ZNS-Tumoren/Hirntumor

Therapien gegen Gliome in Sicht?

Das Forschungszentrum DKFZ in Heidelberg ist am weltweiten Krebsgenomprojekt beteiligt. Erste überraschende Erkenntnisse gibt es beim Gliom.

Veröffentlicht:

HEIDELBERG (bd). Hochaggressive Glioblastome bei Kindern und jungen Erwachsenen haben sehr charakteristische Mutationen in Histon Genen, die es erlauben, spezifische molekulare Subtypen zu bestimmen mit der therapeutischen Option, möglicherweise ganz gezielt in die entsprechenden Signalkaskaden eingreifen zu können.

Dass es sich bei Glioblastomen im Kindesalter um eine epigenetische Erkrankung handeln könnte, ist eines der ersten Ergebnisse aus dem weltweiten Krebsgenomprojekt, in welchem Forscher des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg die Genome der Hirntumoren von 500 Kindern sequenzieren.

Der Leiter der DKFZ-Arbeitsgruppe "Molekulargenetik kindlicher Hirntumore", Privatdozent Stefan Pfister, hat vor Kurzem bei einer dkfz-Veranstaltung in Heidelberg über die neuen Erkenntnisse beim Glioblastom berichtet, die jetzt auch in "Nature" publiziert worden sind (Nature 2012; online 29. Januar).

Mutationen im Bauplan für einen Proteinkomplex

Glioblastom bei Kindern

Das maligne Gliom bei Kindern ist mit einem Anteil von fünf Prozent der Hirntumoren bei Kindern sehr selten.

Der sehr aggressive Tumor entsteht de novo, weist also keine malignen Vorstufen auf und ist bei Diagnose meist schon weit in gesundes Nachbargewebe eingewachsen. Weniger als 20 Prozent der Kinder überleben drei Jahre.

Histopathologisch sind diese Glio blastome nicht von denen bei Erwachsenen zu unterscheiden. Sie haben eine gleich schlechte Prognose, sind aber bezüglich genetischer Veränderungen sehr unterschiedlich.

Die Heidelberger Wissenschaftler haben in fast der Hälfte aller Glioblastomerkrankungen bei Kindern (45 Prozent) Mutationen im Bauplan für einen Proteinkomplex gefunden, der aus den drei Genen ATRX, DAXX und H3.3 besteht. Die analysierten Proben stammten von 48 Kindern mit Glioblastoma multiforme.

Am interessantesten ist in diesem Zusammenhang das Gen H3.3, ein Histon-Gen. Histone sind wichtige Eiweißmoleküle, um die DNA im Zellkern zu organisieren - zu verpacken - und weisen kaum Mutationen auf. Die Proteine sind Bestandteile des Chromatins und machen etwa die Hälfte der Eiweißmoleküle im Chromatin aus.

"Bisher wurde auch keine einzige Mutation in diesem Protein bei Krebs oder sonstigen Erkrankungen gefunden", sagte Pfister. "So ist man davon ausgegangen, dass diese gar nicht mutiert werden können."

Häufig sind bei Krebs allerdings Mutationen in nachgelagerten Genen beschrieben, welche die Histonkomplexe epigenetisch, etwa durch Anhängen von Methylgruppen, modifizieren.

Nur bei Kindern und jungen Erwachsenen

Histonmutationen wurden bei der Analyse von fast 800 Gliomen verschiedener Malignitätsgrade und Altersstufen der Patienten tatsächlich nur bei Kindern und jungen Erwachsenen gefunden, und zwar ausschließlich bei den hochaggressiven Tumorformen.

Nach Angaben von Pfister scheinen diese Mutationen sehr spezifisch für die hochaggressiven Glioblastome zu sein, und zwar bei Kindern und jungen Erwachsenen.

Zudem fanden die Forscher in diesen Tumoren verlängerte Telomeren, also die Regionen an den Enden der Chromosomen. Diese verlängerten Endstücke der Chromosomen in Tumoren mit Histonmutationen verleihen den Zellen einen Überlebensvorteil.

Diese neuen Erkenntnisse erlauben Pfister zufolge eine differenziertere molekulare Klassifikation bei Glioblastomen. Als Kinderarzt erhofft er sich umgehende therapeutische Konsequenzen durch einen zielgerichteten Eingriff in die nachgelagerten Signalkaskaden. Im Tiermodell erproben dies die Wissenschaftler bereits.

Das könnte Sie auch interessieren
Management tumorassoziierter VTE

© Leo Pharma GmbH

CME-Fortbildung

Management tumorassoziierter VTE

Anzeige | Leo Pharma GmbH
CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

© Leo Pharma GmbH

Empfehlungen

CAT bei „3G“-Tumoren richtig managen

Anzeige | Leo Pharma GmbH
Die Ära der Immunonkologie: bessere Chancen für Krebspatienten

© Bristol-Myers Squibb

Immunonkologie mit dem Schwerpunkt Biomarker

Die Ära der Immunonkologie: bessere Chancen für Krebspatienten

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Prädiktion in der Immunonkologie mit Biomarkern

© Alpha Tauri 3D Graphics / shutterstock

Immunonkologie mit dem Schwerpunkt Biomarker

Prädiktion in der Immunonkologie mit Biomarkern

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

© Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA

CAR-T-Zelltherapie

OH-Ton – Trifft den Ton in der Onkologie & Hämatologie

Anzeige | Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Die Coronakrise hat den Pflegekräften an der Charité zugesetzt. Um sie zu unterstützen, gehören inzwischen zehn Psychologen zum Team. Sorgen können dadurch unkompliziert in den Pausen angesprochen werden.

© Alexander Raths / stock.adobe.com

Supervision an der Kaffeetasse

Wie die Charité ihren COVID-Kräften Beistand leistet

Pandemiebedingt sind in den ersten neun Monaten die Arzthonorare bei den 102 Kassen nur um knapp 1,8 Prozent gestiegen. GKV-weit nahmen die Leistungsausgaben inklusive Verwaltungskosten um rund 4,8 Prozent zu.

© Stockfotos-MG / stock.adobe.com

Kassenfinanzen

Kassen bunkern noch 13,6 Milliarden Euro