Medikament gegen Tau-Protein

Rückschlag im Kampf gegen Alzheimer

Auf ihm lag die Hoffnung der Alzheimer-Forschung: Leuko-Methylthioniumchlorid, ein Wirkstoff gegen das Tau-Protein. Nun scheint sich die Hoffnung zu verflüchtigen.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Das Alzheimer-Medikament Leuko-Methylthioniumchlorid zeigte in einer Phase-III-Studie nur wenig Wirkung.

Das Alzheimer-Medikament Leuko-Methylthioniumchlorid zeigte in einer Phase-III-Studie nur wenig Wirkung.

© Osterland / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Vor einigen Jahren sorgte eine Phase-II-Studie mit dem Methylenblau-Derivat Leuko-Methylthioniumchlorid (LMTM) für Aufsehen: Die Progression der Alzheimerdemenz bei leicht bis mittelschwer erkrankten Patienten ließ sich offenbar verhindern - der ADAS-Cog-Wert blieb über zwei Jahre hinweg weitgehend konstant, während er mit Placebo um etwa sechs Punkte fiel.

Auch in der SPECT-Bildgebung deutete sich ein Stopp der Krankheitsprogression an. Die weitere Abnahme des zerebralen Blutflusses in von Alzheimer betroffenen Hirnregionen blieb aus.

Nun scheint die Substanz den Weg so vieler potenziell krankheitsmodifizierender Wirkstoffe gegen Alzheimer zu gehen: Auf einer Alzheimertagung in Toronto wurden erste Daten einer Phase-III-Studie vorgestellt, und da war von den vermeintlichen Effekten nicht mehr viel zu sehen.

Streit zwischen "Tauisten" und "Beta-Aptisten"

Nach dem Scheitern so vieler Anti-Amyloid-Wirkstoffe trifft es hier einen ganz anderen Ansatz: LMTM richtet sich gegen Tau-Fibrillen und deren Vorstufen, die Tau-Oligomere. Tau aggregiert bekanntlich zu intrazellulären Filamenten und stellt das zweite histopathologische Schlüsselmerkmal der Alzheimerdemenz dar. Seit langem tobt ein Streit zwischen "Tauisten" und "Beta-Aptisten", welches der beiden Proteine bei der Alzheimerpathogenese die Hauptrolle spielt.

Der Experten-Mainstream steht weitgehend auf Seiten der Beta-Amyloid-Hypothese und geht davon aus, dass die Tau-Filamente eher als Spätfolge der Erkrankung auftauchen - der Schutt quasi, der übrig bleibt, nachdem die Neuronen verendet sind.

Andere, darunter Professor Claude Wischik von der Universität in Aberdeen in Schottland, sind anderer Ansicht. Sie vermuten Probleme bei der zellulären Müllbeseitigung im Gehirn, als deren Folge zunächst Tau-Aggregate und dann auch Beta-Amyloid-Klumpen entstehen. Dies müsste sich mit einer Anti-Tau-Therapie verhindern lassen.

Hoffnung auf Behandlung gegen Tau-Protein

Nachdem so viele Anti-Amyloid-Therapeutika gescheitert sind, nicht weil sie kein Amyloid abbauen konnten, sondern weil dieser Abbau bei Alzheimerkranken nichts bewirkte, richtete sich eine gewisse Hoffnung auf die Behandlung gegen Tau-Protein.

Wischik gründet die Firma TauRx Therapeutics und sammelte Geld für zwei Phase-III-Studien mit LMTM ein. Erste Daten aus einer der beiden Studien wurden nun auf der internationalen Alzheimerkonferenz in Toronto präsentiert.

An der Studie nahmen knapp 900 Alzheimerpatienten mit leichter bis moderater Demenz teil (MMST-Wert zwischen 26 und 14 Punkten), 85 Prozent erhielten eine etablierte Alzheimertherapie mit Cholinesterasehemmern oder Memantine, zusätzlich bekamen alle Patienten entweder 150 oder 250 mg/d LMTM oder Placebo.

Bei den Patienten, die mit etablierten Antidementiva behandelt wurden, ergab die Zusatzbehandlung mit LMTM keine kognitiven Vorteile: Die Veränderungen auf wichtigen Kognitionsskalen wie ADAS-Cog und MMST, aber auch bei Skalen zu Erfassung der Alltagskompetenz wichen nicht signifikant von denen unter Placebo ab. Lediglich bei den 15 Prozent der Patienten, die keine Antidementiva nahmen, verlangsamte sich der kognitive Abbau deutlich im Vergleich zu Placebo.

Nur wirksam als Monotherapie

"Der primäre Studienendpunkt wurde zwar verfehlt, aber bei Patienten mit LMTM-Monotherapie war der kognitive Abbau geringer als unter Placebo und auch geringer als bei Patienten mit LMTM-Zusatztherapie", wird Studienleiter Professor Serge Gauthier von der McGill-Universität in Montreal in einer Kongressmitteilung zitiert.

Was das genau bedeutet, ist noch unklar, möglicherweise beeinträchtigen Interaktionen mit klassischen Antidementiva den Therapieerfolg, hier müssen wohl erst Ergebnisse der zweiten Phase-III-Studie abgewartet werden.

Andere Experten warnen jedoch vor übereilten Interpretationen, nur weil eine kleine Zahl von Demenzkranken mit LMTM-Monotherapie zu profitieren scheint. "Das der Öffentlichkeit als vielversprechenden Ansatz zu verkaufen lässt sich nicht rechtfertigen", sagte Dr. Rachelle Doody vom Alzheimerforschungszentrum in Houston der "New York Times".

Natürlich könnte auch hier das Problem bestehen, dass eine Therapie bei bereits erkrankten Patienten zu spät kommt. Mit Spannung wird daher erwartet, ob die zweite Studie mit nur leicht Erkrankten bessere Resultate liefert.

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