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Herzinfarkt

Untergewicht birgt per se ein erhöhtes Sterberisiko

Offenbar birgt Untergewicht – auch unabhängig von dafür ursächlichen Erkrankungen – für Infarktpatienten ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko. Dieser Nachteil ließ sich in einer Studie selbst nach Adjustierung auf Komorbiditäten beobachten.

Von Veronika Schlimpert Veröffentlicht:
Untergewichtige sind vermutlich aufgrund geringerer physiologischer Reserven weniger widerstandsfähig.

Untergewichtige sind vermutlich aufgrund geringerer physiologischer Reserven weniger widerstandsfähig.

© kikovic / Fotolia.com

NEW HAVEN. Schon länger ist bekannt, dass untergewichtige Patienten nach einem Herzinfarkt einem höheren Mortalitätsrisiko ausgesetzt sind als normalgewichtige. Unklar war allerdings, ob für diese erhöhte Sterblichkeit tatsächlich der niedrige BMI verantwortlich oder das Untergewicht bloß Ausdruck eines schlechten Allgemeinzustandes ist, sprich diese Patienten an einer Kachexie als Folge von schweren chronischen Erkrankungen leiden.

Therapiestrategien zielen daher darauf ab, zugrundeliegende Ursachen des Untergewichts der Patienten in den Griff zu bekommen. Das Gewicht selbst gezielt etwa durch eine optimierte Kalorienzufuhr zu steigern, spielt bisher weniger eine Rolle.

Erhöhte Sterblichkeit Jahre später

Das könnte sich nach den Ergebnissen einer aktuellen prospektiven Kohortenstudie vielleicht ändern. Die Studienautoren um Emily Bucholz von der Yale Universität fanden nämlich heraus, dass Untergewicht bei Infarktpatienten ein unabhängiger Risikofaktor für den Tod ist (PLoS Med. 2016 Apr 19; 13(4): e1001998).

Die Überlebenschancen der Untergewichtigen scheinen sogar selbst nach vielen Jahren noch deutlich niedriger zu sein als die der Normalgewichtigen – und zwar unabhängig davon, in welchem Allgemeinzustand sich die Patienten bei Klinikaufnahme befanden.

Zu diesem Schluss kamen die Wissenschaftler, nachdem sie Daten von 57.574 über 65-jährigen Personen, die im Zeitraum von 1994 bis 1996 einen Infarkt erlitten hatten und daher im Rahmen des "Cooperative Cardiovascular Projekt" registriert worden sind, ausgewertet und deren BMI mit den Mortalitätsraten nach 30 Tagen, 1, 5 und 17 Jahren in Beziehung gesetzt haben.

Demnach hatten – nach Adjustierung auf Komorbiditäten, Gebrechlichkeit, Ernährungsstatus und Laborparametern – untergewichtige Infarktpatienten (BMI < 18,5 kg / m2) ein signifikant um 13 Prozent höheres Risiko, innerhalb der ersten 30 Tage zu sterben, als normalgewichtige (18,5 = BMI < 25 kg / m2). Nach 17 Jahren war das Risiko sogar um 26 Prozent erhöht. Die niedrigsten Überlebenschancen hatten Patienten, deren BMI in einem sehr niedrigen Bereich unter 17 kg / m² gelegen hatte; die höchsten hingegen hatten Patienten mit einem BMI im oberen "normalen" Bereich (> 24 kg / m2).

Die Wissenschaftler wiederholten die Analyse, diesmal mit Patienten, die zwar untergewichtig, nicht aber an relevanten Erkrankungen wie COPD, Alzheimer, HIV, Schlaganfall und so weiter erkrankt beziehungsweise gebrechlich waren (1.081 Teilnehmer). Die 30-Tage-Sterblichkeit der untergewichtigen Infarktpatienten lag hier zwar in einem ähnlichen Bereich wie die der normalgewichtigen.

Nach einer gewissen Zeit driften die Überlebenskurven aber auseinander: So hatten Patienten mit einem BMI unter 18,5 kg / m2 nach 17 Jahren eine um 21 Prozent niedrigere Überlebenschance als die normalgewichtigen.

Sind untergewichtige Menschen weniger resilient?

"Ein niedriger BMI ist somit ein unabhängiger Prädiktor für Tod nach einem Herzinfarkt, selbst bei Patienten mit sehr geringem Kachexie-Risiko", schlussfolgern Erstautor Bucholz und seine Kollegen. Die Kachexie trage zwar zu einem gewissen Anteil dieses Sterblichkeitsnachteils bei, doch scheine es hier noch weitere Mechanismen zu geben.

So vermuten die Forscher, dass untergewichtige Menschen aufgrund der geringeren physiologischen Reserven weniger widerstandsfähig und gerade im Falle eines weiteren infarktbedingten Gewichtverlustes anfälliger für Komplikationen wie Infektionen oder prozedurale Folgen wie Blutungen sind. Sei dieser Kreislauf erst mal in Gang gesetzt, würden die Patienten sich womöglich niemals wieder richtig erholen, spekulieren die Wissenschaftler, weshalb selbst Jahre später eine erhöhte Sterblichkeit dieser Patienten zu beobachten sei.

Eine weitere Erklärung sehen Bucholz und Kollegen in der Pathophysiologie des Myokardinfarktes, die sich bei untergewichtigen Infarktpatienten womöglich anders äußert. Da die Adipositas wesentlich zu der Entwicklung einer KHK beitrage, könnten bei diesen Menschen genetische Prädispositionen eine größere Rolle spielen.

Natürlich können die Studienautoren aufgrund gewisser Limitationen der Studie (zum Beispiel keine Daten zum Gewichtsverlauf, die Kachexie wurde nur indirekt bestimmt) nicht ausschließen, dass verbleibende Störfaktoren zu dem beobachteten Zusammenhang geführt haben.

Strategien zur Gewichtszunahme

Trotz allem sind die Wissenschaftler der Ansicht, dass Strategien, die auf eine Gewichtszunahme unabhängig von der Ursache des Untergewichts abzielen, in künftigen Studien untersucht werden sollten. Diese könnten beispielsweise eine zusätzliche Kalorienzufuhr bei stationär liegenden Infarktpatienten und eine spezielle Ernährungsberatung nach einem Klinikaufenthalt beinhalten. Auch eine pharmakologische Intervention mit Substanzen wie Omega-3-Fettsäuren, die zu einer Gewichtszunahme beitragen, sei denkbar.

13% höher war das Risiko für untergewichtige Infarktpatienten innerhalb der ersten 30 Tage zu sterben – im Vergleich zu dem Normalgewichtiger. Nach 17 Jahren war das Risiko sogar um 26 Prozent erhöht.

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Kommentare
Hartwig Raeder 08.05.201706:51 Uhr

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