Neues Projekt in Hessen

Psychisch Kranken hilft Team aus Hausarzt und MFA

Mit einem neuen Behandlungskonzept wollen TK und KV Hessen das Fallmanagement bei psychisch Kranken auf breitere Beine stellen: Vor allem die Rolle der Hausärzte wird gestärkt – auch mit Hilfe digitaler Angebote.

Christoph FuhrVon Christoph Fuhr Veröffentlicht:
Nach aktuellen Schätzungen leidet fast ein Drittel der Bevölkerung an psychischen Belastungen – am häufigsten an Depressionen und Angststörungen.

Nach aktuellen Schätzungen leidet fast ein Drittel der Bevölkerung an psychischen Belastungen – am häufigsten an Depressionen und Angststörungen.

© yanlev / Fotolia

WIESBADEN. Der Innovationsfonds macht's möglich: In Hessens werden neue Wege erprobt, um Hausärzte in Zukunft mit Hilfe von digitalen Anwendungen bei der Behandlung von psychisch kranken Patienten zu unterstützen. Das am Mittwoch in Wiesbaden vorgestellte Behandlungskonzept heißt "Blended Therapy". Die Techniker Krankenkasse (TK) kooperiert bei der Umsetzung mit der KV Hessen und den Universitätskliniken Frankfurt, München und Hamburg. Partner bei der technischen Umsetzung ist das Unternehmen Telepsy.

Was ist Blended Care?

Blended Care bezeichnet ein Behandlungskonzept bei psychischen Erkrankungen, das die Möglichkeiten der Face-to-Face-Therapie und der Online-Therapie kombiniert. Zu den digitalen Instrumenten, die Ärzte und Patienten nutzen, zählen beispielsweise digitale Fragebögen oder multimediales Übungsmaterial in Form von Video- oder Audiodateien. (TK)

"Blended Therapy" könne mit dem Begriff "verknüpfte Versorgung" übersetzt werden, erläuterte der stellvertretende TK-Vorstandschef Thomas Ballast. Die klassische Behandlungsform beim Arzt werde bei diesem Modell verknüpft mit einer neuen online-basierten Versorgungskomponente.

Das Modell funktioniert so: Geht der Hausarzt von einer psychischen Erkrankung aus, soll ihm ein digitales Programm helfen, die Erkrankung sicher zu erkennen. Dieser Prozess sei zeitintensiv und stelle Hausärzte in ihrem dichten Arbeitsalltag oft vor große Herausforderungen, so Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner (CDU). Mit dem Beginn der Therapie wird der Patient gezielt in einem individuellen Fallmanagement vom Arzt und seiner für das Programm speziell geschulten Medizinischen Fachangestellten (MFA) begleitet.

Das Behandlungsteam kann dabei auf einfache digitale Angebote – zum Beispiel Fragebögen, psychologische Tests und verhaltenstherapeutisches Übungsmaterial zurückgreifen. Die MFA unterstützt den Arzt mit regelmäßigen Anrufen beim Patienten. Sie hilft bei der Umsetzung der Übungen und informiert in der Praxis über den aktuellen Verlauf.

Hausarzt als Lotse

"Letztlich geht es darum, dass der Hausarzt als vertrauter und verlässlicher Begleiter von Patienten mit psychischen Erkrankungen gestärkt und Betroffene in dieser schwerwiegenden Situation individuell betreut werden", erläuterte Ballast.

Alle Projektpartner ließen in Wiesbaden keinen Zweifel darüber, dass es bei diesem Modell keinesfalls darum gehe, psychisch Kranken den Zugang zur psychiatrischen Fachversorgung zu verbauen. "Grundsätzlich ist längst nicht jeder Patient für das Projekt geeignet", so Grüttner. Es gibt einen klaren Ausschlusskatalog: Alkoholsüchtige oder Patienten mit Psychosen zum Beispiel bleiben von vorneherein außen vor. Hessens KV-Vize Dr. Eckhard Starke stellte klar, dass die Herausforderung für Hausärzte weiter auch darin bestehen wird, den richtigen Zeitpunkt für eine Überweisung zum Spezialisten zu finden.

Grüttner nannte das Projekt "zukunftsweisend". "Ich freue mich, dass die Förderung dieses bundesweit einzigartigen Versorgungsangebots von den Partnern nach Hessen geholt wurde. Da 59 Prozent der Depressionsdiagnosen vom Hausarzt gestellt werden, ist die Chance groß, mithilfe der ‚Blended Therapy‘ die Erkrankung frühzeitig zu erkennen und die richtige Therapie zur rechten Zeit einleiten zu können."

Der Hausarzt fungiere als kompetenter Lotse, der mit der ‚Blended Therapy‘ seine therapeutischen Handlungsmöglichkeiten erweitert. "So kann die Primärversorgung einen entscheidenden Beitrag zu einer besseren und bedarfsgerechteren Versorgung psychisch Kranker leisten", betonte Grüttner. Auch hier zeige sich, dass digitale Elemente in Zukunft die Versorgung von Patienten sinnvoll unterstützen können.

Eigener Versorgungsvertrag mit der KV

2000 Patienten aus Hausarztpraxen in Hessen werden das neue Angebot nutzen können. Hierfür wird die TK mit der KV Hessen einen Versorgungsvertrag abschließen. Die KV übernimmt auch die Rekrutierung und Schulung der Hausarztpraxen, hieß es in Wiesbaden.

Bei der Evaluation werden nach Darstellung von Ballast mehrere Fragen zu klären sein: Kommt es bei den Patienten zu einer Verbesserung der Symptome? Steigt ihre Lebensqualität? Und: Sinkt perspektivisch die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen?

Aus dem Innovationsfonds sind nach Angaben von Ballast rund fünf Millionen Euro für das Projekt bewilligt, das nach einer Anlaufphase Ende 2018 oder Anfang 2019 an den Start gehen soll. "Wir suchen weitere Kassen, die mitmachen , noch ist genügend Zeit", so der TK-Vize.

Das Projekt in Kürze

Bei dem Modellprojekt für psychisch kranke Patienten wird die klassische Behandlungsform beim Arzt verknüpft mit einer neuen online-basierten Versorgungskomponente.

Mit Beginn der Therapie wird der Patient zudem in einem individuellen Fallmanagement begleitet, in das speziell geschulte MFA eingebunden werden.

2000 Patienten aus hessischen Hausarztpraxen sollen das Angebot, das über den Innovationsfonds gefördert wird, nutzen können.

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