Blasenkarzinom

Unsterblichkeits-Enzym macht Krebs aggressiv

Durch eine Mutation wird vermehrt Telomerase gebildet. Die Zellen werden dadurch quasi unsterblich.

Veröffentlicht:

HEIDELBERG. Wissenschaftler aus dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) haben bei 65 Prozent aller Fälle von Blasenkrebs eine Erbgut-Veränderung entdeckt, die zu übermäßiger Aktivität der Telomerase führt (PNAS 2013, online 7. Oktober).

Die Mutation sei mit einem ungünstigen Verlauf der Erkrankung assoziiert, teilt das DKFZ mit. Dies gelte jedoch nicht, wenn die Patienten zusätzlich Träger einer bestimmten Genvariante sind.

Am DKFZ hätten Wissenschaftler um Dr. Rajiv Kumar kürzlich beim Melanom eine weitverbreitete Erbgutveränderung entdeckt, berichtet das DKFZ. Die Mutation betrifft die als "Unsterblichkeitsenzym" bezeichnete Telomerase.

Daten von 327 Patienten analysiert

Um die Bedeutung dieser Erbgut-Veränderung bei anderen Krebsarten aufzuklären, analysierten die Forscher nun gemeinsam mit Kollegen vom schwedischen Karolinska-Institut das Tumorerbgut von 327 Blasenkrebs-Patienten. Bei 65 Prozent der Tumoren hätten sie die identische Veränderung entdeckt, so das DKFZ.

Bei der Zellteilung schützt die Telomerase die Enden der Chromosomen vor dem Abbau und damit die Zelle vor Alterung und Tod.

Durch die Mutation entsteht in der Schalterregion (Promotor) des Telomerase-Gens eine Bindungsstelle für Proteinfaktoren, die das Gen übermäßig aktivieren.

Als Folge bilden die mutierten Zellen vermehrt Telomerase und erlangen dadurch quasi Unsterblichkeit.

Bei Mutation ungünstiger Krankheitsverlauf

Patienten, deren Tumorerbgut die Mutation enthält, hatten einen ungünstigeren Krankheitsverlauf und der Krebs kehrte nach Behandlung häufiger zurück, heißt es in der Mitteilung des DKFZ.

Dies galt aber nicht generell, sondern nur, wenn zusätzlich an einer anderen Stelle des Telomerase-Genschalters eine bestimmte "Schreibweise" vorlag. Solche alternativen Schreibweisen an einzelnen Erbgut-Positionen werden als Polymorphismen bezeichnet.

Nur Patienten, mit der häufigeren, "normalen" Schreibweise seien vom ungünstigen Effekt der Telomerase-Mutation betroffen gewesen, so das DKFZ. Bei Trägern der selteneren, varianten Version habe sich der Effekt dagegen kaum bemerkbar gemacht.

Die Forscher vermuteten, dass die seltenere Schreibweise den aktivierenden Effekt auf die Telomerase wieder aufhebt.

Kumar geht davon aus, dass während der Krebsentstehung Zellen mit der aktivierenden Mutation im Telomerase-Promoter begünstigt sind: "Weil sie sich so häufig teilen, sind Tumorzellen von der Telomerase abhängig, um ihr Erbgut intakt zu halten."

Hoffnung auf Wirkstoffe gegen die Telomerase

Die Bedeutung der Telomerase für Krebszellen ist wiederum eine Chance, Blasenkrebs mit neuartigen Medikamenten zu behandeln. Wirkstoffe gegen die Telomerase sind bereits entwickelt, einige werden sogar schon in klinischen Studien der Phase III geprüft.

Eine Blockade der Telomerase könne möglicherweise auch das Wachstum von Blasenkrebs bremsen, so das DMFZ in seiner Mitteilung.

Außerdem sähen Kumar und Kollegen in der Kombination aus Mutation und Genvariante einen vielversprechenden Biomarker, der den Verlauf der Erkrankung vorhersagt.

Die Mutation im Telomerase-Promotor wurde bei 65 Prozent aller Blasenkrebs-Fälle, bei 74 Prozent der Melanome sowie bei 83 Prozent aller Glioblastome entdeckt.

"Die meisten Erbgut-Analysen konzentrieren sich bei der Suche nach krebsfördernden Mutationen auf die proteinkodierenden Bereiche des Genoms", wird Kumar zitiert. "Das erklärt, warum diese extrem häufige Mutation erst so spät entdeckt wurde." (eb)

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