Direkt zum Inhaltsbereich

Rheuma: Verlust an Muskelmasse verschlechtert die Prognose

Unzufriedenheit mit dem Arbeitsplatz ist ein wesentlicher Risikofaktor für eine Chronifizierung der Schmerzen bei RA-Patienten. Durch das Vermeiden von Mangelernährung und durch regelmäßige körperliche Aktivität lässt sich der Krankheitsverlauf jedoch günstig beeinflussen.

Von Uwe Groenewold Veröffentlicht:
Eine ausgewogene Ernährung hat einen wesentlichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Rheuma.

Eine ausgewogene Ernährung hat einen wesentlichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf bei Rheuma.

© cipollimartina / fotolia.com

Entzündlich-rheumatische Erkrankungen verlaufen meist chronisch-progredient, das heißt, die Betroffenen müssen mit einer fortschreitenden Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes leben. Schmerzen und Funktionsverlust werden jedoch nicht nur durch anhaltende inflammatorische Prozesse getriggert - auch psychosoziale Einflüsse, der Ernährungsstatus sowie der Grad der körperlichen Aktivität spielen bei dem belastenden Krankheitsgeschehen eine Rolle, wie Experten beim Deutschen Rheumakongress in Hamburg verdeutlichten.

Wer akute Schmerzen hat und unzufrieden mit seiner beruflichen Situation ist, hat ein 13-fach höheres Risiko, Dauerschmerzpatient zu werden als ein zufriedener Arbeitnehmer mit plötzlichen Schmerzen. "Arbeitsplatzunzufriedenheit ist ein wesentlicher Risikofaktor für eine Schmerzchronifizierung", erklärte Dr. Paul Nilges vom DRK-Schmerzzentrum Mainz.

Belastende Lebensereignisse wie Trennungen oder Todesfälle im familiären Umfeld, Depressionen und Angst können ebenfalls dazu beitragen, dass aus dem vorübergehenden Gelenkschmerz ein chronisches Leiden wird.

Wichtig sei es deshalb für jeden Patienten, den Umgang mit solchen psychosozialen Einflüssen zu erlernen, sagt Nilges: "Eindeutig körperlich ausgelöste Beschwerden werden in ihrer Intensität sehr wesentlich durch günstige oder ungünstige Versuche, das Schmerzproblem zu lösen, beeinflusst."

Großen Effekt auf den Krankheitsverlauf bescheinigte Professor Gabriela Riemekasten von der Berliner Charité dem Ernährungsstatus. Viele Patienten mit chronischen Entzündungen sind mangelernährt. Untersuchungen bei Rheumapatienten haben gezeigt, dass über 50 Prozent der Betroffenen Anzeichen eines Energiemangels aufweisen; bei 20 Prozent der Patienten war noch nicht einmal der Ruheumsatz gesichert.

Chronische Entzündungen begünstigen Appetitlosigkeit und Bewegungsarmut, beschleunigen den Abbau der Skelettmuskulatur und bewirken indirekt (über die verordneten NSAR und Glucokortikoide) Mineralien- und Vitaminmangel.

Um den Ernährungszustand zu ermitteln, haben die Berliner Forscher die Körperzusammensetzung analysiert. Die Bioelektrische Impedanzanalyse ergab, dass die Anteile von Körperwasser, Muskel- und Fettmasse bei vielen Patienten nicht in einem angemessenen Verhältnis zueinander standen - der Anteil an Muskelmasse war zu niedrig.

"Dies fällt bei der sonst üblichen Bestimmung des BMI nicht auf. Es kann eine starke Mangelernährung vorliegen, ohne dass sich das Körpergewicht und damit der BMI nennenswert ändert."

Schmerz und Funktionsstörung

In der rheumatologischen Kerndokumentation von 2007 haben 22 Prozent der RA-Patienten angegeben, sehr starke Schmerzen zu haben; weitere 39 Prozent haben mittelschwere und leichte Schmerzen. 42 Prozent haben deutliche Funktionseinschränkungen, 22 Prozent schwere Einschränkungen (maximal 50 Prozent der vollen Funktionsfähigkeit).

