeramputation oder die verkürzte Wahrnehmung des Phantomglieds - das Teleskop-Phänomen.

Ausgangspunkt der Jenaer Studie war die These, dass der Prozess der Reorganisation durch gezieltes Üben wieder umgekehrt werden könnte.

Man versucht dabei gewissermaßen, den kortikalen Platz, der durch die Amputation frei geworden ist, wieder regulär zu besetzen - durch die Prothese, die es möglichst gut ins Körperschema des Patienten zu integrieren gilt.

Für die Integration eines Glieds und die daran gekoppelte Wahrnehmung "das ist meine Hand" scheint eine bilaterale Aktivierung von parietalen und prämotorischen Kortexarealen essenziell zu sein, so das Ergebnis einer fMRT-Studie mit Probanden, die eine Gummihand integrieren sollten (Science 2004; 305: 875-877).

Teleskop als virtuelle Realität

Bereits frühere Studien hatten gezeigt, dass sowohl mit dem Verwenden einer Prothese als auch mit sensorischen Feedbackverfahren, etwa im Rahmen eines taktilen Diskriminationstrainings, eine ausgeprägte Reduktion von Phantomschmerzen bewirkt werden kann.

Auch imaginierte Bewegungen des Phantomglieds führen bereits zu Schmerzlinderung und einer "Re-Reorganisation" der Hirnaktivierung. Besonders ausgeprägt scheint dieser Effekt bei der Spiegeltherapie zu sein.

Professor Herta Flor, Institut für Neuropsychologie und Klinische Psychologie, Universität Heidelberg, Mannheim, vermutet, dass dabei - wie bei der "Jenaer Prothese" - die Kombination von motorischem und sensorischem Training besonders günstig auf die kortikale Integration des Phantoms wirken.

Bei Amputierten mit Teleskop sind die Phantomschmerzen umso stärker, je kürzer das wahrgenommene Phantom ist. Das erschwert es dem Patienten, etwa im Rahmen der Spiegeltherapie oder auch beim Tragen einer Prothese, das Gesehene mit dem gefühlten Gliedmaß in Kongruenz zu bringen.

Dieses Problem könne man nun umgehen, berichtet Flor, und zwar mithilfe der virtuellen Realität. Damit kann man nun jede erdenkliche Form von Teleskop simulieren.

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