Rheuma? Alle Totimpfstoffe sind okay!

Wird nach Impfplan geimpft, sind Kinder meist schon geschützt, bevor sie Rheuma bekommen. Dann gibt es keinen Konflikt zwischen immun- suppressiver Therapie und Impfungen.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Minden, dürfen Kinder mit entzündlichem Rheuma wie juveniler idiopathischer Arthritis geimpft werden?

Dr. Kirsten Minden: Das hängt davon ab, ob sie eine Therapie erhalten, die das Abwehrsystem erheblich beeinträchtigt. Wer Biologika oder auch immunsupprimierende Basistherapeutika wie Azathioprin, Ciclosporin A oder Leflunomid bekommt, sollte nicht zugleich mit Lebendimpfstoffen, etwa gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) oder Varizellen, immunisiert werden.

Ärzte Zeitung: Gibt es eine Alternative zum fehlenden Impfschutz?

Minden: In Phasen geringer Krankheitsaktivität der Arthritis kann man versuchen, die Basistherapeutika für vier Wochen abzusetzen, und in der Mitte dieses Zeitraums die Impfungen verabreichen. Besser ist es aber, die Immunisierung mit Lebendvakzinen vor Ende des zweiten Lebensjahres durchzuführen, wie von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen: In diesem Alter leiden sehr wenige Kinder bereits unter einer rheumatischen Erkrankung - das Problem besteht also nicht.

Ärzte Zeitung: Ist die Methotrexat-Therapie eine Kontraindikation für Lebendimpfungen?

Minden: Hier sind sich die Therapeuten nicht einig; Befürworter und Gegner der Lebendimpfungen während einer MTX-Therapie halten sich die Waage. Große Studien oder Leitlinien gibt es dazu bisher nicht.

Ärzte Zeitung: Wäre es denn so schlimm, wenn ein ungeimpftes "Rheumakind" an Röteln oder Windpocken erkrankt?

Minden: Manchmal kann etwa

eine Varizellenerkrankung bei einem derart immunsupprimierten Kind deutlich schwerer verlaufen als üblich. Daher bekommen stärker immunsupprimierte Kinder, wenn sie doch einmal Varizellen-Kontakt hatten, präventiv Aciclovir. Außerdem sollten natürlich die Kontaktpersonen des Kindes mit juveniler idiopathischer Arthritis gegen MMR und Varizellen geschützt sein, um das Erkrankungsrisiko zu vermindern.

Ärzte Zeitung: Und was ist mit den Impfungen mit Totimpfstoffen?

Minden: Diese können und sollen natürlich auch Kinder mit juveniler idiopathischer Arthritis und immunsuppressiver Therapie erhalten. Sie sollten sogar noch einige Impfungen mehr bekommen als andere Kinder, etwa gegen Influenza, aber auch - sofern noch nicht erfolgt - gegen Pneumokokken und eventuell Meningokokken. Diese Impfungen schützen das geschwächte Immunsystem der Kinder vor einer Überforderung durch die Infektionen, ohne selbst ein Risiko darzustellen. Leider werden aber "Rheumakinder" viel zu selten geimpft - selbst die Auffrischung gegen Tetanus und Diphtherie wird oft vernachlässigt. Das muss sich unbedingt ändern.

Das Gespräch führte Simone Reisdorf.

Zur Person

Dr. Kirsten Minden von der Uni-Kinderklinik der Charité Berlin ist beim Deutschen Rheumaforschungszentrum (DRFZ) zuständig für die Kerndokumentation rheumakranker Kinder und Jugendlicher. Daran nehmen Kinderrheumatologen aus 20 Rheumazentren und 45 kinderrheumatologischen Einrichtungen teil und erfassen pro Jahr etwa 6000 Patienten.

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