Jeder dritte erwerbstätige RA-Patient, der noch nicht länger als zwei Jahre erkrankt ist, musste sich 2009 mindestens einmal krankschreiben lassen (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, RKI Heft 49, 2010). Nach fünfjähriger Krankheitsdauer sind 26 Prozent der ambulant behandelten Patienten auf Hilfe im Alltag angewiesen. (ugr)

85 Prozent der untersuchten RA-Patienten hatten einen normalen und 5 Prozent einen verringerten BMI - obwohl 18 Prozent der Frauen sowie 89 Prozent der Männer einen deutlich erhöhten Fett- und einen zu niedrigen Anteil an Muskelmasse hatten.

Ein Verlust an Muskelmasse ist assoziiert mit einem fortschreitenden Funktionsverlust und korreliert mit einer schlechten Prognose. Riemekasten: "Rheumapatienten mit ausgeglichener Körperzusammensetzung sterben dagegen nicht frühzeitig.

Der Ernährungszustand ist der beste Prognosefaktor, besser als alle Biomarker." Mangelernährung sollte möglichst früh diagnostiziert und behoben, zumindest aber positiv beeinflusst werden, so Riemekasten. Die BMI-Bestimmung hält sie nicht geeignet für die Diagnosestellung; die Therapie richtet sich nach der Schwere der Mangelernährung und sollte eine intensive Ernährungsberatung zur Folge haben.

Ähnliche Bedeutung räumt Psychologin Kerstin Mattukat von der Uni Halle-Wittenberg dem Faktor Bewegung ein. "Regelmäßige körperliche Aktivität erhöht die Muskelkraft, verbessert Fitness und Funktionalität und reduziert Schmerzen, Depressionen und Erschöpfungszustände."

Das hat eine Studie mit 419 RA-Patienten ergeben, die während eines dreiwöchigen Reha-Aufenthaltes ein intensives Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining durchlaufen haben. Auch sechs Monate nach der Reha ging es sportlich aktiven Patienten signifikant besser als vor Therapiebeginn; 74 Prozent von ihnen waren regelmäßig körperlich aktiv.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Geldschein, teilweise bedeckt von Stethoskop

© photocrew / stock.adobe.com

Kostenstrukturanalyse

Privatanteil an den Einnahmen geht leicht zurück

Logo Cardisio

© oxyven

Oxyven

Intravenöse Sauerstofftherapie mit Applimed-O2 1000

Kooperation | In Kooperation mit: Tag der Privatmedizin
Jugendliche die schon früh, ohne Eltern in die Sprechstunde kommen, werden selbstständiger.

© Racle Fotodesign / stock.adobe.com

Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen

Wie gelingt der Übergang vom Pädiater in die Erwachsenenmedizin?

Frauen erhalten eine andere und meist schlechtere Behandlung als Männer. Sie sind häufiger vom Medical Gaslighting betroffen, insbesondere in der Kardiologie.

© NPS Studio / stock.adobe.com

Hormone, Schwangerschaft, Wechseljahre

Warum ein Diabetes Frauen anders trifft als Männer

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Tab. 1: Ansprechen untersucht in unabhängigen radiologischen Reviews nach RECIST-v1.1-Kriterien

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [13]

Tenosynoviale Riesenzelltumoren

Diagnose und Therapie erfordern orthopädische und onkologische Expertise

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Deciphera Pharmaceuticals (Germany) GmbH, München

Vom Warnsignal zur RNAi-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

© Rasi / stock.adobe.com

Chronische Herzinsuffizienz

HFpEF: Diagnostik, Therapie und Monitoring für die tägliche Praxis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Bayer Vital GmbH, Leverkusen
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Erfahrungsberichte aus ärztlicher Perspektive

DiGADocs: Hausärzte testen Digitale Gesundheitsanwendungen für Kollegen

Klassifikation von Herztönen nach Auskultation

Zusammenarbeit Mensch und KI: Das Vertrauen kann täuschen

Lesetipps
Amyloid-Antikörper bindet an Nervenzelle.

© ustas / stock.adobe.com

Rückblick

Ein Jahr Alzheimer-Antikörper: Was sich getan hat

Richterhammer und Klemmbrett

© Andrii / Stock.adobe.com

Interview

EU AI Act: Was die neuen Transparenzpflichten für Praxen bedeuten

Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus

© iLexx / Getty images / iStock

Vergleich der Kreise

Wo MRSA-Infektionen besonders häufig sind